Ein wichtiger Faktor ist eine gut ausgestattete Intensivmedizin. 
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BerlinDie Unterschiede sind auffällig. Am Dienstag waren weltweit fast zwei Millionen Menschen mit dem Coronavirus infiziert. 120.914 hatten die Erkrankung nicht überlebt, wie der Corona-Weltkarte der US-amerikanischen Johns Hopkins University zu entnehmen war. Das bedeutet: Sechs von hundert Erkrankten sind gestorben. Blickt man jedoch auf die Zahlen der einzelnen Länder, dann tun sich Differenzen auf. In den USA sterben offiziell 4,1 Prozent der Infizierten, in Spanien sind es 10,4, in Frankreich 10,9 und in Italien gar 12,8 Prozent. In Deutschland dagegen sind es aktuell etwa 2,4 Prozent. Nimmt man nur Berlin, dann sind es 1,2 Prozent.

Die „deutsche Ausnahme“

Verschiedene Medien weltweit haben sich mit dieser „deutschen Ausnahme“ beschäftigt. Dabei ragt die New York Times heraus. Sie hat versucht, Antworten auf die Frage zu finden, warum die Todesrate in Deutschland unter dem internationalen Durchschnitt liegt. Sie ist auf fünf mögliche Gründe gekommen, die hier analysiert werden sollen:

1. Grund: Die Patienten in Deutschland hätten ein geringeres Durchschnittsalter als in anderen Ländern, schreibt die New York Times. Tatsächlich liegt das momentane Durchschnittsalter der Erkrankten bei 49 Jahren, wie Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), am Dienstag mitteilte. In Italien dagegen beträgt es mehr als 62 Jahre.

Der Abstand schrumpft

Einen Grund für das geringere Alter der Erkrankten in Deutschland sehen Forscher darin, dass die ersten Infizierten unter anderem junge Rückkehrer aus dem Ski-Urlaub in Italien oder Österreich waren und sich die Krankheit in Bars und Clubs verbreitete. Anfangs betraf die Infektion überdurchschnittlich die Altersgruppe der 30- bis 39-Jährigen. Dieser Vorteil geht Deutschland jedoch verloren. Es gebe immer mehr Ausbrüche in Alters- und Pflegeheimen, teilte Lothar Wieler mit. Auch generell seien immer mehr ältere Menschen betroffen. 86 Prozent der bisher Verstorbenen in Deutschland sind über 70 Jahre alt. Eine Forschergruppe der London School of Economics hat am Dienstag das Ergebnis einer neuen Studie mitgeteilt. Dieser zufolge würden 42 bis 57 Prozent der Covid-19-Todesfälle in Italien, Spanien, Irland, Belgien und Frankreich aus Pflegeheimen gemeldet, wobei die Definitionen für Pflegeheim unterschiedlich sind.

Die Zahl der Toten wird auch in Deutschland wachsen, zumal es einen Zeitverzug gibt. Die jetzigen Todesfälle beträfen Menschen, die vor ein oder zwei Wochen erkrankten, sagte Wieler. Hinzu kommt die Inkubationszeit von bis zu 14 Tagen.

2. Grund: In Deutschland wird mehr getestet als anderswo. Auch wenn oft gefordert wird, dass noch viel mehr getestet werden müsse, so steht Deutschland auf diesem Gebiet recht gut da, zumindest im Vergleich mit Ländern, in denen es sehr hohe Todeszahlen gibt. Die Berliner Charité hatte bereits Mitte Januar einen Test entwickelt und die Formel dafür online zur Verfügung gestellt, sodass sich Labore bundesweit schon länger auf die anrückende Pandemie vorbereiten konnten.

In Deutschland finden RKI-Angaben zufolge wöchentlich 350.000 Tests statt. Bisher gab es 11.000 Tests pro eine Million Einwohner, wie worldometers.info, eine Statistik-Plattform im Internet, mitteilte. Zum Vergleich: In Frankreich waren es bisher etwa 3400 Tests pro eine Million Einwohner. Italien nähert sich der deutschen Testquote an. Aber das Land hat erst spät mit Tests begonnen. Genau wie die USA.

Dunkelziffer in anderen Ländern viel höher als in Deutschland

Das heißt aber auch: Die Zahl der nicht erfassten Erkrankten – die sogenannte Dunkelziffer – ist in diesen Ländern wahrscheinlich viel höher als in Deutschland, was die Unterschiede in den Todesraten insgesamt relativieren würde. In Südkorea zum Beispiel, dem Test-Weltmeister, liegt der Anteil der Verstorbenen bei 2,1 Prozent. Das Land schneidet also etwas günstiger ab als Deutschland, zumindest, was die von der Johns Hopkins University angegebenen Zahlen betrifft.

3. Grund: Die am Kampf gegen Corona Beteiligten in Deutschland sind laut New York Times sehr engagiert. Die Zeitung nannte als Beispiel die sogenannten Corona-Taxis in Heidelberg, mit denen Mediziner zu Erkrankten nach Hause fahren, Tests machen und den Verlauf der Erkrankung kontrollieren. Denn die Chancen für einen guten Ausgang der Krankheit steigen, wenn Patienten gleich zu Beginn einer Verschlechterung in die Klinik kommen.

