Alzheimer selbst wird oft mit Vergesslichkeit verbunden – das Symptom sollte aber nicht falsch verstanden werden.
Foto: imago images/Westend61

BerlinLaut der deutschen Alzheimergesellschaft sind weltweit rund 50 Millionen Menschen von Demenzerkrankungen betroffen, bis zum Jahr 2050 werde die Zahl voraussichtlich auf 152 Millionen steigen. Die Zahlen lassen sich unter anderem mit der steigenden Lebenserwartung erklären. 

„Je älter die Patienten werden, desto höher ist das Risiko einer demenziellen Erkrankung“, sagt Dr. Eric Hilf. Der 55-Jährige ist Chefarzt der Klinik für Altersmedizin am Lichtenberger Sana-Klinikum, betreut dort auch Betroffene und ihre Angehörigen. „Durch unser gesundes Verhalten und den medizinischen Fortschritt werden wir Älter, deshalb gibt es mehr Fälle.“

Auch die Angehörigen leiden

Die schwerwiegende Erkrankung sei mit einem großen Stigma verbunden. „Wir definieren uns über unsere kognitive Funktion. Der Verlust der kognitiven Eigenständigkeit trägt auch zum Verlust des Selbstwertgefühls bei.“ Unter den Veränderungen, die Patienten durchmachen müssen, leiden nicht nur sie selbst, sondern auch die Angehörigen. „Denn das autonome Leben des Betroffenen droht eingeschränkt zu werden, was mit vielen Sorgen verbunden ist. Aber das ist das Gute an Berlin: Wir haben hier ein sehr fein abgestuftes Netz und gute Versorgungsmöglichkeiten – ob bei pflegerischer Unterstützung, in Einrichtungen des betreuten Wohnens oder Wohngemeinschaften.“

Die Alzheimer-Krankheit

In Deutschland haben etwa 1,7 Millionen Menschen Alzheimer oder eine andere Demenzerkrankung. Unter Demenz werden verschiedene Leiden zusammengefasst, bei denen die geistige Leistungsfähigkeit sehr stark zurückgeht. Die weitaus meisten Betroffenen haben Alzheimer.

Symptome: Betroffene verlieren innerhalb von Jahren geistige Fähigkeiten und verändern sich in ihrer Persönlichkeit. Die Erkrankung führt in der Regel zu Hilflosigkeit und schwerster Bedürftigkeit sowohl in psychischer als auch in körperlicher Hinsicht. Viele erkennen ihre Angehörigen nicht mehr, manche werden aggressiv.

Ursache: Bei Alzheimer sterben Hirnzellen ab. Es ist unklar, was genau im Gehirn passiert. Eiweißfragmente (Amyloid-Peptide) lagern sich im Hirn ab. Die Zellen schaffen es nicht, die Ablagerungen loszuwerden. Diese stören die Reizübertragung zwischen Hirnzellen und machen sie so funktionsuntüchtig.

Therapie: Es gibt weder eine vorbeugende Impfung noch ein Heilmittel gegen Alzheimer. Medikamente können die Beschwerden allenfalls hinauszögern oder etwas lindern.

Alter: Das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, steigt mit dem Alter. Vor dem 65. Lebensjahr sind nur wenige betroffen, unter den 85- bis 89-Jährigen leidet nach Auskunft der Deutschen Alzheimer Gesellschaft jeder Vierte an Demenz.

Die Erkrankung selbst wird oft mit Vergesslichkeit verbunden – das Symptom sollte aber nicht falsch verstanden werden. „Nur weil jemand ab und zu etwas verlegt oder etwas vergisst, wenn er abgelenkt ist, heißt das nicht automatisch, dass er an Alzheimer erkrankt ist“, erklärt Hilf. „Um eine Diagnose zu treffen, sind umfangreiche Tests nötig.“ Doch es gibt Anzeichen, an denen auch Angehörige erkennen können, dass ein Besuch eines Facharztes angemessen wäre.

Betroffene Patienten verlegen demnach oft Dinge und finden sie nicht wieder. Hinzu kommt, dass die Dinge meist an Plätze gelegt werden, wo man sie nicht erwartet. „Beispielsweise wird der Haustürschlüssel nicht gefunden. Er liegt aber nicht dort, wo man einen Schlüssel normalerweise erwarten würde, sondern beispielsweise im Badezimmer oder im Schlafzimmer“, sagt Hilf. „Oder die Hausschuhe tauchen plötzlich im Kühlschrank auf – und im Bettkasten wird ein Kochtopf entdeckt. Wenn Betroffene die Dinge nicht wiederfinden, geben sie oft an, sie seien gestohlen oder verloren worden.“ Wer bei Angehörigen solches Verhalten entdeckt, sollte über einen gemeinsamen Arztbesuch nachdenken.

Neue Aufgaben halten Körper und Geist in Schwung

Aussagekräftig ist auch das Verhalten in ungewohnten Situationen. „Vielen Menschen gelingt es, in der gewohnten Umgebung ohne Probleme zurechtzukommen. Wenn man seine Angehörigen aber beispielsweise in einen fremden Supermarkt mitnimmt und sie bittet, bestimmte Produkte einzukaufen, kann das ein guter Test sein. Gelingt es nicht, ein solches Problem in einer fremden Umgebung zu lösen, kann auch das ein Anzeichen sein“, sagt der Experte.

Verhindern lasse sich die Erkrankung nicht, denn auch das Gehirn altert. Wer aber vorbeugen möchte, sollte mehrere Maßnahmen im Blick behalten. „Wichtig sind zum einen regelmäßige Arztbesuche – sie schützen nicht nur vor Demenz, sondern auch vor anderen Erkrankungen wie Schlaganfällen und Herzinfarkten“, sagt Dr. Eric Hilf. „Genauso essenziell ist soziale Interaktion, denn sie verbindet Kommunikation mit Bewegung.“

Neue Aufgaben halten Körper und Geist in Schwung. „Kreuzworträtsel und Gehirnjogging sind beispielsweise nicht hilfreich. Viele Patienten haben damit keine Schwierigkeiten, weil sie davon nicht mehr herausgefordert werden. Besser ist es, zum Geburtstag der Nachbarin Blumen zu besorgen und sich darum zu kümmern, dass alle anderen Nachbarn zum Kaffeeklatsch kommen.“

Angehörige helfen Betroffenen in jedem Fall mit Wertschätzung. „Wenn der Vater Handwerker war, kann man mit ihm beispielsweise in den Baumarkt gehen und ihn Werkzeug aussuchen lassen. So bekommt er das Gefühl, dass seine Kompetenz wichtig und gefragt ist. Und über Bestätigung freut sich jeder.“ Wenn die Krankheit diagnostiziert wird und es Angehörige gibt, die sich um den Patienten kümmern können, gebe es mittlerweile sehr gute Handlungsanweisungen. Sodass Betroffene auch mit der Erkrankung einen guten Lebensabend verbringen können.