Vor allem in den Krankenhäusern großer Städte wird seit einigen Jahren ein Phänomen registriert. Immer öfter werden suizidale Patienten eingeliefert, die sterben wollten, weil ihre Beziehung zerbrochen ist. Meistens durch die Untreue der Partnerin oder des Partners. Früher hielten sich Betroffene bedeckt, sexuelle Fremdgänge waren mit dem Makel der Schande behaftet. Das hat sich geändert. Untreue ist kein moralisches Verbrechen mehr, aber fast immer eine große seelische Belastung, vor allem für die Betrogenen. Denn Treue hat in einer Partnerschaft immer noch einen hohen Wert. Das weiß Dirk Revenstorf, Psychologe und Paarberater in Tübingen. In seinem Buch „Liebe und Sex in Zeiten der Untreue“ hat er seine Erkenntnisse zusammengefasst.

Herr Revenstorf, die meisten Menschen wünschen sich in einer Beziehung Treue. Immer häufiger aber kommt es zur Untreue. Kann man sich in vorausschauender Weise darauf einstellen?

Nur, indem man sich von Anfang an klarmacht, dass das passieren kann. Menschen finden es reizvoll, ihren Blick auch außerhalb einer Beziehung schweifen zu lassen. Untreue beginnt oft, wenn die Absicherung der Familie gelungen, aber die Beziehung darüber eingeschlafen ist. Dass dann noch einmal bei der Begegnung mit anderen das Prickeln einsetzt, ist vorhersehbar.

Gibt es Zahlen, wie viele Menschen hierzulande fremdgehen, wie es so schön heißt?

Genau werden wir es nie erfahren, die moralische Schranke ist sehr hoch. Die meisten, die einen Seitensprung hinter sich haben, werden das nicht zugeben. Die Dunkelziffer dürfte groß sein.

Gibt es bestimmte Typen, männlich wie weiblich, die mehr zur Untreue neigen als andere?

Wir leben in einem narzisstischen Zeitalter, das Selbstwertgefühl muss ständig von außen bestätigt werden. Wenn zu Narzissmus und Opportunismus eine relative Angstfreiheit hinzukommt, wird vor einer Außenbeziehung nicht zurückgeschreckt.

Ist das bei beiden Geschlechtern so?

Frauen sind anders narzisstisch, sie zeigen das in ihrer Mode, beim Schminken oder auf Facebook. Sie wollen gesehen werden.

Stimmt es, dass Frauen beim Seitensprung aufgeholt haben? Dass heute vermutlich mehr Frauen als Männer untreu sind?

Frauen kehren ihre Untreue eher unter den Teppich, anders als Männer, die gern aufzählen, mit wie vielen Frauen sie schon Sex hatten. Die sozialen Fertigkeiten der Frauen sind ausgeprägter.

Wo beginnt Untreue? Beim Sex außerhalb einer Beziehung? Oder beim Ansehen eines Pornos? Oder bereits bei einem Kuss?

Das ist ganz verschieden. Ich hatte ein Paar in meiner Praxis, bei dem die Frau es als untreu empfand, dass ihr Mann Pornos anschaute. Ob er dabei masturbierte oder nicht, interessierte sie nicht. Es war die affektive Zuwendung ihres Mannes zu anderen weiblichen Körpern, die ihr zusetzte.

Frauen wollen Liebe, Männer wollen Sex?

Männer können in höherem Maße Sex an sich haben, abgekoppelt von Beziehungen. Bei den meisten Frauen geht das nicht so einfach, sie sind stärker auf ihren Partner konzentriert.

Untreue ist für Männer keine große Sache, weil Sex für sie nicht so gefühlsbeladen ist?

Sie erleben ihren Orgasmus flacher. Aber für Männer ist es der Kick, mit einer anderen Frau, einem anderen Körper sexuellen Kontakt zu haben. Frauen wissen das.

In welchem Alter gehen Menschen am meisten fremd?

Nach etwa vier Jahren des Zusammenseins löst sich nicht die Liebe, aber das große Begehren am Körper des Partners auf. Dann kann Langeweile in eine Außenbeziehung treiben. Bei Menschen in der vierten Dekade passiert es oft, dass einer noch mal ausbricht, vor allem, wenn man sich jung gebunden hat.

Wie soll jemand reagieren, wenn er erfährt, dass der andere untreu war?

Frauen neigen schneller dazu auszurasten. Männer fressen den Seitensprung ihrer Frauen in sich hinein oder werden gewalttätig. Ich plädiere dafür, sich auseinanderzusetzen, aber konstruktiv. Und nicht zu schnell alles hinzuschmeißen.

Was löst das psychisch im Menschen aus, wenn er feststellt, dass er für den Partner sexuell nicht mehr die Bedeutung hat, an die er glaubte?

Eine Beziehung, vor allem wenn sie lange währt, ist wie eine psychische Insel, auf der man sich ungeschützt zeigt. Gerade beim Sexuellen. Wird einer von beiden untreu, erlebt das der andere als totale Kränkung. Das kann enorm schmerzhaft sein.

Und was nun?

Jetzt ist es Zeit für eine Inventur. Wenn es dazu zum Beispiel nach dem One-Night-Stand eines der Partner kommt, kann das sehr nützlich sein. Dazu gehört allerdings Ehrlichkeit. Es liegt eine Chance darin, an diesem Punkt ein Gespräch zu beginnen, wie es beide noch nie geführt haben. Ganz schlimm dagegen ist, sich in verstocktes Schweigen zu flüchten.

Wie soll sich ein ertappter Fremdgänger verhalten?

Er kann seinen Partner nur um Verzeihung bitten. Wobei ein One-Night-Stand weniger Bedeutung hat als die lange Außenbeziehung. Er kann zeigen, dass er den Schmerz des Partners sieht. Und der Betroffene sollte seine Wut mit einem gewissen Heroismus ertragen, sich nicht in die Büßerrolle flüchten.

Sie betonen, dass es zwei Sexualitäten gibt: Sex der Verbundenheit und Sex der Lust.

Nach langen Jahren lässt die Libido nach, da funktioniert das Übereinander-Herfallen nicht mehr. Sex sollte dann, so absurd es klingt, geplant werden und Unterschiede bei sexuellen Bedürfnissen zugelassen werden.

Sie schildern auch positive Folgen für Betrügende: Beglückung, Aufwertung, vitales Lebensgefühl, Wollust ohne Verantwortung. Ist das der Kick jenseits des Alltags-Einerleis, der zum Seitensprung führt?

Natürlich! Die illusionäre Überhöhung der neuen Beziehung kann zunächst zelebriert werden. Einem anderen Sexpartner kann ich mich anders präsentieren. Das erlebe ich erst mal als Aufwertung.

Sie raten Untreuen nicht zur totalen Offenheit, sondern eher zur wasserdichten Geheimhaltung.

Beide Partner sollten erwachsen handeln. Wenn er oder sie nach einem Seitensprung alles beichtet, weil es sonst nicht auszuhalten ist – das ist unreif. Und führt erst recht zum Kollateralschaden. Meist ist es besser, den Partner nicht zu belasten.

Ist das nicht eine zu große Last, die man dann vielleicht den Rest des Lebens mit sich herumschleppt?

Manchmal ja, manchmal nein. Es sollte klug abgewogen sein, wie man sich verhält.

Das Gespräch führte Roland Mischke