Für den Kosmos bin ich Luft. Oder wie ist es zu erklären, dass Karin dauernd „nichts reinbekommt“ in ihre Kristallkugel? Sie befragt ihr Medium in meinem Auftrag nach den Aussichten für 2016. Wer möchte nicht gerne wissen, was das neue Jahr so bringt?

1. Versuch Kristallkugel

Ich wende mich an Karin, weil mir ihr Profil auf einem Online-Esoterikportal gefällt, und weil ich als Einsteiger etwas Handfestes anstrebe. So eine Kristallkugel ist mir fast vertraut, die hat mich schon als Kind bei Frau Schlotterbeck im „Räuber Hotzenplotz“ erfreut. Ich wähle also den Klassiker, zudem fasse ich zu dem freundlichen Bild von Karin (alle Namen geändert) spontan Zutrauen: offenes Gesicht, braunes Haar, so um die vierzig. Es gibt fast nur hellsichtige Ladys auf dem Portal. Männer sind rar. Die Wahrsagerinnen bezeichnen sich als „feinfühlig, einfühlsam“ und haben „eine hohe Trefferquote“. Karin ist da etwas sachlicher. Runen, Hermes-Energie oder Wasserlesen hat sie aber auch im Angebot.

Für unser Telefongespräch ist eine Online-Anmeldung nötig. Schade, dass ich Karins Kristallkugel nicht sehen kann, aber scheinbar ist darin ohnehin nicht viel los. Der überwiegende Teil von Karins Antworten beginnt mit „ich glaube“, „ich habe das Gefühl“, sodass ich schnell den Eindruck habe, mit dem Universum läuft’s gerade nicht rund. Und eine durch und durch durchschnittliche Frau quatscht mit mir semischlaues Zeug. Die drei Hauptaussagen am Ende des Gesprächs lauten zum Thema Veränderungsüberlegungen: „Nur du selbst stehst dir im Weg und nur du kannst die Situation ändern.“ Aha.

Zur Partnerschaft: „Sagt euch doch mal: Wir sind ein Paar, lass uns am selben Strang ziehen.“ Mhm. Zur allgemeinen Aussicht: „Man muss den Energiefluss nutzen, die Chance, die das Schicksal auftut.“ Welche jetzt genau? Und kommt das aus der Kugel oder aus Karin? Bei einem Preis von 1,99 Euro pro Minute will man dann aber auch gar nicht tiefer dringen. Mit der Aussicht auf „stabiles Geld“ schließt sich die Orakel-Tür vor meinem inneren Auge. Herausgekommen ist ein dumpfes Nichts.

Jedenfalls kein Kosmos-Glamour, kein Geister-Geheimnis, nichts, das diese Session wiederholenswert machen würde. Aber während ich noch in meinen Hokuspokus-Klischees festhänge, erklärt Sarah Pohl mir die neue Welt der Wahrsagerei. „Diese Art der esoterischen Dienstleistung hat längst den Anspruch, eine direkte Lebenshilfe zu sein“, sagt Pohl. Sie arbeitet als promovierte Pädagogin bei der Parapsychologischen Beratungsstelle in Freiburg. Die Beratungsstelle kümmert sich um Menschen, die „ungewöhnliche, paranormale, okkulte oder unerklärliche Erfahrungen“ gemacht haben, also um beide Seiten des Marktes: Anbieter und Kunden.

Das Interesse läuft quer durch die Gesellschaft, durch alle Generationen und ist ein Riesengeschäft. Die Anbieter, sagt Pohl, vernetzen sich immer besser und schaffen sich eine starke Lobby. Zahlen gibt es nur wenige. Das Zukunftsinstitut Kelkheim schätzte die Umsätze im Bereich Spirituelles/Esoterik bereits vor fünf Jahren auf 18 bis 20 Milliarden Euro.

Bis 2020 ist von 35 Milliarden die Rede – Schwarzmarkt nicht eingerechnet. Die Mitarbeiter der Parapsychologischen Beratungsstelle stufen esoterische Angebote nicht grundsätzlich als Humbug ein. Aber kritisch sieht Sarah Pohl die wachsende Kommerzialisierung und damit auch die wachsenden Möglichkeiten für Scharlatane. Eine belegbare Qualifizierung für Hellseherei sei – naturgemäß – nicht möglich. Im Gegenteil, sagt sie: „Bei einer Scheinqualifizierung sollte man eher hellhörig werden.“

Die Geschäfte mit Hellsehen, Aura und Pendel sind leicht zugänglich: Eine bestimmter Service trifft auf ein bestimmtes Bedürfnis – Fachleute sprechen von Komplexitätsreduktion. Ein esoterisches Weltbild bietet scheinbar Sicherheit und klare Handlungsanweisungen in einer verzwickter werdenden Welt. Zudem fehlen mit dem schwindenden Einfluss der großen Kirchen Sinnstiftung und Rituale. Können Menschen sich in einer rationalen Welt mit bestimmten Lebensfragen nicht mehr einordnen, finden sie laut Pohl auf dem Esoterik-Markt „massenweise Möglichkeiten, Spiritualität zu erleben“.

