Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie an der Universitätsklinik in Bonn
Foto: Federico Gambarini/dpa

BerlinDeutschland macht sich locker. Die Menschen treffen sich wieder, nicht nur zu zweit, wie es Bund und Länder eigentlich noch immer verfügen, sondern in größeren Gruppen. In Parks hängen Cliquen von Jugendlichen zusammen ab, vor manchem halb offenen Café nippen Erwachsene in enger Runde am Prosecco. Man hat sich so lange nicht mehr gesehen, das Wetter ist so schön.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht den Umschwung vom häuslichen Lockdown mit seinen ausgestorben wirkenden Straßen zum munteren Frühlingstreiben mit Sorge. „Wir bewegen uns auf dünnem Eis“, sagt sie, „lassen Sie uns jetzt das Erreichte nicht verspielen.“

Für einen anderen Politiker geht in diesen Tagen alles nach Plan: Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, hat sich wie kein anderer dafür engagiert, die staatlichen Auflagen so schnell wie möglich zu lockern. Der Beschluss von Bund und Ländern vom 15. April, Schulen und Geschäfte schrittweise wieder zu öffnen, ist vor allem ihm zuzuschreiben.

Laschet hält seinen Kurs auch für wissenschaftlich legitimiert. Schließlich hat er mit Hendrik Streeck, dem Leiter des Instituts für Virologie des Universitätsklinikums Bonn, einen profilierten Experten als engen Berater. Noch dazu einen der wenigen Wissenschaftler, die sofort zur Stelle waren, als im Landkreis Heinsberg der erste deutsche Corona-Hotspot entstand. Der international renommierte HIV-Experte Streeck fing, wie man es als guter Wissenschaftler macht, schon Anfang März an, im Landkreis Heinsberg Daten zu sammeln, um die Lage zu verstehen.

Als Laschet am Gründonnerstag bei einer Pressekonferenz in Düsseldorf mit Blick auf die Bund-Länder-Entscheidung am darauffolgenden 15. April vehement einen Einstieg in den jetzigen Exit forderte, hatte er dabei Streeck an seiner Seite. „Jetzt“ sei die Zeit reif für eine neue Phase in der Pandemie-Strategie, sagte der Virologe – eine Phase schrittweiser Lockerungen. Laschets Forderung erhielt damit wissenschaftlichen Segen.

Zwei Forscher und zwei Sichtweisen auf die Pandemie

Doch an der Qualität dieses Rats gibt es Zweifel. Das hat mit Fehleinschätzungen Streecks im Verlauf der Corona-Krise zu tun und mit seinen engen Verbindungen zu einer Kommunikationsagentur namens StoryMachine: Ausgerechnet den Landkreis, in dem es bis Dienstag 1.743 Infektionen und 60 Tote gegeben hat, hat die Agentur StoryMachine als Showcase für Lockerungen inszeniert. Wie konnte es dazu kommen?

Als Ende Februar der erste deutsche Corona-Patient gemeldet wird, schlägt der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité, einer der weltweit führenden Experten für Coronaviren, umgehend Alarm. „Das ganze Medizinsystem in Deutschland muss sich schon jetzt auf eine mögliche Pandemie vorbereiten. Wir müssen unsere Denkweise verändern von ,wir halten das Virus aus dem Land‘ zu ‚es könnte eine Pandemie auf uns zukommen‘“, sagt Drosten.

Wenige Tage später vertritt Hendrik Streeck in Bonn die entgegengesetzte Meinung. Als die WHO am 30. Januar die Corona-Epidemie zum globalen medizinischen Notstand erklärt, twittert er: „Ich finde die Entscheidung ist falsch. Nach den bisherigen Daten ist die #influenza dieses Jahr eine größere Gefahr als das neue #coronavirus. Die meisten Menschen scheinen nur milde Symptome zu haben.“

Zwei Virologen – zwei Sichten auf die Welt der kommenden Wochen und Monate. Aber auch das Robert-Koch-Institut stuft zu diesem Zeitpunkt das Risiko für Deutschland noch als „gering bis mäßig“ ein.

Doch selbst Mitte März, als die Welt bereits in Alarm ist und Europa zum Schauplatz der schlimmsten Gesundheitskrise seit Jahrzehnten wird, gibt sich Streeck entspannt: „Natürlich werden noch Menschen sterben, aber ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und sage: Es könnte durchaus sein, dass wir im Jahr 2020 zusammengerechnet nicht mehr Todesfälle haben werden als in jedem anderen Jahr“, sagt er der FAZ.

Streeck sagt dabei nicht, was nach bestem Wissen vieler virologischer Kolleginnen und Kollegen die Voraussetzung dafür ist, dass die Sache so glimpflich ausgeht: der harte Lockdown, der die Weitergabe des Virus unterbindet. Dem steht er nämlich äußerst kritisch gegenüber, wie er bei seinen häufiger werdenden Talkshow-Auftritten kundtut.

