Blick in die Laufkäfer-Sammlung des Berliner Naturkundemuseums. Für eine Studie wurde die Färbung von 660 Exemplaren der Art Metallischer Schnellläufer untersucht.
Foto: Museum für Naturkunde Berlin/Marc Jerusel

BerlinEr läuft und läuft und läuft durch Berlin. Den Metallischen Schnellläufer, eine hübsch schimmernde Käferart, gibt es in der Hauptstadt schon seit vielen Jahrzehnten. Harpalus affinis, so sein wissenschaftlicher Name, hat die Zunahme der Rußbelastung durch die Industrialisierung ebenso überstanden wie sämtliche Baubooms der letzten Jahrzehnte.

Damit gehört das metallisch glänzende Insekt zu jenen Überlebenskünstlern, für die sich Mark-Oliver Rödel und seine Kollegen vom Berliner Museum für Naturkunde besonders interessieren. „Wir wollen herausfinden, warum einige Arten den Herausforderungen der Verstädterung getrotzt haben und andere nicht“, erklärt der Forscher. Entscheidend sei dabei die Fähigkeit, sich schnell an die oft massiven Veränderungen der Lebensräume anzupassen. Aber wie genau sehen die Erfolgsrezepte der Tierwelt für solche ökologischen Umbrüche aus?

Der Metallische Schnellläufer

Um das herauszufinden, hat das Team die umfangreichen zoologischen Sammlungen des Naturkundemuseums durchforstet. Gesucht waren Arten, die schon frühere Wissenschaftlergenerationen in Berlin und Brandenburg gesammelt hatten und die man in der Region jetzt immer noch findet. Der Metallische Schnellläufer kam den Forschern da gerade recht.

Denn zum einen ist dieser ziemlich häufige und in ganz Deutschland verbreitete Käfer nicht besonders anspruchsvoll. Er kommt auch auf Baustellen und in anderen gestörten Lebensräumen problemlos zurecht und ist auch nicht zwingend auf eine bestimmte Nahrung angewiesen. Mit vegetarischer Kost ist er ebenso zufrieden wie mit tierischer Beute.

Käfer in unterschiedlichen Designs

Damit ist er nicht unbedingt ein typischer Vertreter seiner Verwandtschaft. „Viele andere Laufkäfer haben so spezifische Ansprüche, dass man ihre Vorkommen gerne für Umweltgutachten erfasst“, erläutert Mark-Oliver Rödel. „Dieser hier ist aber ein echter Opportunist.“ Solche Arten aber dürften am ehesten mit gravierenden Umweltveränderungen zurechtkommen.

Grün, bronzefarben und gemischt: Laufkäfer aus der Zeit um 1970.
Foto: MfN Berlin/S. Keinath

Zugleich konnten die etwa einen Zentimeter großen Käfer aber auch optisch punkten. Denn es gibt sie in drei unterschiedlichen Designs. Einige hüllen sich in ein metallisches Grün, andere in schimmernde Bronzetöne und wieder andere kombinieren beide Farben. Zustande kommen diese unterschiedlichen Schattierungen durch dünne Lagen von Chitin, mit denen die Insekten ihre Körperoberfläche überziehen und die das Licht jeweils auf bestimmte Weise reflektieren.

Anders als viele Pigmente bleichen solche Strukturfarben mit der Zeit nicht aus, sondern wirken auch nach mehr als hundert Jahren noch frisch. Selbst der älteste untersuchte Schnellläufer der Berliner Sammlung, der aus dem Jahr 1893 stammt, dürfte daher noch so aussehen wie zu seinen Lebzeiten.

Käfer passen sich Umweltbedingungen an

Zum Glück für die Forscher liegen außer diesem Senior-Laufkäfer noch zahlreiche weitere Artgenossen in den Schubladen des Museums, die zu verschiedenen Zeiten in Berlin und Brandenburg gesammelt wurden. Insgesamt 660 Exemplare aus unterschiedlichen Lebensräumen der Region hat die Doktorandin Silvia Keinath unter die Lupe genommen. Dabei ist sie auf einen interessanten Zusammenhang zwischen der Farbe der Käfer und den jeweils herrschenden Umweltbedingungen gestoßen.

So waren die weitaus meisten untersuchten Schnellläufer grün gefärbt – egal, ob sie im ländlichen Brandenburg oder in der Großstadt gelebt hatten. Eine Ausnahme machten lediglich jene Weibchen, die in der Zeit vor und um den Zweiten Weltkrieg in Berlin gefangen wurden. Bei denen war Bronze die Modefarbe Nummer eins.

