Berlin - Beobachtungsstudien in Europa und in den USA ergaben, dass Covid-19-Patienten häufiger einen Vitamin-D-Mangel aufweisen. Dies entfachte eine Diskussion darüber, ob die vorsorgliche Einnahme des Sonnenvitamins das Risiko einer Corona-Infektion senken kann. Einige Experten halten das für wahrscheinlich und empfehlen aus diesem Grund vor allem im Pandemie-Winter die zusätzliche Einnahme des Vitamins in moderater Dosierung. Untersucht wird auch, ob Vitamin-D-Supplementation Covid-19-Erkrankungen abmildern kann. Dazu ist die Datenlage deutlich unklarer. Ein weiterer Aspekt dagegen ist eindeutig: Pauschal hochdosierte Vitamin-D-Präparate zur Prophylaxe einzunehmen ist keine gute Idee. Hier die Fakten zu Vitamin D und Corona:

Woher bekommt der Körper Vitamin D?

Vitamin D ist eine Hormon-Vorstufe. Anders als andere Vitamine kann der Körper Vitamin D selbst bilden - und zwar durch das Sonnenlicht, genauer: durch UV-Strahlung bestimmter Wellenlängen (UVB). Dazu ist also ein Aufenthalt im Freien nötig. Unter anderem ist Vitamin D unverzichtbar für gesunde Knochen. Etwa zehn Prozent des benötigten Vitamin D kann durch die Ernährung - etwa mit Aal, Makrele, Hering, Lachs, Innereien, Pilzen oder Eiern - aufgenommen werden.

Warum entsteht im Winter oft ein Mangel?

Aufgrund der geografischen Lage ist eine ausreichende UV-B-Strahlung in Deutschland nur von April bis September zwischen 10 und 15 Uhr gegeben, sofern Kopf und Unterarme ohne Sonnenschutz für täglich etwa zehn bis 15 Minuten der Sonne ausgesetzt werden. Der Körper ist in dieser Zeit laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) nicht nur in der Lage, den akuten Bedarf zu decken, sondern auch Vitamin-D-Reserven im Fett- und Muskelgewebe für das Winterhalbjahr anzulegen.

Welche Krankheiten stehen in Zusammenhang mit Vitamin D?

Laut RKI werden Zusammenhänge zwischen der Vitamin-D-Versorgung und chronischen Krankheiten zwar vermutet, sind aber bislang nicht nachgewiesen. Es gibt Hinweise darauf, dass das Sonnenvitamin möglicherweise respiratorischen Erkrankungen wie Lungenentzündungen vorbeugt und auch wichtig für die Herz-Kreislauf-Gesundheit ist.

Ebenso legen einige Studien nahe, dass es das Risiko für Diabetes und einige Krebsarten senken könnte. Diese Effekte sind allerdings im Vergleich zur Kontrollgruppe nicht eindeutig belegt. „Da die Datenlage nicht eindeutig ist, können bislang auch keine klaren Empfehlungen im Hinblick auf eine Vitamin D-Behandlung für diese Einsatzgebiete gegeben werden“, sagt Matthias Weber, Leiter des Schwerpunkts Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen am Universitätsmedizin Mainz und Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. Hinzu komme ein von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlicher Stoffwechselweg von Vitamin D im Körper: Dieser Umstand könne auch die teils widersprüchlichen Studienergebnisse erklären.

Vitamin D wird als Schutzfaktor bei Infektionen gehandelt, weil es eine modulierende Funktion im Immunsystem hat. Es gelangt über eine Bindungsstelle in die Körperzellen, kann sich dort an das Erbmaterial DNA heften und als Schalter für bestimmte Gene fungieren. Auf diese Weise ermöglicht es zum Beispiel die Bildung von Antikörpern, reguliert aber auch überschießende Immunreaktionen.

Kann eine vorsorgliche Einnahme von Vitamin D vor Covid-19 schützen?