Am 31. März – nur acht Tage, nachdem Bundeskanzlerin Merkel strenge Beschränkungen für Geschäfte und Sozialkontakte verkündet hat und in einer Zeit, in der das Land versucht, die neuen Regeln zu verstehen und anzuwenden – redet Streeck bereits von der „Exitstrategie“. „Ich persönlich, wieder als Bürger gesprochen, halte es für extrem wichtig“, antwortet Streeck dazu Moderator Markus Lanz in dessen Sendung.

Das begründet er so: „Wir hatten schon mit vielen Viren zu tun und ich sehe einfach, was so eine Ausgangssperre, oder eine Ausgangsbeschränkung, mit den Menschen macht. Ich habe selber Freunde, die sich fragen, ob sie danach noch einen Job haben, oder Freunde, die sich wundern, ob sie ihre Miete irgendwie langfristig bezahlen können, wo ich das im Verhältnis zu anderen Viren und anderen Epidemien, die wir gehabt haben, schon ganz schön drastisch finde als Einschränkung.“

Als Schlüssel für das weitere Vorgehen stellt Streeck seine Studie in der Gemeinde Gangelt im Landkreis Heinsberg dar, die in der Anfangsphase mit am härtesten von der Coronakrise betroffen war: „Darum haben wir eben diese Studie initiiert, um Fakten zu schaffen, um zu sagen, wir haben jetzt eine so-und-so-viel-prozentige Dunkelziffer, so und so viel waren infiziert, und das ist eigentlich die Sterblichkeitsrate.“ Ergebnisoffen werde die Forschung sein, verspricht Streeck. Doch bereits am 6. April erscheint in seinem Namen ein merkwürdiger Tweet: „Je schneller wir erste Erkenntnisse teilen können, desto eher kehren wir in unseren gewohnten Alltag zurück.“ Wer aber sagt, dass dem so sein würde? Dass das Ergebnis nicht vielmehr sein könnte, den Lockdown zu verlängern?

Gerade einmal neun Tage später, am Gründonnerstag, tritt Streeck dann mit NRW-Ministerpräsident Laschet vor die Presse, um erste Ergebnisse zu verkünden – Rekordzeit für eine wissenschaftliche Studie. Laschet stellt die Qualitäten des Forschers und die Bedeutung der „Heinsberg-Studie“ ganz ins Zentrum seiner Lockerungs-Botschaft für die Entscheidungs-Konferenz von Bund und Ländern sechs Tage später. Er spricht von „fundierter Begründung“ seiner Politik und vom Landkreis Heinsberg als „Musterkreis“. Von dort aus könne man „zu Erkenntnissen kommen, die dann wieder für die Politik von Bedeutung sind“.

500 Menschen in 300 Haushalten – „repräsentativ“ ausgewählt – seien auf Antikörper gegen das Virus untersucht worden, sagt Streeck. In der Testgruppe habe die Sterblichkeit bei nur 0,37 Prozent gelegen, fünfmal niedriger, als es die Johns-Hopkins-Universität für Deutschland angebe. Im „Zwischenbericht“, den der Forscher zeitgleich vorlegt, ist davon die Rede, dass 15 Prozent der untersuchten Bevölkerung „bereits Immunität gegen SARS-CoV-2 ausgebildet“ haben, sich nicht mehr mit SARS-CoV-2 infizieren könnten, und dass „der Prozess bis zum Erreichen einer Herdenimmunität bereits eingeleitet ist“. Streecks Botschaft: Das Coronavirus ist weniger gefährlich als angenommen und in der Bevölkerung schon so weit verbreitet, dass es einen wachsenden natürlichen Schutz gebe. Die Folgerung: Man könne mit Lockerungen „jetzt“ beginnen.

Es sind große Behauptungen für eine kleine Studie, die noch kein Fachkollege kritisch begutachtet hat, wie es sonst üblich ist.

Jetzt, drei Wochen später, ist von Streecks Folgerungen aus Gangelt für ganz Deutschland wissenschaftlich gesehen fast nichts mehr übrig. Dass die Studie „repräsentativ“ nicht für Deutschland, sondern nur für die Gemeinde Gangelt ist, beeilte sich Streecks Forscherteam selbst klarzustellen.

Unklar ist aber vor allem, wie aussagekräftig solche Antikörpertests sind. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) teilte am 24. April mit, es gebe noch keine schlüssigen Studienergebnisse dazu, „ob das Vorliegen von Antikörpern gegen SARS-CoV-2 zu einer Immunität gegen eine weitere Infektion durch das Virus beim Menschen führt“. Die Nachfrage der Berliner Zeitung, ob dies seiner Argumentation nicht zuwiderlaufe, ließ Streeck aufgrund einer „hohen derzeitigen Arbeitsbelastung“ unbeantwortet.

