Berlin -  Eigentlich sind Mediziner eher dafür bekannt, zurückhaltend zu sein. Bevor sie einem Patienten seine Krebserkrankung in den schrillsten Farben ausmalen, sagen sie lieber: Ich kann Ihnen nichts prophezeien. Aber wir versuchen unser Bestes. So wurde ihnen das beigebracht. Lieber tiefstapeln als zu hoch, wenn möglich, denn Ärzte haben im Zweifel Menschenleben in ihrer Hand und damit ist nicht zu spaßen. Seriosität ist in diesem Berufsstand dringend angebracht. 

Umso mehr ist darauf zu achten, wenn eben dieser Berufsstand bei einem Branchentreffen wie dem 125. Deutschen Ärztetag, der am Montag und Dienstag – wegen Corona in sogenannter hybrider Form – in Berlin stattfand, alles andere als tief stapelt, sondern sich mal so richtig auskotzt. Und zwar über die Telematik. 

Nicht nur das Pandemiemanagement stand hier wie zu erwarten auf dem Prüfstand, das auch, vor allem aber die Einführung der Telematikinfrastruktur (TI). Die Berliner Zeitung berichtete bereits vor einem Jahr über zunehmenden Druck aus der Ärzteschaft, nun hat auch der Ärztetag die TI scharf kritisiert.

Mit massivem Druck werde etwas ins Gesundheitswesen gepresst, das weder Praktikabilität noch Sicherheit oder Nutzen der Technik zur Einführung von digitaler Patientenakte und etwa E-Rezepten sichere. Die Einführung sei nicht nur dilettantisch, sondern auch gefährlich. Mit Nachdruck fordere man daher ein Moratorium, hieß es am Dienstag in Berlin.

Es hagele Berichte über massive technische Probleme mit der TI in den Arztpraxen, die den Workflow behinderten und das Personal stark belasteten. Und das noch zu den Pandemie-Sorgen und den Problemen mit der vierten Welle obendrauf. Kliniken und Praxen könnten gehackt werden, die Sorge vor dem Missbrauch sensibler Patientendaten sei groß.  

Die freie Ärzteschaft kritisiert besonders mangelnde Tests der TI und ihrer Anwendungen. Sie seien nicht marktreif; Arztpraxen, Kliniken und Patienten würden als Versuchskaninchen herhalten. Die künftige Bundesregierung müsse die Schraube, die der scheidende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn weit überdreht habe, wieder zurückdrehen und die telematischen Anwendungen erst einmal sorgfältig überprüfen und testen, so die Forderung aus der Medizin.

Man sollte diese Warnung ernst nehmen – wenn sie schon während und trotz einer Pandemie von Medizinern in dieser Deutlichkeit kommt.