Die regelmäßige Kontrolle der Blutzuckerwerte ist in diesen Tagen wichtiger denn je.
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BerlinÜberall ist es zu lesen. Vor allem ältere Menschen erkranken bei einer Covid-19- Infektion besonders schwer und müssen in die Klinik. Oft sogar auf die Intensivstation. Doch inzwischen stellte sich heraus, dass für den Verlauf der Krankheit nicht unbedingt das höhere Alter im Vordergrund steht. Viel entscheidender seien vor allem Begleit- und Vorerkrankungen. Dazu gehöre auch Diabetes, eine der häufigsten Volkskrankheiten. Etwa jeder zehnte Berliner – also rund 370.000 Menschen – ist davon betroffen. Möglicherweise stellt sich der eine oder andere die Frage: Warum sind gerade wir besonders gefährdet?

Michael Ritter kennt die Antwort. Der Chefarzt der Klinik für Angiologie, Diabetologie und Endokrinologie des Helios-Klinikums Berlin-Buch leitet eines der wenigen großen Diabetes-Spezialzentren der Hauptstadt. Er sagt: „Wer seine Blutzuckerwerte im Normalbereich hält, hat in der Regel nichts zu befürchten. Aber ein nicht erkannter oder schlecht eingestellter Diabetes beeinträchtigt das Immunsystem.“ Auch ohne Corona könnten bei einem Diabetiker zum Beispiel Operationen, normale Influenza-Grippeerkrankungen oder Lungenentzündungen schwerer verlaufen und mehr Komplikationen nach sich ziehen, sagt Chefarzt Ritter: „Deshalb ist es für einen an Diabetes Erkrankten zu jeder Zeit auch als Infektionsschutz wichtig, dass der Blutzucker gut eingestellt ist.“

Ritter kann erklären, auf welche Weise Diabetes das Immunsystem schwächt: „Die hohen Blutzuckerwerte verändern bestimmte Eiweiß-Bausteine und stören damit die Funktion der weißen Blutkörperchen, die für die Körperabwehr verantwortlich sind. Das kann man sogar im Labor unter dem Mikroskop beobachten. Da verdauen die Abwehrzellen die Erreger schlechter.“

Aber es gibt noch weitere Risikofaktoren, auf die Diabetiker jetzt verstärkt achten müssen. „Liegen auch noch Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Probleme vor, haben Diabetes-Patienten mit einem geschwächten Immunsystem bei einer Sars-CoV-2-Ansteckung ein noch höheres Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf“, so Ritter. „Das Virus befällt ja vorwiegend die Lunge und muss dort durch das Immunsystem bekämpft werden. Dieser Kampf kann aber über das Kreislaufsystem wiederum das Herz massiv belasten.“ Diese Beeinträchtigung sei noch gefährlicher als die durch das Virus geschädigte Lunge. Denn der Sauerstoffmangel könnte durch künstliche Beatmung ausgeglichen werden, im äußersten Notfall würde sogar die ganze Lunge durch eine Maschine ersetzt. „Aber das Herz muss dann erheblich mehr pumpen, weil alle Organe in Mitleidenschaft gezogen werden. Das kann letztendlich zu einem Herz-Kreislaufversagen führen“, so Ritter.

Ganz neu ist die Erkenntnis, dass auch starkes Übergewicht zu den Risikofaktoren zählt. Aktuelle wissenschaftliche Studien aus Frankreich und China haben gezeigt, dass mehr als drei Viertel der Corona-Patienten auf der Intensivstation unter Fettleibigkeit litten.

Weil Diabetes-Patienten im Gegensatz zu gesunden Menschen stärker durch Corona gefährdet sind, brauchen sie jetzt mehr denn je ärztliche Beratung und Hilfe, wenn die Blutzuckerwerte nicht in Ordnung sein sollten. „Erste Ansprechpartner sind hier Hausärzte, Internisten und idealerweise Diabetologen“, sagt Experte Ritter.

Doch hier droht bereits das nächste Problem. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) hat bereits einen starken Rückgang der Patientenzahlen in Praxen und Ambulanzen beobachtet. „Die öffentliche Verunsicherung ist groß“, warnt DDG-Präsidentin Monika Kellerer. „Viele Menschen nehmen wichtige Arzttermine nicht mehr wahr oder bleiben bei akuten Beschwerden zu Hause. Sei es aus Rücksicht auf das Gesundheitssystem, aufgrund falsch verstandener Ausgangsbeschränkungen oder aus Angst vor Ansteckung mit dem Corona-Virus“, so Monika Kellerer, die auch Ärztliche Direktorin des Zentrums für Innere Medizin I am Marienhospital in Stuttgart ist. Sie fordert dazu auf, Krankheitssymptome ernst zu nehmen. Insbesondere mehrfacherkrankte Diabetespatienten sollten bei schlechten Blutzuckerwerten oder Veränderungen des Gesundheitszustandes umgehend ärztliche Hilfe ersuchen.

Dazu rät auch Michael Ritter: „Wie wir in unserer Ambulanz bieten inzwischen auch andere Kollegen in Berlin Telefon- oder Video-Sprechstunden an. Selbst gemessene Werte kann man dem Arzt ja schon vor dem Telefonat schicken und sich anschließend beraten lassen.“

Das gilt zumindest für die Betroffenen, die der Arzt schon kennt. Weil Diabetes aber nicht weh tut und oft lange Zeit keine Symptome hervorruft, sollte man sich ab einem Alter von 35 Jahren vom Hausarzt alle zwei Jahre den Blutzucker bestimmen lassen. Bei Menschen mit hohem Diabetes-Risiko sind engere Kontrollen sinnvoll. Dazu gehören Patienten, die übergewichtig sind, sich wenig bewegen, an Bluthochdruck und zu hohen Cholesterinwerten leiden.

