Sie leben vom Fischfang oder vom Ackerbau, haben ein Restaurant in den Dünen oder ein Hotel in den Bergen: Zehn Familien aus unterschiedlichen Staaten, die die Auswirkungen des Klimawandels bereits deutlich spüren, klagen vor dem Gericht der Europäischen Union. Sie verlangen, dass die EU ihr Klimaziel für 2030 verschärft. In erster Instanz wurde die Klage abgewiesen. Doch die Familien geben nicht auf. Im Juli haben sie Berufung eingelegt.

Familie Carvalho, Portugal

Das Jahr 2017 sei ungewöhnlich gewesen, sagt Armando Carvalho. So heiß, dass es selbst für Portugals Inland ungewöhnlich war, dazu windige, ebenfalls heiße Tage, die Luft sehr trocken. Als es dann am 15. Oktober zu brennen begann, konnte niemand das Feuer aufhalten, so eine Kraft entwickelte es. In der Gemeinde, in der die Carvalhos leben, verbrannten 95 Prozent des Landes, auch das Gebiet, das die Familie bewirtschaftet. Eine ausgedehnte Waldfläche, in der Armando Carvalho und sein Sohn dabei waren, Kiefern und Eukalyptus-Bäume durch lokale Arten wie Eichen und Kastanien zu ersetzen, weil sie das für eine nachhaltigere Art der Forstwirtschaft halten. Armando Carvalho ist überzeugt, dass das Feuer ein Beweis dafür ist, welch zerstörerische Folgen der Klimawandel haben wird und schon hat. Er fordert, dass Europas Ökonomie nachhaltig wird – wie sein Wald.

Familie Feschet, Frankreich

Frankreich und Lavendel, das gehört zusammen. Maurice Feschets Stimme klingt wehmütig, wenn er davon spricht. Er glaubt, dass es in Frankreich in einer gar nicht mehr so fernen Zukunft keine Felder mit Lavendel mehr geben und dieser dann weiter im Norden Europas wachsen wird – wo ein Klima herrscht, das die Pflanze mit den blau-lila Blüten und dem intensiven Duft besser verträgt. Seit 50 Jahren baut Maurice Feschet in der Provence im großem Stil Lavendel an, wie schon sein Vater und Onkel. Seit zehn Jahren geht sein Ertrag zurück, manchmal sind in den langen Pflanzenreihen fünf, sechs Meter am Stück vertrocknet. Lavendel kann Trockenheit vertragen, aber mittlerweile kommt es vor, dass es vier oder fünf Monate lang nicht regnet. „Wir hier sehen jeden Tag, wie es der Natur schlechter geht“, sagt Maurice Feschet. „Und es ist kaum zu ertragen.“

Familie Recktenwald, Deutschland

Das Restaurant Seekrug auf Langeoog liegt gleich hinter den Dünen, durch die Fenster sieht man das Meer. Ein Blick, der gut tut, egal, ob die Sonne scheint oder es stürmt – eigentlich. In den letzten Jahren sind die Stürme für Maike und Michael Recktenwald, die den Seekrug betreiben, von einem Naturschauspiel zu einem Grund zur Besorgnis geworden. Die Stürme kommen immer früher, werden immer heftiger, und immer öfter müssen auf der ostfriesischen Insel die künstlichen Dünen erneuert werden, als Schutz gegen die Sturmflut. Michael Recktenwald sagt, schlimm wäre, wenn die Nordsee ins Süßwasserreservoir einbräche. Dann gäbe es auf der Insel kein Trinkwasser mehr. Die Restaurants müssten schließen. Die Recktenwalds sind auf Langeoog geboren. Sie wollen, dass auch ihre Kinder hier eine Zukunft haben. Darum haben sie sich der Klage angeschlossen.

Familie Guyo, Kenia

Fünf Kinder hat die Familie Guyo, die vier ältesten machen sich jeden Morgen auf den eineinhalb Kilometer langen Weg zur Schule, am Nachmittag hüten sie die Ziegen der Guyos. So jedenfalls ist der Plan. In letzter Zeit kommt es nur immer öfter vor, dass es den Kindern schlecht geht, weil es so heiß ist, mehr als 40 Grad, tage- und wochenlang. Sie schlafen schlecht, haben Kopfschmerzen, Ausschlag, Schwächeanfälle. Die Hitzeperioden dauern immer länger, werden immer extremer. Vater Roba Guyo sagt, dass auch Wasser fehlt, zum Trinken und für die Ziegen, auf die die Familie angewiesen ist. Am meisten sorge er sich aber um die Gesundheit seiner Kinder. Die Guyos leben zwar nicht in der EU, die Gemeinschaftsklage soll diese aber auch auf ihre internationale Verantwortung hinweisen. Darum gehört die Familie aus dem nordkenianischen Dorf zu den Klägern.

Familie Elter, Italien

Auf 1600 Meter Höhe befindet sich das Dorf im Aostatal, in dem Giorgio Elter lebt. Er betreibt mit seiner Familie ein kleines Hotel und ist Bio-Landwirt, er pflanzt Stachelbeeren an, Himbeeren, Johannisbeeren, Erdbeeren. Als Kind habe er körbeweise Himbeeren gesammelt, sagt Giorgio Elter, nun würden es immer weniger. Weil die Temperatur im Februar bereits bei 20 Grad liegen kann, bereiten sich auch die Pflanzen früher auf die Blüte vor und erfrieren dann oft, wenn es nochmal kalt wird. Doch Giorgio Elter geht es nicht nur um die Beeren. Er sagt: „Wir haben von unseren Eltern eine Welt, ein Stück Land bekommen und schaffen es als Gesellschaft nicht, dies unseren Kindern genauso weiterzugeben. Das ist eine große Schuld.“ Weil sich die Gesellschaft als Ganzes ändern muss, hat er beschlossen, sich an das europäische Gericht zu wenden.

