In Berlin herrscht schon wieder weitgehende Sorglosigkeit auf den Straßen. Corona - war da was? 
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Als am 27. Januar 2020 in Starnberg bei München der Mitarbeiter eines Auto-Zulieferers positiv auf Covid-19 getestet wurde, wusste noch kaum jemand, was das ist. Deutschland in Gefahr? Das schien undenkbar. Der Virus aus Starnberg schien schnell unter Kontrolle zu sein.

Auch die Politik bequemte sich deshalb erst nach Karneval Ende Februar, größere Zusammenhänge zu sehen, einen Hotspot in Heinsberg als solchen anzuerkennen, einen Krisenstab einzurichten und erste Beschränkungen zum Schutz der Bevölkerung zu veranlassen.

Erst ab Mitte März ging dann plötzlich alles ganz schnell. Nachdem die WHO eine Pandemie ausgerufen und die Bundeskanzlerin vor einer Überlastung der Krankenhäuser gewarnt hatte, blieben ab 16. März Kitas und Schulen geschlossen. Zwei Tage später hielt Angela Merkel eine Ansprache im TV, danach leerten sich die Straßen. Inzwischen waren schreckliche Bilder aus Italien zu uns gedrungen, viele Menschen hatten Angst.

Sieht man sich heute, nur vier Monate später, in Berlin um, scheint das Virus dagegen fast vergessen. Von Angst ist wenig zu spüren. Auch international steht Deutschland im Vergleich gut da. Die New York Times verstieg sich schon im April dazu, Deutschland aufgrund seiner niedrigen Sterberate überschwänglich zu loben. Der britische Guardian dagegen zweifelte die Zahlen zeitgleich an: Es könne nicht sein, dass gerade Deutschland mit seiner ähnlich alten Bevölkerung so viel besser dastehe als Italien. Schließlich ernährten sich die Italiener im Schnitt gesünder.

Inzwischen hat man auf einige Fragen Antworten gefunden, auf andere nicht. Den aktuellen Stand der Wissenschaft bezüglich der deutschen Pandemiebewältigung im internationalen Vergleich stellte nun das wissenschaftliche Institut der PKV in Köln vor. Es sei unbestritten, so die Wissenschaftler der Privaten Krankenkassenvereinigung (WIP) am Dienstag, dass das deutsche Gesundheitssystem im internationalen Vergleich besonders gut sei. Während der Konferenz stellte sich auf Nachfrage heraus, dass die beiden Autoren der Studie, Frank Wild als Institutsleiter und Christine Arentz als Projektleiterin des WIP, keine Mediziner, sondern Ökonomen sind. Beides muss bei einem Krankenkassenhintergrund dann auch nicht weiter verwundern.

Was ist Deutschlands Geheimnis, fragen sich USA und UK

Nichtsdestotrotz kommen die Studienergebnisse zur rechten Zeit. Zwar ließe die Datenqualität noch zu wünschen übrig, unter anderem weil unterschiedliche Standards Vergleiche schwierig machen. Doch insgesamt hat die Studie einen feinen Überblickscharakter. Vor allem in den USA tobt das Virus gerade heftig, hierzulande scheinen wir über den Berg zu sein. Was also ist Deutschlands großes Geheimnis?

Da wären zum einen die Betten. Schon oft genannt, aber ein wichtiges Puzzleteil. Die Autoren schreiben: „In Systemen, die schon vor der Pandemie pro Kopf weniger Ressourcen vorgehalten haben und sich das Virus zunächst unbemerkt verbreiten konnte, war die Kapazitätsgrenze deutlich schneller erreicht. Andere Länder mit geringen Kapazitäten mussten schnell reagieren, um eine Überlastung des Systems zu vermeiden.“

Entgegen der weit verbreiteten Annahme hat Deutschland unterdurchschnittlich viel getestet - gemessen an der Einwohnerzahl. Dafür aber ziemlich früh. 
Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: WIP-Analyse

Deutschland hat im europäischen Vergleich die meisten Krankenhausbetten: 602 pro hunderttausend Einwohner. Dazu kommen 38,2 Intensivbetten. Spanien und Italien haben nicht mal die Hälfte der normalen Krankenhausbetten und nicht mal ein Drittel der Intensivbetten. Diese Zahlen sind noch kein Garant für eine gute Krankenhausversorgung. Doch im Pandemiefall bieten mehr Betten einen zeitlichen Vorteil, weil Zusatzkapazitäten nicht von heute auf morgen geschaffen werden können.

