Im Eiltempo werden nun Medikamente gegen Corona getestet. Eine der ersten großen Studien erfolgt mit dem ursprünglich gegen Ebola entwickelten Wirkstoff Remdesivir. 
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BerlinPatient Null hatte Glück. Als der erste Corona-Infizierte der USA eine Lungenentzündung entwickelte, erinnerten sich seine Ärzte an einen Fachartikel aus Wuhan. In der zentralchinesischen Stadt, in der Sars-CoV-2 vermutlich auf den Menschen übersprang, hatten Forscher Versuche vorgenommen, das Wachstum des Erregers im Labor zu hemmen. Besonders erfolgreich bei den Zellexperimenten war Remdesivir. Ursprünglich hatte das Pharmaunternehmen Gilead Sciences die Substanz gegen Ebola-Viren entwickelt.

Da es sich dort nicht bewährte, probierte man das Mittel gegen andere Viren aus. Es zeigte sich: Waren Mäuse mit Mers, einem engen Verwandten des aktuell grassierendenden Corona-Virus infiziert, schien es tatsächlich die Vermehrung zu bremsen.

Elf Tage nachdem der 35-Jährige die ersten Symptome entwickelt hatte, entschieden sich seine Ärzte in Everett im US-Bundesstaat Washington das Medikament in einem Heilversuch auch ihrem Patienten in die Vene zu infundieren. Am nächsten Tag war das Fieber weg, berichten sie im Fachblattl New England Journal of Medicine. Inzwischen ist er geheilt entlassen. Spätestens damit gilt Remdesivir unter den Medikamenten gegen die aktuelle Epidemie als Favorit.

Erste Studien-Ergebnisse werden Ende April erwartet

Ein einzelner erfolgreicher Heilversuch sei allerdings noch wenig aussagekräftig, sagt Isabella Eckerle-Meyer vom Centre for Emerging Viral Diseases der Universitätskliniken Genf. „Gerade bei einer Erkrankung wie Covid-19, die in vielen Fällen mild verläuft, lässt sich schwer sagen, ob der Zufall oder das Medikament zu der Heilung führte.“ Eine Antwort könnten nur große wissenschaftliche Studien liefern.

Seit Anfang Februar wird das Medikament in China daher bei 760 Infizierten getestet. Inzwischen hat Gilead Sciences angekündigt, das Mittel auch bei 1000 weiteren Patienten in anderen Ländern gegen ein Scheinmedikament antreten zu lassen. Schon Ende April sollen erste Ergebnisse vorliegen.

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Wahrscheinlich war das einer der Gründe dafür, dass Lothar Wieler, der Präsident des Robert-Koch-Instituts, am Freitag ankündigte, Medikamente gegen das Virus würden bereits in den nächsten Wochen zur Verfügung stehen.

Tests mit Ebola- und HIV-Arzneien

Derartige Wirkstoffe werden sehnsüchtig erwartet. Denn bislang steht die Menschheit dem Erreger weitgehend mit leeren Händen gegenüber. Das einzige, was die Ärzte Betroffenen bislang anbieten können, sind unterstützende Behandlungsmaßnahmen. Das Angebot reicht von fiebersenkenden Mitteln bis zur Gabe von Sauerstoff. Im Notfall kann eine sogenannte extrakorporale Membranoxygenierung als künstliche Lunge die ausgefallene echte ersetzen.

Mit Medikamenten gegen den Erreger selbst tut man sich dagegen schwer, das gilt überhaupt für Viren: Nur für zehn virale Erkrankungen sind bisher Arzneimittel zugelassen – die meisten gegen HIV. Weil die Erreger die Zellmaschinerie des Körpers für die eigenen Zwecke umprogrammieren, erklärt die Genfer Virologin Eckerle-Meyer, sei es ausgesprochen schwer, die Eindringlinge anzugreifen, ohne gesunden Zellen zu schaden.

Damit bleiben nur die paar Enzyme, die das Virus selber mitbringt, um mit diesen Werkzeugen seine Nachkommen zu produzieren. Remdesivir liefert dem Virus-Enzym RNA-Polymerase zum Beispiel falsche Bausteine, so dass der Erreger sein Erbgut nicht mehr vervielfältigen kann.

Von Sars und Mers lernen

Kaletra, Hoffnungsträger Nummer zwei, richtet sich mit seinen zwei Wirkstoffen Lopinavir und Ritonavir gegen sogenannte Proteasen. Auf diese Enzyme sind die Viren angewiesen, um während ihrer Reproduktion Eiweiße zurechtzuschneiden. Eigentlich ist die Substanz nur zur HIV-Therapie zugelassen – weil der Inhalt des Werkzeugschranks bei vielen Viren aber sehr ähnlich ist, soll Kaletra nun auch Corona bekämpfen helfen.

Das Mittel hat bereits gegen Sars bewiesen, dass es in Kombination mit dem Aidswirkstoff Ribavirin die Vermehrung von Mitgliedern der Familie der Coronaviren bremsen kann. Allerdings waren das nur vorläufige Ergebnisse. Insofern könnte es sich jetzt sogar als Vorteil erweisen, dass enge Verwandte des aktuellen Erregers wie Sars und Mers die Welt schon vorher in Schrecken versetzten. Bis dahin hatte die Wissenschaft die Coronaviren als vermeintliche Erkältungserreger völlig vernachlässigt.

