Berlin - Das Land Berlin setzt die Corona-Impfungen mit dem Vakzin des Herstellers Astrazeneca für Menschen unter 60 Jahren vorsorglich aus. Das gab Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) am Dienstag bekannt und verwies auf neue Daten über Nebenwirkungen. Betroffen sind die Impfzentren in Tegel und Tempelhof. Termine, die für AZ bereits vergeben wurden, werden abgesagt. Kalayci betonte allerdings, dass es in Berlin bisher keine Fälle mit schweren Nebenwirkungen gab. 

Zuvor war bereits bekannt geworden, dass die landeseigenen Kliniken mit den Impfungen pausieren. In den Vivantes-Kliniken sowie an der Charité werden Frauen unter 55 Jahren seit Dienstag nicht mehr mit dem Covid-Impfstoff von Astrazeneca geimpft. Es handele sich um ein vorsorgliches Pausieren angesichts der Berichte über Sinusthrombosen nach der Impfung, sagte eine Vivantes-Sprecherin auf Anfrage. „Obwohl in der Charité keine Komplikationen nach Impfungen mit Astrazeneca aufgetreten sind, will die Charité hier vorsorglich agieren und abschließende Bewertungen abwarten“, hieß es vonseiten der Charité.

Derzeit entscheiden sich immer mehr Länder und Institutionen, die Impfungen mit Astrazeneca bis zu einem bestimmten Alter auszusetzen. Denn es gibt laufend neue Berichte über Fälle von Sinusthrombosen, also Blutgerinnseln in den Hirnvenen. Sie können ab Tag vier bis 16 nach der Impfung auftreten. Auch die Ständige Impfkommission (Stiko) will offensichtlich ihre Impfempfehlung ändern. Das Präparat soll voraussichtlich nur noch für Menschen über 60 Jahre empfohlen werden. Das geht aus einem Beschlussentwurf der Stiko hervor, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie

Kanadas Behörden haben bereits reagiert

In dieser Woche wurden zwei Sinusthrombose-Fälle aus Euskirchen in Nordrhein-Westfalen bekannt. Eine 47-Jährige war dort in der vergangenen Woche gestorben, eine 28-Jährige befindet sich derzeit in klinischer Behandlung. Der Krisenstab des Kreises entschied angesichts der Vorfälle ein Aussetzen der Impfungen mit Astrazeneca für Frauen unter 55. Ende vergangener Woche hatte auch das Universitätsklinikum Rostock nach dem Fall einer tödlichen Hirnvenenthrombose bei einer 49-Jährigen die Impfung für bestimmte Personengruppen ausgesetzt.

Das sind die Warnsignale einer Sinusthrombose

Wer mit dem Covid-Impfstoff von Astrazeneca geimpft wurde, sollte auf starke, anhaltende Kopfschmerzen, die auch mit Schmerzmitteln nicht weggehen, achten. Relevant sind dabei aber nur Kopfschmerzen, die ab dem vierten Tag und bis zum 16. Tag nach der Impfung auftreten. Denn es dauert einige Zeit, bis die Antikörper, die die Verklumpungen auslösen, entwickelt sind.

Bei derartigen Kopfschmerzen sollte man also zum Arzt gehen. Wenn zusätzlich neurologische Ausfälle auftreten, also Seh- oder Sprachstörungen, taube Arme oder Beine, sollte man sich umgehend in die Notaufnahme eines Krankenhauses begeben.

In Nordrhein-Westfalen sprachen sich einem Bericht der Deutschen Presse-Agentur zufolge auch die Leiter von fünf der sechs Uni-Kliniken für einen vorläufigen Stopp von Impfungen jüngerer Frauen mit Astrazeneca aus. Das Risiko von weiteren Todesfällen sei zu hoch, heiße es in einem gemeinsamen Brief an den Bundes- und Landesgesundheitsminister. 

In Kanada haben die Behörden bereits landesweit reagiert. Dort empfiehlt das für Impfungen zuständige Komitee NACI das Vakzin von Astrazeneca weder für Frauen noch für Männer unter 55 Jahren.

Kausalität zur Impfung mit Astrazeneca hoch wahrscheinlich

Nach Auskunft des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) gab es in Deutschland bis zum 29. März (mittags) 31 Fälle von Sinusthrombosen nach einer Impfung mit Astrazeneca, in neun Fällen war der Ausgang tödlich. Mit Ausnahme von zwei Fällen betrafen alle Meldungen Frauen im Alter von 20 bis 63 Jahren. Die beiden Männer waren 36 und 57 Jahre alt. 

„Die Fälle werden europaweit mehr“, sagt Robert Klamroth, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin mit Schwerpunkt Angiologie und Hämostaseologie am Vivantes-Klinikum im Friedrichshain. Sie seien zwar immer noch selten, aber bei später Diagnose leider auch potenziell tödlich. „Da diese Nebenwirkung bei anderen Impfstoffen nicht aufgetreten ist und die Kausalität zur Impfung mit Astrazeneca hoch wahrscheinlich ist, stellt sich schon die Frage, ob gerade Personen mit einem geringen Risiko einer schweren Corona-Infektion dann mit diesem Impfstoff geimpft werden sollen“, sagt der Thrombose-Spezialist.

Das müssten jetzt die Europäische Arzneimittelagentur EMA und das PEI nach Prüfung der aktuellen Zahlen neu entscheiden. Die Experten der EMA berieten am Montag erneut über die Fälle. Die aktualisierte Empfehlung ist jedoch erst in der Woche nach Ostern zu erwarten. Laut Impfquotenmonitoring des Robert-Koch-Instituts wurden bis einschließlich Montag 2,7 Millionen Erstdosen und 767 Zweitdosen von Astrazeneca verimpft. (mit kop., dpa)