In anderen Ländern kommen die Erkrankten dagegen oft erst in letzter Minute oder gar nicht in die Klinik – in den USA zum Beispiel nicht zuletzt, weil viele Menschen keine Krankenversicherung besitzen. Im Bundesstaat New York sollen allein in den ersten fünf   Apriltagen 1125 Menschen zu Hause gestorben sein – achtmal so viele wie im selben Zeitraum des Vorjahres, wie die New York Times berichtete. Arme und Afroamerikaner sind überdurchschnittlich von Covid-19 betroffen. In Chicago zum Beispiel ist nur etwa jeder dritte Einwohner ein Afroamerikaner.   Aber die Bevölkerungsgruppe hat einen Anteil von 67 Prozent an der Zahl der Todesopfer. Ähnlich sieht es in anderen großen Städten aus.

4. Grund: Das Gesundheitssystem in Deutschland ist im Vergleich zu anderen Ländern überdurchschnittlich gut ausgestattet. Die Zahl der Intensivbetten wurde von anfangs 28.000 auf 40.000 erhöht, davon 30.000 mit Beatmungsgeräten. Zurzeit können sogar Patienten aus anderen EU-Staaten aufgenommen werden. Anfang April wurden bereits mindestens 85 Franzosen und 32 Italiener in deutschen Kliniken beandelt.

Intensiv-Personal und Schutzausrüstung fehlt

Mediziner haben jedoch beklagt, dass es insgesamt zu wenig Personal gibt, um die Geräte zu bedienen. Auch fehlende Masken und Schutzanzüge sind ein großes Problem, das nun nach und nach behoben wird. Das fehlende Personal und die mangelnde Ausrüstung sind ein Ergebnis der Umstrukturierung der Kliniken nach reinen Kostenfaktoren in den vergangenen Jahren.

5. Grund: Laut New York Times herrscht in Deutschland ein großes Vertrauen in die Regierung, vor allem in Kanzlerin Angela Merkel, sowie in die Wissenschaftler, die die Regierung beraten. Auch wenn es hierzulande manche Kritik an den Institutionen gibt, ist das Urteil aus amerikanischer Sicht verständlich. Noch bis Anfang März spielte Präsident Donald Trump die Gefahr des Virus herunter und zögerte bei der Einführung konsequenter Maßnahmen. Sein Berater, der Immunologe Anthony Fauci, bestätigte jetzt, dass es trotz früher Warnungen „deutlichen Widerstand“ gegen Maßnahmen gegeben habe.

Das Problem mit den Zahlen

Todesrate. Das Robert-Koch-Institut (RKI) bezieht sich in der Statistik auf die offiziell gemeldeten Covid-19-Fälle. Am 9. März waren es 1139 Fälle und zwei Todesfälle, am 1. April 67.366 Fälle und 732 Todesfälle, am 14. April 125.098 Fälle und 2969 Todesfälle. Die Todesrate stieg in dieser Zeit von 0,17 auf 2,4 Prozent.

Letalität. Die Daten sind jedoch nur bedingt zu nutzen. Denn über die wirklich Todesrate sagen sie nichts. Der Begriff Letalität bezeichnet die Todesfälle in Bezug zur Gesamtzahl der Infizierten. Und diese könnte um ein Vielfaches höher liegen, weil viele Infektionen symptomarm verlaufen und viele Infizierte nicht getestet werden.

Mortalität. Dieser Begriff bezeichnet die Sterblichkeit bezogen auf die gesamte Bevölkerung (zum Beispiel pro 1000 Einwohner pro Jahr) oder eine Altersgruppe. Statistiker sagen, dass man die wirkliche Todeszahl bei Covid-19 erst am Jahresende feststellen kann: in der Übersterblichkeit verglichen mit anderen Jahren.

All die genannten Beispiele zeigen unterschiedliche Bedingungen, die dazu beitragen, dass Krankheitsverläufe besser oder schlechter sind. Sicher lassen sich auch noch andere Faktoren heranziehen, bis hin zu Besonderheiten der Lebensweise. Für Italien zum Beispiel wurde angegeben, dass dort viele Großeltern mit ihren Kindern und Enkeln zusammenleben und mehr als in Deutschland ins tägliche Leben eingebunden sind. Viele Regionen haben auch eine besonders alte Bevölkerung.

