BerlinIn Deutschland müssen Pflegekräfte mit einer Corona-Infektion notfalls auch zur Versorgung der immer zahlreicheren Covid-19-Patienten zum Dienst antreten. Das räumte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Freitag in Berlin ein. Dafür erntete er heftige Kritik. Der Vorstand der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagte: „Corona-Infizierte weiterarbeiten zu lassen, ist der politische Offenbarungseid.“ 

Werden vermehrt Pflegekräfte eingesetzt, auch wenn sie mit Corona infiziert sind? Es gibt unterschiedliche Angaben darüber, welches Ausmaß dieses Problem bereits angenommen hat. 

Erhebungen darüber, wie viele mit Corona infizierte Pflegekräfte seit Beginn der Pandemie gearbeitet haben, gibt es nicht. Ein Sprecher der Gewerkschaft Verdi sagt unter Berufung auf aktuelle Rückmeldungen aus Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen der dpa: „Das sind keine Einzelfälle mehr.“ Viele Krankenhäuser unterließen es aus Umsatzgründen, trotz dramatisch steigender Infektionszahlen nicht nötige Eingriffe zurückzufahren, obwohl sie Kapazitäten für die Versorgung von Covid-19-Patienten schaffen müssten.

Die Gewerkschaft erreichten in den vergangenen Tagen vermehrt Meldungen, dass Beschäftigte weiter an ihrem Arbeitsplatz in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen eingesetzt würden, obwohl sie auf SARS-CoV-2 noch ohne Befund getestet oder sogar positiv getestet worden seien. „Mal meldet ein Betriebsrat 40 Fälle von Arbeitsquarantäne in seinem Betrieb, mal ruft ein Mitglied an, das vom Gesundheitsamt trotz Quarantäne arbeiten geschickt wird“, zitiert die Deutsche Presse-Agentur die Gewerkschaft. Dies gelte außer für Kliniken auch für diverse Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen.

Spahn beruft sich auf Empfehlungen des RKI

Wenn etwa die Versorgung in einer Klinik drohe zusammen zu brechen, gebe es die „Rückfallposition“, „die positiv Getesteten mit ganz besonderen Schutzvorkehrungen auch arbeiten zu lassen“, hatte der Gesundheitsminister am Donnerstagabend auf dem Deutschen Pflegetag gesagt. Eigentlich wolle man dies vermeiden. Vereinzelt habe es aber bereits Situationen gegeben, in denen positiv Getestete unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen mit Masken einer hohen Schutzstufe (FFP2 oder FFP) hätten mithelfen müssen, die Versorgung sicherzustellen.

Spahn beruft sich dabei auf Empfehlungen des Robert Koch-Instituts (RKI) - teilweise: Bei Personalmangel können Kontaktpersonen unter dem medizinischen Personal unter bestimmten Voraussetzungen laut dem deutschen Seuchenschutzinstitut vorzeitig wieder zur Arbeit zugelassen werden. Positiv getestete Pflegekräfte sollten nicht in der Krankenversorgung eingesetzt werden, so das RKI weiter.

Aber: „In absoluten Ausnahmefällen ist die Versorgung nur von COVID-19-Patientinnen und -Patienten denkbar.“ Das jeweilige Gesundheitsamt muss das genehmigen. Auf welcher Grundlage das Amt seine Entscheidung trifft, sei aber maßgeblich von der Eingabe des Arbeitgebers abhängig, so die Deutsche Presse-Agentur. Das Kriterium Personalmangel dürfte eher die Regel als die Ausnahme sein. 

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