Zentrales Argument von Streeck und Laschet für Lockerungen: Deutschland befinde sich schon auf dem Weg zur „Herdenimmunität“, also einem Zustand, in dem so viele Menschen schon immun sind, dass sich ein Erreger nicht mehr ausbreiten kann. Doch nicht 15 Prozent, sondern mindestens 50 Prozent und bis zu 80 Prozent der Bevölkerung wären dazu nötig. Rechnet man das mit der in Gangelt ermittelten Sterblichkeit von 0,37 Prozent hoch, stürben bis zur „Herdenimmunität“ in Deutschland zwischen 154.000 und 246.000 Menschen.

Forscher der Helmholtz-Gemeinschaft raten davon ab, auf eine solche „Durchseuchung“ der Bevölkerung zu setzen. Es drohe dabei immer eine massive Überlastung des Gesundheitssystems. Die Wissenschaftler raten zum Gegenteil: das Virus möglichst konsequent einzudämmen. Woher also die Botschaft, „jetzt“ zu lockern?

Der Weg zurück in die Normalität

Dass eine Kommunikationsagentur namens StoryMachine Streecks Forschungsarbeiten in Gangelt unter dem Titel „Heinsberg Protokoll“ mit einem Twitter- und einem Facebook-Kanal begleitete, war bereits Anfang April bekannt. Er sei mit Medienanfragen, Twitter und Facebook überfordert gewesen, sein langjähriger Freund Michael Mronz habe Hilfe angeboten, wird Streeck zitiert. Dann aber trat in den Fokus, dass Mronz nicht nur Mitbesitzer von StoryMachine ist, sondern auch Vertreter der von den Corona-Restriktionen hart getroffenen Eventbranche. Mit der Gries Deco Company wurde als einer der Sponsoren des „Heinsberg Protokolls“ ein Unternehmen bekannt, das unter der Schließung seiner Einrichtungsmärkte litt.

Diese Konstruktion führte bei Experten für Wissenschaftskommunikation zu mehr als nur Naserümpfen, auch wegen der Mitwirkung von StoryMachine-Mitbesitzer Kai Diekmann, früherer Chefredakteur der Bild. Die Aktivitäten hätten nur dazu gedient, eine „Steilvorlage“ für Laschets Lockerungs-Vorstoß zu schaffen, kritisierte etwa Jens Rehländer von der Volkswagen-Stiftung. Kritik an der frühzeitigen Veröffentlichung von Zwischenergebnissen und Zweifel an seiner Methodik wies Streeck zurück. „Verletzend und haarspalterisch“ seien solche Vorwürfe, sagte er im Bayerischen Rundfunk.

Dann publizierte das Magazin Capital eine Enthüllung, die dem Vorgang eine neue Dimension gibt: Die Arbeit von StoryMachine folgte demnach einer Art Masterplan.

Bereits von Anfang an, als Ergebnisse des Forschungsprojekts noch nicht vorlagen und Folgerungen nicht möglich waren, seien Kommunikationsphasen mit „Zielen“ und „Messages“ definiert worden, berichtete Capital. In einer Phase 1 sollte demnach dargestellt werden, dass die Studie „aufgrund der Sondersituation in Heinsberg repräsentativ für die Gesamtbevölkerung“ sei. Phase 2 sollte darin bestehen, die Ergebnisse zu kommunizieren und es zu ermöglichen, die bisherigen Beschränkungen „vielleicht schon bald neu zu bewerten“. In Phase 3 sollte es darum gehen, mit dem Wissen „ein exaktes Vorgehen, einen Weg zurück zur Normalität“ zu beschreiben. Capital-Autor Thomas Steinmann zitiert als Reaktion von StoryMachine Mitgründer Philipp Jessen, die Agentur habe bei ihrem Engagement „keine politischen oder geschäftlichen Interessen verfolgt“ und keinen Einfluss auf die Arbeit von Streeck genommen.

Das reale Ergebnis ist ganz im Sinn des StoryMachine-Skripts: Mit dem Wissenschaftler Streeck als Kronzeuge konnte Laschet am 15. April die große Kehrtwende durchsetzen.

Seither wird in Deutschland nicht mehr darüber diskutiert, wie man mit dem Lockdown die „größte Herausforderung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs“ meistern kann. Es geht nun darum, warum nicht auch Läden mit 820 Quadratmetern öffnen und warum nicht auch Gottesdienste stattfinden können. Die ganze Debatte hat sich gedreht – mit Folgen, die man auf allen Straßen und Plätzen sehen kann: Lockerung statt Lockdown.

Christian Drosten sagt, die Heinsberg-Studie sei methodisch korrekt und werde bestimmt interessant, wenn sie veröffentlicht sei – aber eben als Studie über die Gemeinde Gangelt, nicht als Botschaft für Deutschland. Über StoryMachine fällte der Virologe in der Süddeutschen Zeitung ein hartes Urteil: „Hendrik Streeck sagt, er gehe da völlig ergebnisoffen ran. Aber wenn das stimmt mit dem internen Papier der PR-Agentur, dann war das überhaupt nicht ergebnisoffen. Sondern eine von vornherein geplante Botschaft, die man sich kaufen konnte.“