Mehr als 80 Studien mit anderen potenziellen Heilmitteln

In insgesamt mehr als 80 Studien werden aktuell noch andere potenzielle Heilmittel getestet: Dazu zählen neben Kaletra das Malariamittel Chloroquin, das sich ebenfalls in Zellkulturen bewährt hat, traditionelle chinesische Heilmittel wie die Forsythienfrucht Lian Qiao, Stammzellen und einige andere Medikamente, die gegen Influenza oder HI-Viren ihre Wirkung bewiesen haben.

Getestet werden auch Interferon-Botenstoffe, die zu den körpereigenen Waffen gegen Viren zählen und zum Beispiel bereits gegen Hepatitis-Erreger zum Einsatz kommen. Im Labor scheint aktuell sogar die Regel zu gelten: Was auch immer theoretisch funktionieren könnte, es wird in der Zellkultur ausprobiert.

Wann soll man die Mittel geben – und wem?

Nicht alle halten diesen Ansatz für vielversprechend. Erik De Clercq vom Rega Institut für medizinische Forschung in Leuven etwa, der einst an der Entwicklung der HIV-Tablette Tenofovir mitgewirkt hat, sagt: „Wir brauchen neue Medikamente, die sich spezifisch gegen Sars-CoV-2 richten.“ Schließlich scheint für Kaletra zu gelten: So effektiv wie gegen HIV wird es gegen Corona-Viren niemals wirken.

Zu klären bleibt die wichtige Frage: Wann soll man die Mittel geben – und wem? Bislang sprächen die Daten dafür, dass ernsthafte Symptome erst in Woche zwei der Erkrankung auftreten, erläutert Isabella Eckerle. Von diesem Zeitpunkt an scheine vor allem ein überreagierendes Immunsystem die Lunge anzugreifen. Das bedeutet, Anti-Viren-Mittel würden vor allem früher und damit zu einem Zeitpunkt helfen, in dem die Patienten mit ihren Erkältungssymptomen schlechter zu erkennen sind.


Was tun bei Symptomen?

  • Symptome: Eine Infektion mit Sars-CoV-2 kann zu Fieber, trockenem Husten, Schnupfen und Abgeschlagenheit führen. Auch Atemprobleme, Halskratzen, Kopf- und Gliederschmerzen sowie Schüttelfrost kommen vor. Einige Betroffene leiden an Übelkeit und Durchfall. Die Krankheit verläuft mitunter symptomlos, es kommt aber auch zu schweren, manchmal tödlichen Lungenentzündungen.
  • Telefonische Abklärung: Berliner, die fürchten, sich infiziert zu haben, sollten sich zunächst telefonisch an die von 8 bis 20 Uhr besetzte Hotline der Gesundheitsverwaltung wenden: Tel. 030/90 28 28 28. Rund um die Uhr erreichbar ist der Ärztliche Bereitschaftsdienst: Tel. 116117.
  • Fünf Testzentren: In Berlin gibt es mittlerweile Coronavirus-Untersuchungsstellen. Neben dem der Charité auf dem Campus Virchowklinikum öffneten am Montag zwei Einrichtungen des landeseigenen Klinikkonzerns Vivantes: am Wenckebach-Klinikum in Tempelhof und in Räumlichkeiten des ehemaligen Klinikstandorts Prenzlauer Berg in der Fröbelstraße. Auch am Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge in Lichtenberg gibt es seit Montag eine entsprechende Abklärungsstelle, darüber hinaus hat eine Coronavirus-Ambulanz am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Spandau die Arbeit aufgenommen. Bis auf die Spandauer Einrichtung haben alle Ambulanzen auch am Wochenende geöffnet.

Tests mit Rheumamitteln und Antikörpern

Auch deshalb lässt der Pharmakonzern Roche nun Tocilizumab in China testen. Mit diesem Wirkstoff ließen sich die Abwehrzellen wieder etwas beruhigen. Im Gespräch ist zudem Baricitinib, ebenfalls ein Rheumamittel. Solange man noch nichts Besseres hat, steht auch die Möglichkeit im Raum, sogenanntes Plasma von Genesenen zu geben.

Dazu würde man Überlebenden ihre Corona-Antikörper aus dem Blut filtern, um sie dann wiederum Kranken zu infundieren. Als Mittel der letzten Wahl hat sich das bereits bei Sars bewährt – und wird nun ebenfalls getestet.

Weil man so viele Überlebende erst einmal finden muss, versucht das US-Unternehmen Regeneron solche Antikörper gleich künstlich im Bioreaktor herzustellen. Gegen Ebola-Erreger hat sich das Verfahren bereits bewährt. Dort entwickelte die Firma ihr Medikament, indem sie die Antikörper aus dem Blut von Überlebenden kopierte. Tatsächlich ließen sich auf diese Weise – frühzeitig gegeben – mehr als 90 Prozent der Patienten retten.

Beim Coronavirus könnte die Aufgabe schwerer werden, glauben Experten. Das Ebolavirus war im Blut leichter zu erwischen als die Coronaviren, die sich vor allem in den Zellen der Atemwege verstecken. Aber der Erfolg hat auf jeden Fall eines bewiesen: Die Wissenschaft ist in der Lage, auch den gefährlichsten Erreger zu besiegen.