Zwar zeigen Urinuntersuchungen mit Teststreifen aus der Apotheke einen etwa vorhandenen Diabetes erst spät an. Doch in Corona-Zeiten könnten selbst diese ungenauen Werte zumindest erste Hinweise liefern.

Vorsicht ist jedoch geboten, wenn erste Symptome auftreten. Die Betroffenen fühlen sich dann zum Beispiel schlapp und müde. Sie müssen häufig Wasser lassen, haben starken Durst und trinken auffallend viel. Wunden heilen schlechter. Es kann zu einem unerklärlichen Gewichtsverlust kommen. Wenn Taubheitsgefühle in Armen oder Beinen oder auch Sehstörungen auftreten, kann der Diabetes sogar schon weit fortgeschritten sein.

Wer bereits weiß, dass er an Diabetes erkrankt ist, sollte seine Werte jetzt genauer überprüfen. Ganz besonders gilt das für Diabetiker mit Bluthochdruck, Herz-Kreislaufkrankheiten und Übergewicht.

Der normale Blutzuckerwert darf nicht über 200 Milligramm pro Deziliter oder 11,1 Millimol pro Liter – die früher in der DDR übliche Einheit – steigen. Der Langzeit-Blutzuckerwert HbA1c sollte unter 7,5 Prozent liegen.

Diabetiker sind es zwar gewohnt, die Selbstmessungen regelmäßig durchzuführen. „Wer jedoch unter Quarantäne steht oder Erkältungssymptome an sich beobachtet, dem raten wir, jetzt etwa doppelt so oft die Werte zu bestimmen“, sagt Chefarzt Ritter. Er rät auch, die vom jeweiligen Arzt verschriebenen Medikamente weiterhin und genau nach Anweisung einzunehmen.

Bei Diabetes Typ-2 sind das häufig die Wirkstoffe Metformin, das die Neubildung von Glucose in der Leber hemmt und die sogenannten Gliflozine, die überschüssigen Zucker mit dem Urin aus dem Körper entfernen. Sollten sich Betroffene aber tatsächlich mit dem Corona-Virus infiziert haben und es zu einem schweren Krankheitsverlauf kommen, ist es in der Regel nötig, diese Medikamente abzusetzen und vorübergehend auf Insulin-Injektionen umzusteigen. „Das jedoch wird in der Klinik eingeleitet“, sagt Diabetologe Ritter. „Selbstständig sollte man das auf gar keinen Fall tun.“

Obwohl alle Berliner Kliniken angehalten sind, Betten für Covid-19-Patienten freizuhalten und nicht dringende Behandlungen zu verschieben, ist für Diabetes-Patienten im Notfall immer genügend Kapazität vorhanden. „Die meisten Diabetiker können ja vom niedergelassenen Arzt ambulant eingestellt werden“, sagt Chefarzt Ritter. „Nur wenn das nicht gelingt oder die Zuckerkrankheit schwer entgleist, ist ein Klinikaufenthalt nötig.“ Der sei jedoch jederzeit möglich, weil ja schwere Krankheitsfolgen verhindert werden müssen.

Ansprechpartner: Wer einen Diabetes-Spezialisten in seiner Nähe sucht, findet die Adressen von zertifizierten Praxen und Kliniken im Internet unter www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de

Experten-Tipps: Mehr Bewegung, weniger essen

  • Abhilfe ohne Medikamente manchmal möglich: Der häufiger auftretende Diabetes Typ-2 lässt sich oft schon durch eine Umstellung auf gesündere Ernährungs- und Lebensgewohnheiten günstig beeinflussen. Allein durch regelmäßige Bewegung und Gewichtsabnahme können Patienten im Anfangsstadium erreichen, dass sich die Zuckerwerte sogar ohne Medikamente wieder normalisieren oder zumindest verbessern, so die Einschätzung von Experten.
  • Ernährung: „Gerade in Zeiten großer Anspannung, wie jetzt bei den Ausgangsbeschränkungen, neigen viele dazu, ungesund zu essen“, warnt Chefarzt Michael Ritter. „Sie nehmen dann zu viel Süßes, zu viel Salziges und zu viel Fett zu sich. Gesunde Ernährung ist jetzt aber wichtiger denn je.“ Für Frustesser hat der Diabetologe dennoch noch einen Tipp: „Legen Sie sich täglich frisches Obst oder Gemüse portioniert bereit. Beispielsweise geschälte und in Streifen geschnittene Karotten. Da dürfen Sie auch zwischendurch immer mal wieder zugreifen.“
  • Sport: Dazu rät Ritter zu mehr Bewegung, wobei man beim Einstieg aber nicht übertreiben sollte, sondern sich einfach jeden Tag ein bisschen steigern. Gut geeignet seien zum Beispiel Nordic Walking, Radfahren oder für ältere Menschen einfach nur flottes Spazierengehen: „Wenn das Bewegungsprogramm dann noch mit Gymnastik gemixt und vielleicht gemeinsam mit der Familie organisiert wird, kann es sogar sehr lustig werden.“ Die tägliche Sportstunde von Alba Berlin (www.youtube.com/albaberlin) sei dafür besonders geeignet: „Die kann jeder, natürlich per Video, gemeinsam mit Kindern, Eltern, Großeltern oder Freunden durchführen. Das macht richtig Spaß und steigert noch den Gesundheitseffekt.“