Warum die Lockerungen richtig sind und sich jede Impfpflicht verbietet

Man kann nicht hoch genug schätzen, dass der Bundestag die allgemeine Impfpflicht abgelehnt hat. Auch die Lockerung der Maßnahmen kommt zur rechten Zeit.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach (links) und Kanzler Olaf Scholz (rechts) in der Sitzung des Bundestags, auf der die allgemeine Impfpflicht abgelehnt wurde
Gesundheitsminister Karl Lauterbach (links) und Kanzler Olaf Scholz (rechts) in der Sitzung des Bundestags, auf der die allgemeine Impfpflicht abgelehnt wurdedpa

Die allgemeine Impfpflicht ist am Donnerstagmittag im Bundestag gescheitert. 296 Abgeordnete stimmten dafür, 378 dagegen, neun enthielten sich. Dies ist das Ende eines monatelangen Kampfes um die Impfpflicht zunächst für alle, dann nur noch für Ältere, schließlich für niemanden mehr – außer für Beschäftigte in gesundheitsbezogenen Einrichtungen. Für sie gilt nach wie vor die Impfpflicht.

Letzteres kann man diskutieren, doch im Grunde ist dies ein guter Tag für Deutschland und seinen Weg aus der Pandemie – auch weil damit der deutsche Sonderweg endet.

Was wurde zuletzt wieder allerorten in Panikmodus verfallen, weil die Regierung allgemeine Corona-Lockerungen beschlossen hatte. Jede Änderung der Maßnahmen wird mit Adleraugen begutachtet: Vom einen Lager werden Menschen, die in Supermärkten keine Masken mehr tragen, wie Helden verehrt, vom anderen Lager wird auf Twitter gefeiert, wie Kunden sich beim Filialleiter beschweren, weil Angestellte keine Maske mehr tragen.

Es ist einfach nur noch albern, wie hochgepeitscht die Diskussion um die Pandemie hierzulande über zwei Jahre nach Beginn noch immer verläuft. Können wir bitte einmal grundsätzlich aus dem bisherigen Kardinalfehler lernen und endlich das tun, was uns aus der Pandemie führt? Nämlich: den neuesten Erkenntnissen aus Wissenschaft und Praxis zu Virus und Pandemie nicht immer erst dann zu glauben und zu folgen und zu reagieren, wenn sie schon wieder überholt sind? Zugegebenermaßen ändern sich diese in einer Pandemie bisweilen schneller, als die Polizei erlaubt, aber das ist dennoch keine Einladung dafür, sich immer nur die Erkenntnisse herauszupicken, die einem gerade passen, und darauf konsequent zu beharren, obwohl man es längst besser wissen könnte – und müsste.

So mehrten sich etwa die Hinweise auf schwere Nebenwirkungen der laut Lauterbach angeblich nebenwirkungsfreien Impfung gegen Covid-19 schon seit vielen Wochen und Monaten durch Betroffene. Die Long-Covid-Ambulanzen werden gerade von solchen Patienten überrannt, weil ihre Symptome denen von Long Covid stark ähneln und ihnen sonst kaum einer helfen mag. Denn ihre Nebenwirkungen dürfte es eigentlich gar nicht geben.

Hochgerechnet betrifft dieses Problem keine geringe Anzahl von Menschen. Gehen wir von 63 Millionen Geimpften allein in Deutschland aus, und gehen wir von 0,2 Prozent mit schweren Nebenwirkungen aus, die schon erwartet werden, dann hätten wir hierzulande bis zu weit über 100 000 Patienten, die die Impfung nicht vertragen. Und wir sprechen hier wohlgemerkt eben nicht von ein paar Tagen Kopfschmerzen oder Fieber, sondern von unerwünschten Nebenwirkungen, die teils so heftig ausfallen, dass die Patienten nicht mehr arbeiten können, weil sie von anhaltenden massiven kardiologischen und/oder neurologischen Problemen geplagt werden.

Doch was macht die Politik? Sie berät im Bundestag allen Ernstes über eine Impfpflicht und tut so, als sei nur noch darüber zu befinden, ab welchem Alter eine solche gelten müsse. Dabei verbietet sich nach Erkenntnissen über eine mögliche Untererfassung der Impfschäden nicht nur jegliche Impfpflicht, vielmehr müssten auch die Impfempfehlungen neu angepasst werden, und es müsste viel genauer eruiert werden, für wen genau die Impfung eher Rettung als Gefahr ist – auch in Bezug auf Omikron. Stattdessen werden munter die immer selben Impfstoffe bis 2029 bestellt und gebunkert.

Es ist daher nicht, wie von vielen eifrigen Kommentatoren vermutet, unklug von der Politik, jetzt  Pandemiemaßnahmen auslaufen zu lassen und die allgemeine Impfpflicht abzublasen. Sondern im Gegenteil genau der richtige Zeitpunkt, die Eigenverantwortung zu betonen und die Deutschen wieder selbst über ihre Gesundheit bestimmen zu lassen. Wann denn sonst sollte der Übergang in die Endemie gelingen, wenn nicht auf dem Höhepunkt einer Welle mit einer Virusvariante, die für jeden erkennbar weitaus mildere Verläufe zu verantworten hat als alle bisherigen? Wann sonst, wenn nicht im Frühjahr, wenn die Erkältungszeit endet? Ganz bestimmt nicht im Herbst, wie es der damalige Gesundheitsminister Spahn im vergangenen Jahr versuchte, was denkbar schiefgegangen ist. Diesmal hat man aber den Herbst bereits fest im Blick, sogar was die dann passenden Impfstoffe angeht, auch wenn diese noch gar nicht entwickelt sein können, weil man die dann vorherrschende Variante unmöglich jetzt schon kennen kann. Verrückt.

Wir dürfen weder wider besseres Wissen in den Erkenntnissen über vergangene Virusvarianten verharren noch traumtänzerische Angstvisionen über künftige Pandemiephasen verbreiten. Stattdessen gilt es, die Chance zu nutzen, das Virus endemisch werden zu lassen. Ja, dazu gehört ein gutes Stück Eigenverantwortung jedes Einzelnen. Die ist aber auch nur dann möglich, wenn wir aus dem ständigen Panikmodus austreten und uns wieder daran gewöhnen dürfen, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen, anstatt sie von oben verordnen zu lassen. Siehe Impfung.