Professor Hendrik Streeck, Direktor des Institut für Virologie an der Uniklinik in Bonn.
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BerlinAuch nach der Veröffentlichung der ausführlichen Daten der sogenannten Heinsberg-Studie sind sich Forscher uneins über die Schlussfolgerungen, die sich aus der Arbeit ziehen lassen. Das wurde am Montag deutlich bei einem vom Science Media Center Germany kurzfristig anberaumten virtuellen Pressegespräch mit zwei der Autoren, Hendrik Streeck und Gunther Hoffmann von der Universität Bonn, sowie dem Epidemiologen Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, der als unabhängiger Experte eingeladen war.

Bei dieser Meinungsverschiedenheit - die sachlich und unaufgeregt ausgetragen wurde -  geht es vor allem um die Frage der Übertragbarkeit der Erkenntnisse aus Heinsberg, einem stark von Covid-19 betroffenen Landkreis, auf den Rest des Landes. Interessanterweise räumen auch die Autoren ein, dass es sich um eine besondere Situation handele. Und doch lief auch dieses Mal die Kommunikation der Ergebnisse so unglücklich, dass abermals eine zweifelhafte Zahl kursiert.

Die Heinsberg-Studie war ins Gerede gekommen, weil das Team um den Virologen Streeck kurz vor Ostern in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) erste Daten präsentiert hatte, ohne dass es zumindest eine erste, wenn auch unbegutachtete Veröffentlichung gab. In der Studie geht es um die Dunkelziffer – also die Frage, wie viele Corona-Infizierte es bereits gibt, ohne durch Tests erfasst worden zu sein.

Die in der Gemeinde Gangelt im Kreis Heinsberg vorgenommene Studie kam zu einer hohen Infektionsrate von 15 Prozent. Das wertete Streeck als Indiz dafür, dass der Prozess bis zum Erreichen einer Herdenimmunität bereits eingeleitet sei – und dass man mit Lockerungen der Shutdown-Maßnahmen beginnen könne. Armin Laschet, ohnehin bereits auf Lockerungs-Kurs, kamen diese Ergebnisse gelegen.

Zugleich wurde jedoch Kritik laut. Zum einen weil mangels Daten nicht nachvollziehbar sei, wie die Bonner Forscher zu ihren Ergebnissen gekommen waren. Zum anderen wurde bezweifelt, dass die Ergebnisse aus Gangelt repräsentativ für den Rest der Republik sind. Denn es handelt sich um eine der Corona-Hochburgen in Deutschland.

In der gut 12.000 Einwohner zählenden Gemeinde war es durch eine Karnevalssitzung am 15. Februar zu überdurchschnittlich vielen Infektionen gekommen. In Gangelt waren bis zum 6. April 388 Sars-CoV-2-Fälle durch Tests bestätigt. Im gesamten Landkreis sind bisher mehr als 1700 Infektionen ans Licht gekommen und 66 Tote zu beklagen.

Seit Montagfrüh ist nun die unbegutachtete Studie verfügbar, Preprint-Publikation genannt. Und noch bevor sich die Forscher in dem Pressegespräch dazu äußern konnte, geisterte eine neue Zahl durch die Medien: 1,8 Millionen. So viele Menschen könnten sich in Deutschland nach Ergebnissen Heinsberg-Studie mittlerweile möglicherweise mit dem Coronavirus infiziert haben, hatte die Universität Bonn mitgeteilt. Dies ergäbe eine Schätzung auf der Grundlage einer Modellrechnung. In Deutschland wurden bislang knapp 170.000 Corona-Infektionen durch Tests identifiziert. Demnach wäre die Dunkelziffer also beträchtlich.

In dem Pressegespräch stellte Streecks Kollege Gunther Hartmann, Direktor des Instituts für Klinische Chemie und Klinische Pharmakologie an der Universität Bonn, klar, dass man nicht direkt behaupte, die Zahl der Infizierten in Deutschland betrage zurzeit 1,8 Millionen. Vielmehr gehe es dem Team um die Modellrechnung, die dieser Zahl zugrunde liegt. Und die halte man durchaus für plausibel.

Die Rechnung geht ungefähr so: Aus Gangelt wissen die Forscher, wie viele Infektionen es tatsächlich gibt – also inklusive Dunkelziffer. Und sie wissen, wie viele Covid-Tote es bisher in der Gemeinde gab. Daraus lässt sich die sogenannte Infektionssterblichkeit errechnen, also der Anteil der Todesfälle unter sämtlichen Infizierten. Sie liegt in Gangelt bei 0,37 Prozent. Da für ganz Deutschland die Zahl der Covid-Todesopfer bekannt ist, lasse sich daraus anhand der in Gangelt  ermittelten Infektionssterblichkeit auf die Gesamtzahl der Infizierten schließen, so der Gedankengang.

Gunther Hartmann verteidigte den Rechenweg. Natürlich sei die Zahl der Infizierten in Gangelt viel zu klein, um repräsentativ für Deutschland zu sein, sagte er. Er gehe aber davon aus, dass die Infektionssterblichkeit eine deutlich weniger variable Kenngröße sei und daher durchaus Schlussfolgerungen auf das gesamte Land zulasse.

Der Braunschweiger Forscher Gérard Krause sieht das jedoch anders. „Ich wäre da unglaublich vorsichtig, die Ergebnisse auf ganz Deutschland zu übertragen“, sagte er. Zwar handele es sich durchaus um eine große Studie – immerhin wurden mehr als 900 Personen aus gut 400 Haushalten unter anderem auf Antikörper gegen Sars-CoV-2 untersucht. „Die Bezugsbevölkerung ist aber sehr klein“, gab Krause zu bedenken. Noch dazu betrage die Zahl der Todesopfer in Gangelt lediglich sieben. Falls auch nur ein Todesfall nicht erfasst worden sei, könne das schon einen deutlichen Unterschied ausmachen.

Krause betonte abermals, dass auch die in Gangelt festgestellte hohe Dunkelziffer und der Durchseuchungsgrad von 15 Prozent nicht repräsentativ  sei. Ansonsten aber bescheinigte der Epidemiologe den Autoren um Streeck überzeugende Daten für Gangelt vorgelegt zu haben. „Es ist gut, dass wir diese Daten haben. Sie sind ein erster Anhalt über das Verhältnis der Zahl der Infizierten zur Zahl der erfassten Fälle“, so Krause.

Hendrik Streeck betonte ebenfalls die gute Datenqualität, wies aber darauf hin, dass in der Studie Kinder unterrepräsentiert seien, Personen über 65 Jahre hingegen überrepräsentiert. Zu den wichtigen weiteren Erkenntnissen zählt er, dass 22 Prozent der Infizierten gar keine Symptome aufwiesen. Auffällig war, dass Personen häufiger Symptome hatten, die an der Karnevalssitzung teilgenommen hatten. Die Forscher planen nun weitere Untersuchungen um herauszufinden, ob die körperliche Nähe zu anderen Sitzungsteilnehmern und eine erhöhte Tröpfchenbildung durch lautes Sprechen und Singen dazu beigetragen haben.