 Familie Conceição, Portugal

ldebrando Conceição sagt, er habe sich in die Bienen verliebt, als er begann, ihre Sprache zu verstehen. Seit Jahrzehnten arbeitet er nun schon als Imker und kann sich ein Leben ohne Bienen nicht mehr vorstellen. Umso mehr schmerzt es ihn, zu sehen, wie schwer es ihnen fällt, sich den sich verändernden klimatischen Bedingungen anzupassen. Im Sommer wird es manchmal so heiß im Stock, dass die Waben schmelzen. Die milden Winter lassen Schädlinge aktiv werden, die die Bienen befallen, und die Temperaturschwankungen im Frühling sorgen dafür, dass sie aufhören, die lebensnotwendigen Waben zu bauen. Sie seien auf ein Leben mit vier Jahreszeiten eingestellt, inzwischen gäbe es in Portugal im Grunde aber nur noch Sommer und Winter. Noch vor sechs Jahren konnten sich die Bienen allein ernähren, sagt Conceição. Nun sterben sie, wenn er sie nicht füttert. 

Familie Qaloibau, Fiji

Eine Trauminsel, so sieht Vanu Levu auf Fotos aus. Sandstrände, türkisfarbenes Wasser, Kokosnuss-Plantagen, Regenwald. Die zweitgrößte Insel der Republik Fiji gilt noch als Geheimtipp für Touristen. Die Familie Qaloibau – Großmutter, Vater und drei Töchter – lebt vom Ackerbau und vom Fischfang. Doch das wird immer schwieriger. Manche Pflanzen, die sie angebaut haben, wie Kava oder Taro, wachsen schon nicht mehr, es gibt zu viele Dürren und Hitzewellen. Die Meerestemperatur steigt spürbar an, was den Riffen zu schaffen macht – die Korallenbleiche, ein Ergebnis des Temperaturanstiegs, lässt wiederum auch den Fischbestand schrumpfen. Dazu kommen zunehmend Wirbelstürme, einer hat der Familie ihr Boot genommen. „Vergesst niemals: Wir ernten morgen, was wir heute säen“, sagt Vater Qaloibau.

 Familie Vlad, Rumänien

Manchmal fragt sich Petru Vlad, wie hoch hinauf er seine Rinder und Schafe noch bringen soll. Früher fanden sie auf 700 Metern, wo seine fünfköpfige Familie in den Karpaten lebt, genug Gras und Wasser. Inzwischen treibt er die Tiere in 1400 Meter Höhe. Oberhalb von 2000 Metern sei aber nur noch der Himmel, sagt er. Hitzewellen lassen das Gras weiter unten verdorren und die Bäche austrocknen. Dazu kommen extreme Temperaturschwankungen im Frühjahr, die in den Karpaten wie in den anderen Teilen Europas schon fast Normalität sind und die den Ackerbau immer schwieriger machen. Im Februar steigen die Temperaturen stark an und fallen dann wieder so sehr ab, dass es oft noch einmal schneit. Familie Vlad hat darum aufgehört, Kartoffeln und Mais anzubauen. Er wolle kein Geld für die Verluste, sagt Petru Vlad, er wolle Schutz.

Familie Sendim, Portugal

Seit sechs Generationen besitzt die Familie Sendim Land im Süden Portugals. Sie bewirtschaften es auf althergebrachte Weise. Auf den weiten Flächen gibt es keine Monokultur, sondern Korkeichen, Feldwald, Grasland und Sträucher, dazwischen Rinder. Alfredo Sendim hat eine Genossenschaft gegründet, die den Bezug der Angestellten zum Land stärken soll. Er und seine Arbeiter spüren, dass sie im Einklang mit der Natur arbeiten und merken, dass das gut tut. „Das Dilemma ist aber, dass angesichts des Klimawandels alle unsere Bemühungen nicht ausreichen werden“, sagt Alfredo Sendim. Die Temperaturen steigen, er fürchtet, dass das Land, auf dem sein Hof steht, irgendwann eine Wüste sein wird, wenn die Weltgemeinschaft nicht versteht, dass sie handeln muss. „Es ist möglich, auf diesem Planeten ein Paradies zu schaffen“, sagt er. „Daran habe ich keinen Zweifel.“

Verband junger Samen, Schweden

Rentiere gehören zum Volk der Samen wie Polarlichter zu Nordskandinavien. Die Ureinwohner der Region Sápmi, zu der Teile Schwedens, Norwegens, Finnlands und der russischen Halbinsel Kola gehören, haben immer schon Rentiere gezüchtet und viele junge Samen möchten das weiterhin tun. Seit 1963 sind sie in der Jugendorganisation Sáminuorra organisiert, und diese tritt auch als Klägerin auf. Die immer milder werdenden Winter in der Region sind nämlich fatal für die Rentiere: Wenn der Schnee am Boden schmilzt und dann wieder gefriert, ist das Futter oft unter einer Eisdecke eingeschlossen. Die Tiere riechen es nicht und können nicht wie früher im Schnee danach graben. Außerdem sind sie in den warmen Sommern anfälliger für Parasiten. „Wenn wir die Rentiere verlieren, geht die Kultur der Samen verloren“, sagt Sanna Vannar, die Vorsitzende der Sáminuorra.

Die Bilder der Familien wurden vom Climate Action Network Europe zur Verfügung gestellt. Die Informationen zu den einzelnen Klägern hat die Organisation Germanwatch in Wort und Bewegtbildern auf der Internetseite People’s Climate Case gesammelt.