Mehrere Beobachtungsstudien in Krankenhäusern haben gezeigt, dass Covid-19-Patienten einen niedrigen Vitamin-D-Spiegel hatten. Es wurde auch berichtet, dass Menschen mit einem niedrigen Vitamin-D-Spiegel tendenziell häufiger an der Erkrankung sterben als andere.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung sagt: Ein Zusammenhang zwischen einem niedrigen Vitamin-D-Spiegel und einem erhöhten Corona-Risiko könne zwar vermutet werden. Die Ergebnisse der bisherigen Untersuchungen reichten jedoch nicht aus, um eine eindeutige Ursache-Wirkungs-Beziehung nachzuweisen. Deshalb könne eine Einnahme von Vitamin-D-Ergänzungsmitteln nicht pauschal empfohlen werden. Auch dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sind keine Studien bekannt, die belegen, dass die Einnahme von Vitamin-D-Präparaten vor einer Infektion mit Sars-CoV-2 schützt. Nahrungsergänzungsmittel seien nicht dazu bestimmt, eine Erkrankung zu heilen oder zu lindern.

In einer aktuellen Preprint-Studie schreiben Autoren um Xavier Nogués, dass durch eine Vitamin-D-Gabe die Covid-19-Sterblichkeit um 60 Prozent reduziert werde. Martin Smollich, Pharmakologe und Professor am Institut für Ernährungsmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Lübeck, macht mit mehreren Beiträgen bei Twitter darauf aufmerksam, wie fehlerbehaftet die Statistik der bisher nicht begutachteten Studie sei. 551 zufallsverteilte Corona-Patienten hätten entweder Calcifediol, eine Hormonvorstufe im Vitamin-D-Stoffwechsel, oder kein Vitamin D erhalten (Kontrollgruppe).

Ergebnis: Aus der Vitamin-D-Gruppe starben 36 Patienten (6,5 Prozent), aus der Kontrollgruppe 57 (15 Prozent). Allerdings seien in der zweiten Gruppe mehr Patienten mit Vorerkrankungen etwa mit Bluthochdruck und Diabetes und einer dementsprechend schlechten Prognose hochsignifikant überrepräsentiert, gibt Smollich zu bedenken. Die Patienten seien nicht zufällig verteilt. Es stimme: Das direkte Risiko durch unwirksame Vitamin-D-Einnahme sei gering. „Das Hauptrisiko ist indirekt: Wer an Vitamin D glaubt, vernachlässigt gegebenenfalls wirksame Schutzmaßnahmen“, schlussfolgert Smollich.

In einem Interview mit der dpa sagte er, dass ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Mangel und Covid-19 nicht nachgewiesen werden könne. Vielmehr könnte ein bei der Krankenhausaufnahme gemessener niedriger Vitamin-D-Spiegel Folge (und nicht Ursache) der Covid-19-Erkrankung sein. Im Rahmen einer akuten, schweren Infektion sinke der Vitamin-D-Spiegel nämlich kurzfristig drastisch ab. Zudem trete ein Vitamin-D-Mangel „überdurchschnittlich häufig bei Erkrankungen und Lebensumständen auf, die ihrerseits das Covid-19-Risiko erhöhen, also in hohem Lebensalter, bei Adipositas oder bei Diabetes Typ 2“.

Diese Ansicht vertritt auch Matthias Weber. Klinische Studien zum Einfluss von Vitamin D bei Covid-19 seien hauptsächlich Beobachtungsstudien. „Sie zeigen lediglich, dass zwei Ereignisse zusammen auftreten, aber nicht, dass das eine die Ursache des anderen ist“, sagt Weber. So weisen auch häufig Patienten, die an anderen Krankheiten leiden, einen niedrigen Vitamin-D-Spiegel auf. „Es gibt viele plausible Erklärungen dafür, dass eine schwere Krankheit niedrige Vitamin-D-Spiegel zur Folge haben kann.“  Damit sei auch zu erklären, warum die Gabe von Vitamin D keinen Erfolg bei der Behandlung dieser Krankheit mit sich bringt, meint er. Um eine Empfehlung zur Vitamin-D-Gabe abzuleiten, brauche es daher weitere große placebokontrollierte klinische Studien.

Wer ist anfällig für einen allgemeinen Vitamin-D-Mangel?