Hohe Todeszahlen könnten die Spitze des Eisbergs sein

Dennoch lässt die Analyse aller Faktoren nur bedingt Aussagen über die wirkliche Letalität von Covid-19 zu. Gemeint ist damit die Zahl der Todesfälle in Bezug zur Gesamtzahl der Infizierten. Diese ist bisher in keinem Land bekannt. Wie bereits angedeutet, hängt es bereits von der Anzahl der Tests ab, ob der Anteil der Todesfälle größer oder kleiner ist. Wie jüngere Untersuchungen ergaben, hat sich das Virus in den USA wahrscheinlich schon seit Mitte Januar nahezu ungehindert ausgebreitet. Forscher aus Göttingen schätzten vor wenigen Tagen, dass dort bereits viele Millionen Menschen infiziert sein könnten. Wenn es wirklich so ist, würde die Sterberate im Vergleich zu Deutschland ganz anders aussehen – und die hohen Todeszahlen wären die Spitze eines sehr großen Eisberges.

„In Deutschland wurde die Pandemie sehr früh erkannt und zu Beginn fast ausschließlich bei Personen der gesunden Bevölkerung mittleren Alters nachgewiesen. Dies könnte die aktuell niedrigen Sterblichkeitsraten erklären“, teilte am Montag auch die in Halle sitzende Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina mit. Sie führte aus, worin das Problem aller Debatten um die Todesraten bei Covid-19 bestehe: „Sterblichkeitsraten, die das Verhältnis der an Covid-19 Verstorbenen zur Anzahl der Neuinfizierten quantifizieren, müssen auf der Basis aller Infizierten beziehungsweise der Gesamtbevölkerung berechnet werden und nicht nur auf der Basis der registrierten Erkrankten.“

RKI-Studie zu Corona-Antikörpern

Um solche Zahlen zu gewinnen, werden in diesen Wochen verschiedene Untersuchungen gestartet. Das RKI will mit mehreren großangelegten Studien herausfinden, wie viele Menschen in Deutschland bereits eine Infektion durchgemacht haben. Das soll über den Nachweis von Antikörpern im Blut geschehen. In einer bundesweiten repräsentativen Studie wollen die Forscher 15.000 Menschen ab 18 Jahren an 150 Orten untersuchen. Das Projekt soll im Mai starten und im Juni erste Ergebnisse bringen. In München wiederum werden Menschen in 3 000 Haushalten untersucht. Erst die Ergebnisse solcher Studien werden Schätzungen zulassen, wie groß die Letalität bei Covid-19 ist. Wahrscheinlich wird sie auch in Deutschland nicht bei 2,4 Prozent liegen, sondern möglicherweise darunter.

Ungeachtet der noch zu erwartenden Ergebnisse hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits jetzt mitgeteilt, dass das neue Coronavirus besonders tödlich sei, nämlich „zehnmal mehr als das Grippevirus 2009“, wie der WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus am Montagabend mitteilte. Gemeint ist die sogenannte Schweinegrippe, die Pandemie mit dem Influenza-Virus H1N1 in den Jahren 2009 und 2010. Was diese betrifft, wird bei 18 449 Todesfällen von einem Zusammenhang mit laborbestätigten Infektionen ausgegangen. Eine Studie, die 2012 im Fachmagazin The Lancet Infectious Diseases erschien, schätzte die Zahl der Todesfälle aber auf 151.700 bis 575.400. Das Journal zog dafür geschätzte Zahlen aus Afrika und Südostasien mit heran, die von der WHO nicht berücksichtigt worden seien, wie es heißt.

Das individuelle Risiko

Was „zehnmal tödlicher“ genau bedeutet, geht aus der Aussage der WHO aber nicht hervor, weil auch ihr keine validen Daten über die wirkliche Zahl der Infizierten zugrundeliegen. Viele Menschen interessiert in diesem Zusammenhang vor allem die Frage: Wie groß ist für mich und meine Angehörigen das Risiko, an Covid-19 zu sterben? Dieses individuelle Sterberisiko müsse auch „vor dem allgemeinen Hintergrund der Multikausalität und Komplexität von Todesfällen stärker als bislang beachtet werden“, fordert die Nationalakademie Leopoldina. Die Anzahl von an Covid-19 Verstorbenen müsse „ins Verhältnis gesetzt werden zu der Anzahl der in einem vergleichbaren Zeitraum in einer äquivalenten Altersgruppe an anderen Erkrankungen Verstorbenen“.

Immer mehr Mediziner schauen deshalb jetzt genauer hin, ob Erkrankte wirklich „an“ oder „mit“ dem Coronavirus gestorben sind. Kann der Tod direkt auf die Infektion mit dem Virus Sars-CoV-2 zurückgeführt werden oder wirkte diese eher als Beschleuniger? Bisher bestätigen Pathologen vor allem, dass die meisten Opfer älter waren und Vorerkrankungen hatten. Durch Corona werde ein „aus anderen Gründen bereits drohender Tod vorverlegt“, sagte der Lüdenscheider Pathologe Johannes Friemann im Interview mit der Welt. „Neben einem meist im Vordergrund stehenden Lungenversagen sehen wir auch Vorerkrankungen, die für sich genommen bereits allein geeignet sind, einen Menschen zu töten.“

Zugleich soll aber genauer geschaut werden, welche Mechanismen dazu führen, dass es mitunter auch jüngere Menschen trifft und manche Krankheitsfälle völlig unvorhersehbar verlaufen.