Sanitäter des Bundeswehr-Rettungsdienstes bringen die Spezialtrage, mit der Nawalny am Sonnabend in die Charite eingeliefert wurde, zurück in den Krankenwagen.
Foto:  dpa/Kay Nietfeld

BerlinNoch steht die genaue Substanz nicht fest, mit der der Kremlkritiker Alexej Nawalny vermutlich vergiftet wurde. Immerhin konnten die Charité-Ärzte, die den prominenten Patienten seit Sonnabend behandeln, zumindest die Wirkstoffgruppe eingrenzen: Demnach handelt es sich um einen Cholinesterase-Hemmer.

Derartige Substanzen blockieren den Abbau des Nervenbotenstoffs Acetylcholin, der unter anderem im zentralen Nervensystem  eine wichtige Rolle spielt und an der Regulation vieler Körpervorgänge beteiligt ist. So vermittelt er zum Beispiel das willentlich gesteuerte Zusammenziehen der Skelettmuskeln.

Derartige Wirkstoffe gibt es als Arzneien für Krankheiten wie Alzheimer-Demenz. Substanzen wie Donepezil und Rivastigmin werden therapeutisch eingesetzt, um die Erregbarkeit des Nervensystems zu steigern.

Allerdings gibt es auch Chemikalien, die das Enzym, das Acetylcholin abbaut, hemmen. Sie entfalten je nach Dosierung im Körper eine ganz andere Wucht – nämlich eine hochgiftige. Es sind unter anderem als Insektizide und Pestizide eingesetzte sogenannte organische Phosphorverbindungen, die zu Vergiftungen führen können. Zu den Symptomen gehören Krämpfe in den Bronchien und im Magen-Darm-Trakt sowie Herzrhythmusstörungen. Zudem provozieren sie eine Schwäche der Muskulatur, der Atemwege und der Skelettmuskeln.

Als Gegengift sollte so schnell wie möglich Atropin verabreicht werden. Dieses Alkaloid kennt wohl fast jeder von Augenarztbesuchen, denn es erweitert die Pupille und wird für Untersuchungen des Auges verabreicht. Atropin kommt aber auch in der Notfallmedizin zum Einsatz, um Herzrhythmusstörungen zu behandelt.

Toxikologen kennen Vergiftungen mit organischen Phosphorverbindungen vor allem von Unfällen bei der industriellen Herstellung der Mittel und beim Anmischen, Versprühen oder Verdampfen derartiger Substanzen im Rahmen der Schädlingsbekämpfung.

Wie die Erkrankung Nawalnys ausgeht, ist den Charité-Experten zufolge unsicher. Spätfolgen, insbesondere im Bereich des Nervensystems, könnten zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden, teilte die Charité mit.

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