Diese Fichten haben die Trockenheit der vergangenen zwei Jahre nicht überstanden.
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PotsdamEine Fichte ohne Nadeln liegt am Mittwochvormittag vor dem Sitz der Landesregierung in Potsdam. Ein toter Baum, dürr, vertrocknet und kahl. Die Klima-Aktivisten der radikalen Gruppe „Extinction Rebellion“, die in Berlin schon öfter Straßenkreuzungen blockiert haben, sind vor den Regierungssitz gezogen, um den Baum zu Grabe zu tragen. Ein symbolische Aktion, um für mehr Klimaschutz zu werben. Eine Frau kniet vor dem Baum, eine andere hält die Trauerrede und sagt: „Lasst uns den Tod dieses Baumes als Weckruf begreifen.“

Brandenburgs neuer Umweltminister Axel Vogel von den Grünen tritt zu den Protestierern und begrüßt sie. Ihre Aktion passt zu dem, was er an diesem Tag zu verkünden hat. Seine Botschaft ist klar: Eine solch dramatische Entwicklung hat es in den vergangenen Jahrzehnten nicht gegeben; dem Wald in Brandenburg geht es nicht gut. Es kann sogar gesagt werden, dass es ihm so schlecht geht wie wohl nie zuvor in der jüngeren Geschichte.

Zwei Hitzejahre in Folge

Das macht der am Mittwoch in Potsdam vorgestellte Waldzustandsbericht klar. „Die Auswirkungen des Klimawandels sind nun bei allen Baumarten sichtbar geworden“, sagt Forst- und Umweltminister Vogel. Auf mehr als einem Drittel der Waldfläche – auf beachtlichen 37 Prozent – sind Bäume deutlich geschädigt. Im Jahr 2018 waren es elf Prozent. Und das war bereits der Höchstwert der vergangenen zehn Jahre.

„Das heißt: Aktuell ist jeder dritte Baum in Brandenburg krank“, sagt Vogel. Er spricht von einer besorgniserregenden Entwicklung. „Es sind die schlechtesten Ergebnisse, die wir seit dem ersten Waldzustandsbericht aus dem Jahr 1991 haben.“ Die Zahlen seien noch dramatischer als Anfang der 90er-Jahre, als die Wälder noch mit Luftschadstoffen wie Schwefeldioxid zu kämpfen hatten. Im Jahr 2019 waren nur noch 14 Prozent Bäume gesund. Im Jahr davor waren es noch 45 Prozent gewesen, vor zehn Jahren sogar noch 69 Prozent.

Der Hauptgrund für diese Entwicklung ist, dass es gleich zwei Jahre hintereinander extrem trocken war: 2018 war ein Dürrejahr wie noch nie seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Von der extremen Trockenheit war der Nordosten der Bundesrepublik, also vor allem Berlin und Brandenburg, besonders betroffen.

Wälder im Dauerstress

Auch 2019 fiel deutlich weniger Niederschlag als im langjährigen Mittel. „Trockenheit, Hitze und Stürme haben die Wälder in den vergangenen Jahren in Dauerstress versetzt“, sagt Vogel. Die Folgen sind, dass die Wälder dadurch auch noch wesentlich anfälliger sind für Schädlinge, für Krankheiten und Waldbrände.

Die Zahl der Brände war in den vergangenen zwei Jahren besonders hoch: 2018 wurden 414 Feuer gezählt, die 1353 Hektar Wald schwer geschädigt oder vernichtet haben. Im aktuellen Jahr waren es sogar 512 Brände auf 1674 Hektar.

Nachdem Berlin bereits vor einigen Wochen ein recht verheerendes Bild vom Zustand der Stadtwälder gemacht hatte, war zu erwarten, dass es im Flächenland Brandenburg nicht viel besser ist, sondern sogar noch dramatischer aussieht.  Denn auf 37 Prozent der Landesfläche von Brandenburg steht Wald. Damit ist es das Bundesland mit dem drittgrößten Waldanteil.

Wälder kahl gefressen

Erschwerend kommt in Brandenburg hinzu, dass auf knapp 70 Prozent aller Wälder nur Kiefern stehen. Das liegt vor allem daran, dass sie mit den nährstoffarmen Sandböden gut klarkommen. Aber es sind teilweise riesige Monokulturen, die besonders anfällig für Schädlinge wie Borkenkäfer sind. Denn die können sich durch die schiere Masse an Futter erst einmal unbegrenzt fortpflanzen und ganz Wälder kahlfressen.

„Die Hitze ist für viele Tiere eine Wonne“, sagt Katrin Möller vom Landeskompetenzzentrum Forst in Eberswalde. Leider eben auch für so genannte Forstschädlinge, also Insekten wie die Nonne oder den Borkenkäfer. „Bei der Nonne haben wir derzeit eine Massenvermehrung“, sagt sie. Normalerweise kam es bislang nur alle zehn Jahre dazu, dass sich diese Insekten so extrem stark vermehrten. Die letzte Massenplage war im Jahr 2012. Nun ist bereits die nächsten da. Der Rhythmus scheint sich von zehn auf fünf Jahre verkürzt zu haben, sagt Möller. „Es gibt mehrere erkennbare Folgen des Klimawandels.“

So würden sich die Verbreitungsgrenzen bestimmter Insekten verschieben und die Abwehrkräfte der Bäume sinken. „Der Vorteil ist aber auch, dass auch die Nonne unter der Hitze gelitten hat.“

Absage an den Waldumbau?

Die Fachleute sagen, dass von der Hitze die Laubbäume wie Eichen und Buchen besonders stark betroffen sind und dass die Kiefern nicht ganz so massiv geschädigt sind. Jahrelang wurde propagiert, dass der Wald von den mehrheitlich von Kiefern geprägten Wäldern zu gut sortierten Mischwäldern umgebaut werden müsse, um sie so für die Folgen des Klimawandel zu wappnen. Wenn nun aber die Kiefern weniger unter der Hitze leiden, ist das dann eine Absage an den Waldumbau?

„Der Waldumbau ist alternativlos“, sagt Carsten Leßner, als Referatsleiter im Umweltministerium für Wald und Forst zu ständig. Denn es sei nun mal ein Problem, wenn eine Baumart so extrem dominant ist. „Wenn uns die Kiefer ausfällt, weil sie massiven Stress durch den Klimawandel bekommt, dann ist es bei uns aus mit dem Wald.“ Die Kiefer werde noch viele Jahrzehnte ein sehr wichtiger Baum bleiben.

Wenn nun einzelne Bäume durch die Dürre absterben oder verbrannt sind, setzen die Forstfachleute nicht mehr so sehr darauf, neue Bäume zu pflanzen, sondern dass dort einheimische Arten von selbst wachsen. „Diese Naturverjüngung ist am besten, weil diese Bäume am widerstandsfähigsten sind“, sagt Leßner.