2. Versuch: Kartenlegen

Ich probiere als Nächstes einen Telefon-Chat mit Kartenlegen. Der ist für Neukunden bei einem anderen Online-Anbieter gratis. Schnupperhellsehen sozusagen. „Meine Karten sind sehr genaue Karten, die auch Zeitangaben geben können“, behauptet die Hellseherin Susanne in ihrem Profil. Wir schreiben uns also ein Viertelstündchen hin und her, und es zeigt sich, dass Susannes Karten von der ganz praktischen Ratgebersorte sind: Entspannung und mehr Zeit prophezeien sie mir, wenn ich mein „kleines Koordinationsproblem umstrukturiere“. Die Karten weisen mich auch darauf hin, dass man Zeit füreinander „wollen muss“. Da muss man nicht lange um den heißen Brei herumchatten. Und gibt es was zur Gesundheit zu sagen? Die Karten sprechen Folgendes: „Sie müssen sich keine Sorgen machen, wenn Sie das Gleichgewicht einhalten und weiterhin auf gesunde Ernährung achten, und zum Stressabbau sind Sport oder Spaziergänge gut.“

Ich habe nicht die richtigen Fragen. Ich habe nicht die richtigen Probleme. Wartet tatsächlich in den nächsten zwölf Monaten nicht mehr auf mich als ein öder Spaziergang? „Ein Wahrsager wird Ihre Welt nie schwieriger machen“, sagt Sebastian Bartoschek. „Da kommt nie: Ja, es geht dir schlecht, weil du ’ne blöde Tröte bist.“

Bartoschek ist Psychologe in Herne, Esoterik-Experte und Mitglied der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), die versucht, die so populäre Geister-Welt zu entzaubern. „Ein wichtiges Versprechen der Esoterik ist das der angeblichen Kontrollierbarkeit des Alltagslebens und das Versprechen von Ganzheitlichkeit: Ich nehme dich so, wie du bist. Das scheint zwar banal, fehlt aber vielen Menschen: positiver Zuspruch und Anerkennung.“ Harmlos kann Bartoschek das nicht finden, auch nicht, wenn es jemandem ein gutes Gefühl verschafft.

„Dass an Hellseherei nichts dran ist, ist das eine. Aber psychisch angeschlagene Menschen kann eine Hotline in die Abhängigkeit und in ein finanzielles Desaster bringen.“ Eine Telefonminute 2,58 Euro, eine halbe Stunde persönliches Gespräch 50 Euro – das kann sich schnell zu astronomischen Gebühren auswachsen. Und selbst, wenn die Kontakte nicht gleich in der großen Katastrophe enden: „Mit einem Auto-Defekt würde doch auch keiner zum Kfz-Pendeln fahren, um es energetisieren zu lassen“, sagt Bartoschek. „Aber am Kostbarsten, was wir haben, an der Psyche, lässt man dann Amateure rumdrücken?“

Was Bartoschek und die Skeptiker der GWUP besonders umtreibt, ist der Umstand, dass Esoterik in ihrer immer weiter reichenden Verzweigung auch in den pseudoheilenden Bereich „mehrheitsfähig“ geworden sei. „Wir hingegen setzen auf den Sieg der Vernunft“, sagt er, „das kann zugegebenermaßen etwas dauern.“

Aber ist nicht gerade die rein rationale Weltsicht ein Grund dafür, dass sich viele Menschen mit Sorgen und Ängsten an Orakel wenden? Bartoschek seufzt: „Ein Problem ist sicher, dass die Wissenschaft lange Zeit nicht emotional genug war. Wir haben es nicht verstanden, Menschen da abzuholen, wo sie stehen, und dann sind andere gekommen.“ Erschwerend sei auch, dass viele Hilfesuchende etwa bei der Psychotherapie lange auf Termine warten müssen.

3. Versuch: Kaffeesatz

Tatsächlich klappt's beim Wahrsager oft zeitnah. Beim letzten Versuch, dem Zauber der Hellsichtigkeit per persönlichem Gespräch nahezukommen, hatte ich den Termin am Montag – wenige Stunden nach meiner E-Mail-Anfrage. Ich fahre über eine lange, triste Landstraße zu einem normalen Wohnhaus am Stadtrand, an der Tür das Schild „Lebensberatung“. Elena öffnet, eine kleine ältliche Frau, unauffällig gekleidet, Kaugummi im Mund. Sie spricht in einem gefliesten Raum hinter einem großen schwarzen Tisch leise und freundlich mit starkem Akzent.

Zuvor schüttete sie eine Tasse Kaffee in die Untertasse. Auf der Tasse steht Ikea, drinnenbleibt der Kaffeesatz. Bevor ich meine Lage schildern kann, höre ich schon von meinen Problemen: von meiner maroden Partnerschaft, die im Arbeitsalltag zerrieben wird. Elena beschreibt einen mir unbekannten Menschen an meiner Seite: gut im Herzen, fähig im Beruf, pflichtbewusst, aber eben „wie ein Soldat“ und zu Hause ausgebrannt. An dieser Stelle will ich einhaken, einiges richtigstellen. Aber warum eigentlich? That’s Kaffeesatz, denke ich mir. War es nicht diese äußere Einsicht, die ich haben wollte?

Aber jetzt bitte etwas Positives! Ein Blick in die schwarzen Krümel verrät: Vor allem die Kohle stimmt dieses Jahr, die Familie ist stabil. „Das Universum will, dass du dich bis Mai zusammensammelst.“ Da bleibt’s erst mal heikel, dann aber alles oberprimasupergut. Wie das? „Universum“, sagt Elena und streckt beide Arme nach oben, macht große Augen, wendet den Kaugummi – „Universum!“

Ich lege 60 Euro auf den Tisch und fahre über eine lange, triste Landstraße nach Hause. Universum, du kannst mich mal.