Berlin - Wo fängt man an, wenn es um die Zukunft der Berliner Kliniken geht? Wenn die Gesundheit auf dem Spiel steht, die der Patienten und derjenigen, die sich um sie kümmern? Vielleicht fängt man mit einer Stimme aus der Praxis an, mit einer Pflegefachkraft aus der Anästhesie. „Den Druck auszuhalten“, sagt sie, „dass ich Notfällen hinterherlaufe, von OP-Saal zu OP-Saal renne und nicht weiß, was passieren wird, bringt mich immer wieder ans Limit.“ Sie sagt: „Viele machen da nicht mehr mit, reduzieren ihre Arbeit, hören ganz auf oder werden krank.“

Wie geht es weiter, wenn die Corona-Pandemie irgendwann unter Kontrolle sein wird, sich der Blick der Öffentlichkeit von der Pflege ab- und anderen Themen zuwendet? An der Antwort darauf will die Berliner Krankenhausgesellschaft (BKG) mitarbeiten. Am heutigen Mittwoch stellt ihr Geschäftsführer Marc Schreiner ein Positionspapier vor. Es ist an die Berliner Politik adressiert und enthält Forderungen zu Problemzonen, die den 87 Krankenhäusern der Stadt zu schaffen machen. Am 26. September wird das Abgeordnetenhaus gewählt. Schreiner sagt: „Wir brauchen jetzt die richtigen Weichenstellungen durch die Politik.“

Die Arbeitsbedingungen sollen besser werden, das ist eine der Forderungen. Keine Rennerei mehr also durch die OP-Säle, in denen sich täglich die Folgen der Gesundheitspolitik zeigen, weil Krankenhäuser nun mal mit Operationen Geld verdienen, aber die personellen Ressourcen zu knapp sind, um jeden Saal mit Fachkräften zu bestücken. Und sie werden noch knapper, die Ressourcen, wenn die Politik nicht gegengesteuert, sagt Schreiner. Bis 2030, das hat das Deutsche Krankenhausinstitut (DKI) prognostiziert, benötigt Berlin in der Alten- und Krankenpflege 10.000 zusätzliche Vollzeitstellen. „Die Stärkung des Fachkräfteangebots wird damit zur grundlegenden Aufgabe, die in der kommenden Legislaturperiode mit Priorität behandelt werden muss“, sagt Schreiner.

Behandlungen werden nach Fallpauschalen bezahlt, dafür stehen die Krankenkassen grade. Investitionen sollen die Länder gewährleisten, was sie aber nur unzureichend tun. In Deutschland beläuft sich der Investitionsstau laut DKI auf insgesamt 4,3 Milliarden Euro pro Jahr. Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) hat das Versäumnis neulich, am Internationalen Tag der Pflege, für ihren Einflussbereich eingeräumt. „Wir haben verstanden“, hat sie auf einer Demonstration von Beschäftigten der landeseigenen Firmen Charité und Vivantes in ein Mikrofon gerufen.

Damit die Gesundheitspolitiker der Stadt weiterhin verstehen, hat die BKG nun ihr Papier vorgelegt. Darin enthalten der Punkt: „Fachkräftemangel beseitigen, unter anderem durch Förderung der Ausbildungskapazitäten.“ 3150 Schüler befinden sich momentan im Lehrbetrieb.

Außerdem fordert die BKG: „Krankenhausleistungen und -personal sachgerecht vergüten.“ Zwischen 3000 und 5000 Euro brutto beträgt das Gehalt einer Fachkraft, abhängig von Berufserfahrung, Qualifikation und Schichten.

Schließlich auch: „Lösungen der Probleme mit Leiharbeit.“ Die ist für etliche Pflegekräfte attraktiver als eine Festanstellung, weil sie oft besser bezahlt wird und bei der Gestaltung von Urlaub und Dienstplänen mehr Spielraum bietet. „Flexibilität beim Arbeiten“: Schreiner sieht sie mancherorts schon verwirklicht durch kreative Lösungen für „verlässliche Freizeit und Familienfreundlichkeit“.  

Mehr Personal für Kliniken: Stille Reserve soll gehoben werden

Stärker entlasten will die BKG diejenigen, die am Patienten ihren lebenswichtigen Dienst versehen. 18.500 Pflegekräfte sind das derzeit, 14.700 auf Vollzeitstellen. Sie versorgen jährlich 880.000 Patienten vollstationär bei einer Kapazität von 20.600 Betten. Mehr Technik soll ihnen künftig helfen. Beim Heben und Stützen zum Beispiel durch Robotik und nicht zuletzt durch Digitalisierung und den damit verbundenen Abbau von Bürokratie. Bis zu drei Stunden pro Schicht verbringt eine Pflegekraft im Durchschnitt mit Dokumentation,  Schreiner sagt, das ginge auch anderes: „Zum Beispiel könnte eine Manschette am Arm des Patienten die Vitalparameter ablesen und über Wlan in die elektronische Patientenakte übermitteln.“

Bei aller Technik – ohne zusätzliches Personal wird es keine Entlastung geben. Die BKG will daher Aussteiger zurückholen, sie hat dafür jetzt eine Seite im Netz freigeschaltet. Bundesweit wird die stille Reserve auf mindestens 120.000 Beschäftigte geschätzt. „Wir haben ein großes Potenzial an toll ausgebildeten Menschen, die leider nach nur durchschnittlich siebeneinhalb Jahren Verweildauer den Beruf aufgegeben haben“, sagt Schreiner.

Immer noch aktuell, aber nach wie vor unerfüllt ist die Forderung nach einer Pflegepersonal-Regelung, kurz  PPR 2.0 genannt. Stark vereinfacht funktioniert sie so: Patienten werden täglich in Leistungsstufen eingeteilt, für die eine bestimmte Zeit aufgewendet werden muss. Daraus ergibt sich der Personalbedarf. Den sollen zurzeit sogenannte Personaluntergrenzen steuern. Dazu seien sie jedoch nur unzureichend geeignet, sagen Kritiker, seien zu starr, würden lediglich den Mangel zementieren.

Deshalb haben die Gewerkschaft Verdi, die Deutsche Krankenhausgesellschaft und der Deutsche Pflegerat gemeinsam PPR 2.0 entwickelt. Auch Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci ist für diese Reglung. Sie hat sie am Tag der Pflege noch einmal gefordert. Der Vorschlag befindet sich allerdings auf dem Tisch von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), und dort dürfte er bis zum 26. September liegen bleiben. Dann wählt nicht nur Berlin sein Parlament, sondern auch ganz Deutschland den Bundestag. Wird auf dem politischen Spielfeld nun also der Ball weiter hin- und hergeschoben?  Schreiner jedenfalls sagt: „Wir haben unseren Auftrag hier in Berlin erkannt: Wir müssen uns selbst um mehr Pflege kümmern.“

Damit kein Flugzeug mehr mit halber Crew losfliegt. Dieses Bild hat die Fachkraft aus der Anästhesie benutzt: Sie starten im OP oft, obwohl noch nicht alle an ihren Instrumenten stehen.