Deutschland hatte noch aus einem weiteren Grund mehr Zeit: Das Virus war in Italien schon Monate lang unbemerkt unterwegs gewesen. „Abwasserproben in Rom haben gezeigt, dass das Virus schon im Dezember dort war“, so Wild. „Es konnte sich dort unbemerkt verbreiten, dann kamen die schlimmen Bilder aus Italien zu uns – und wir hatten dadurch mehr Zeit, uns darauf vorzubereiten.“ Italien hatte also wohl einfach Pech.

Vom „Glück“ der alleinlebenden Alten

Hinzu kommt ein weiteres „Glück“ für Deutschland, wie es Arentz formuliert: In den südlichen europäischen Ländern leben die Familien noch enger zusammen. Hierzulande gebe es viel mehr alte Menschen, die als Single oder Paare lebten. Dadurch ergaben sich weniger Ansteckungsmöglichkeiten durch jüngere Familienmitglieder, die in der Regel weniger schwere Krankheitsverläufe haben. Auch deshalb kam Deutschland besser durch die Pandemie.

Ein weiteres Argument konnten die Autoren entkräften. In jeder Talkshow war es zu hören, auch in Artikeln aus dem Ausland zu lesen: dass Deutschland so wahnsinnig viel teste. Mehr als jedes andere Land. Das stimmt so nicht. Wie die Grafik zeigt, testete Deutschland im Vergleich ziemlich wenig. Bezogen auf die Einwohnerzahl, sogar unterdurchschnittlich. Am meisten testeten Luxemburg, Dänemark und auch Spanien.

Interessant wird es noch einmal bei den Todesfällen: Luxemburg, das die meisten nachgewiesenen Infizierten pro eine Million Einwohner aufweist, verzeichnet unterdurchschnittlich viele Covid-Tote. Die wenigsten verzeichneten Covid-Toten hat Griechenland, gefolgt von Finnland, Österreich, Dänemark und dann Deutschland. Schweden mit seinem Sonderweg verzeichnet deutlich mehr Covid-Tote, bezogen auf die Einwohnerzahl.

Weil diese Zahlen allein nicht aussagekräftig sind, haben sich die Studienautoren die sogenannte Übersterblichkeit angeschaut, also die Abweichung der Totenzahlen zu vergleichbaren Zeiträumen vor Covid. Deutschland hat in dieser Auswertung nur mit den Bundesländern Hessen und Berlin teilgenommen. Das Statistische Bundesamt konstatiert für Gesamtdeutschland für März 2020 keinen auffälligen Anstieg der Sterbezahlen. Von Ende März bis Ende April 2020 liegen sie aber über dem Durchschnitt der vorherigen drei Jahre. Schweden hingegen hat mit seinen viel lockereren Maßnahmen eine deutlichere Übersterblichkeit zu verzeichnen. Dennoch im Vergleich mit strengeren Ländern keine so hohe wie etwa Belgien.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Deutschland bisher ziemliches Glück hatte. Aus Ischgl kamen vorwiegend junge Menschen zurück, deren Krankheitsverläufe meist deutlich milder waren als bei den vielen infizierten Senioren in Italien oder Spanien. Zusätzlich wurde hierzulande schon sehr früh ein verlässlicher Test entwickelt, was als international vorbildlich gilt.

Dabei hat Deutschland viele Risikofaktoren: eine alte Bevölkerung und auch eine mit vielen Vorerkrankungen. Nicht zu unterschätzen ist ein weiterer Punkt: Die Auslastung des Personals in deutschen Krankenhäusern ist sehr hoch. Nur in Belgien kommen auf einen Arzt mehr Fälle, und auch die deutschen Pflegekräfte sind sehr stark unterbesetzt. 

Wohl weil die Politik das weiß, hat sie schon frühzeitig verfügt, das Personal auf andere Weise zu entlasten: „Durch die Verschiebung nicht akuter Behandlungen im Krankenhaus wurde das ärztliche und pflegerische Personal in Deutschland und anderen Ländern von anderen Aufgaben entlastet“, so die Studie. Wie viele Patienten in Deutschland dadurch zu sogenannten „Corona-Kollateralschäden“ wurden, dazu gibt es noch keine Erhebungen.