Die Forscher haben auch eine Idee, woran das liegen könnte: Wahrscheinlich haben sie ihren Look verändert, weil ihre Lebensräume bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts mit dem Ruß aus unzähligen Schornsteinen belastet waren. „Viele Insekten passen ihre Farbe so an die Umgebung an, dass sie für Vögel und andere Feinde möglichst schwer zu entdecken sind“, erklärt Mark-Oliver Rödel.

Veränderungen auch bei anderen Insekten

Für einen Schnellläufer sollte dieses Tarnkleid unter normalen Umständen so grün sein wie die Vegetation. Es sei denn, er krabbelte in den Zeiten der heftigsten Umweltverschmutzung durch eine verrußte Großstadt. Dort gab es mehr dunkle Oberflächen, auf denen ein Bronzeton eine bessere Tarnung bot. Also überlebten mehr Weibchen mit dieser Farbe. Als dann ab den 1950er-Jahren die Rußbelastung immer weiter abnahm, ging der Trend wieder in Richtung Grün.

Die Familie der Carabidae

Die Laufkäfer (Carabidae) sind eine sehr große und erfolgreiche Käferfamilie, die alle Kontinente außer der Antarktis besiedelt hat. Biologen kennen mittlerweile mehr als 40.000 Arten, von denen knapp 760 in Mitteleuropa vorkommen.

Die Eigenschaften: Die kleinsten Laufkäfer bringen es nur auf einen Millimeter Länge, während die größten mehr als acht Zentimeter messen. Die meisten Arten können gut fliegen und entsprechend leicht neue Lebensräume besiedeln.

Der Lebensraum: Der Großteil der Laufkäfer lebt auf dem Erdboden. Vor allem in tropischen Regenwäldern und subtropischen Bergwäldern krabbeln viele aber auch in den Bäumen herum und ruhen unter den Blättern oder der Rinde.

„Solche Veränderungen kennen wir auch bei anderen Insekten“, sagt Silvia Keinath. Bekanntestes Beispiel ist der Birkenspanner, der mit der Industriellen Revolution in England seine Farbvorlieben wechselte. Ursprünglich hatten die meisten dieser Falter helle Flügel mit dunklen Flecken besessen und waren damit an den Stämmen von Birken nicht weiter aufgefallen. Als sich dann aber viele Bäume durch Rußablagerungen verfärbten, hatten plötzlich dunkle Flügel Konjunktur.

Einfluss auf Überlebenschancen

In einem Experiment mit künstlichen Faltern, die sie in einem Wald an die Bäume setzten, haben Wissenschaftler der University of Exeter inzwischen nachgewiesen, dass die unterschiedlichen Farben tatsächlich einen großen Einfluss auf die Überlebenschancen der Birkenspanner haben. Und einen ähnlichen Effekt gab es offenbar auch bei den Schnellläufern in Berlin.

Warum aber sollte sich der nur auf die Hauptstädterinnen beschränkt haben? Die Männchen laufen schließlich genauso Gefahr, im Schnabel eines hungrigen Vogels zu landen. Und trotzdem haben sie die ganze Zeit über an ihrer grünen Farbe festgehalten – Umweltverschmutzung hin oder her. „Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass die Weibchen eine Vorliebe für grüne Partner haben“, glaubt Mark-Oliver Rödel.

Bei den meisten Tierarten haben die Weibchen die Wahl: Sie bestimmen, mit welchen Männchen sie sich paaren – und gehen dabei oft nach ziemlich strengen Kriterien vor. Wer nicht attraktiv ist, hat keine Chance. Soweit Biologen das bisher untersucht haben, scheint das auch für Käfer zu gelten.

Grünmetallische Frauenhelden

Entsprechend standen die Schnellläufer-Männchen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wohl vor einem Dilemma: Sie konnten entweder auf bronzene Sicherheit setzen und damit ihre Chancen beim anderen Geschlecht schmälern. Oder sie blieben grünmetallische Frauenhelden – auf die Gefahr hin, gefressen zu werden. Letzteres war offenbar die erfolgversprechendere Strategie.

„An diesem Beispiel sieht man sehr schön, wie wertvoll naturkundliche Sammlungen sind“, findet Mark-Oliver Röder. Mit ihrer Hilfe könne man Veränderungen von Arten und Ökosystemen über lange Zeiträume verfolgen und damit auch besser verstehen.

Jede Art hat ihr Erfolgsrezept

Die Schnellläufer sind dabei nicht die einzigen Zeitzeugen, denen die Forscher solche ökologischen Informationen entlocken wollen. Sie haben auch noch einen weiteren Laufkäfer, eine Hummel, zwei Nachtfalter und einen Frosch im Visier.

Alle diese Arten haben den ökologischen Wandel in und um Berlin verkraftet. Und jede von ihnen dürfte ihr Überleben einem eigenen Erfolgsrezept verdanken.