Das Risiko für einen Vitamin-D-Mangel steigt generell bei Menschen, die sich selten im Freien aufhalten. Das gilt zum Beispiel für chronisch immobilisierte Kinder und Jugendliche, für chronisch Kranke oder Pflegebedürftige, die sich möglicherweise auch nicht ausgewogen ernähren können. Auch Menschen mit dunkler Hautfarbe bilden wegen des hohen Melaningehalts ihrer Haut vergleichsweise wenig Vitamin D und könnten von einer Unterversorgung betroffen sein. Zudem sind Menschen mit Adipositas von Vitamin-D-Mangel bedroht. Das liegt daran, dass das Vitamin D bei ihnen im reichlich vorhandenen Fettgewebe eingelagert wird und auf diese Weise nicht im Blut verfügbar ist, um seine Wirkung zu entfalten.

Wie viel Vitamin D sollte eine erwachsene Person einnehmen?

Für eine unspezifische Nahrungsergänzung reichen 800 bis maximal 2000 Internationale Einheiten (I.E.) täglich. Präparate aus dem Drogeriemarkt sind zu diesem Zweck genauso gut wie solche aus der Apotheke.

Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie rät für Corona-Risikogruppen die Einnahme von 400-1000 I.E. pro Tag. Dazu gehören Hochbetagte, bettlägerige Patienten, Bewohner von Pflegeeinrichtungen oder chronisch kranke Menschen, die sich nur selten bis gar nicht im Freien aufhalten. Mit diesem Vorgehen nutze man mögliche, bisher jedoch nicht eindeutig belegte Vorteile, ohne potenzielle Nachteile einer Überdosierung zu riskieren. Im Einzelfall kann eine höhere Vitamin-D-Zufuhr sinnvoll sein - diese sollte aber unter ärztlicher Kontrolle und nach einer entsprechenden Diagnose erfolgen.

Vitamin D kann nur mit Fetten in die Zellen aufgenommen werden und sollte stets zusammen mit einer zumindest mäßig fetthaltigen Mahlzeit eingenommen werden.

Sollten auch Kinder im Winter Vitamin D einnehmen?

In einer gemeinsamen Stellungnahme der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin und der Deutschen Gesellschaft für Kinderendokrinologie und Diabetologie wird für Säuglinge in den ersten 12 bis 18 Lebensmonaten zusätzlich zur Vitamin-D-Zufuhr mit Muttermilch oder Säuglingsnahrung eine orale Supplementierung mit 400–500 I.E. Vitamin D am Tag empfohlen. Die Vitamin-D-Gabe sollte dabei kombiniert mit der Fluoridprophylaxe erfolgen.

Für Frühgeborene oder für chronisch kranke Kinder berät der Kinder- und Jugendarzt individuell. Ein erhöhtes Risiko für Vitamin-D-Mangel besteht für Kinder aus sozial benachteiligten Schichten, Kinder mit Adipositas, mit Migrationshintergrund und ausschließlich durch Muttermilch ernährte Säuglinge ohne zusätzliche Vitamin-D-Substitution.

Die wünschenswerte Vitamin-D-Gesamtaufnahme - aus sonnenlichtabhängiger, körpereigener Synthese sowie Ernährung und Vitamin-D-Gabe - für Kinder ab dem Alter von einem Jahr, Jugendliche und Erwachsene beträgt laut dieser Stellungnahme 600–800 I.E. am Tag.

Eine Sonnenexposition in den Monaten April bis September zweimal die Woche zwischen 10 und 15 Uhr für 5 bis 30 Minuten mit unbedecktem Kopf, freien Armen und Beinen sei dabei zur adäquaten Vitamin-D-Produktion im Kindes- und Jugendalter ausreichend und wird als effektivste Form der Verbesserung des Vitamin-D-Status empfohlen.

Kann zu viel Vitamin D schaden?

Vitamin D wird als fettlösliches Vitamin nicht mit dem Urin ausgeschieden, wenn zu viel vorhanden ist. „Vielmehr sammeln sich die D-Vitamine im Körper an“, erklärt Helmut Schatz, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. Eine Überdosierung mit Vitamin D über längere Zeit kann zu Übelkeit, Appetitlosigkeit, Bauchkrämpfen oder Erbrechen oder gravierenden Nebenwirkungen wie Nierensteinen, Nierenschäden sowie Störungen des Herz-Kreislauf-Systems führen. Eine aktuelle Studie im Fachjournal Annals of Internal Medicine gibt auch Hinweise darauf, dass Vitamin-D-Gaben von mehr als 1000 I.E. pro Tag einen negativen Effekt mit erhöhtem Sturzrisiko bei älteren, gebrechlichen Menschen haben könnten.