Berlin -  Egoistisch, einsam, eine Bedrohung? Als wir vergangene Woche an dieser Stelle darüber berichteten, wie kinderlose Frauen heute gesehen werden, haben wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, nach Ihrer Meinung und nach Ihren Erfahrungen gefragt. Wir erhielten viel Post. Hier kommt eine Auswahl.

Und wir möchten gern noch mehr wissen. Beim nächsten Mal soll es anstatt der gewollten um die ungewollte Kinderlosigkeit gehen: Welche sind Ihre Erfahrungen? Schreiben Sie uns wieder unter gesundheit@berlinerverlag.com, ob mit Klarnamen oder anonym. Wir setzen uns dann mit Ihnen in Verbindung. Vielen Dank fürs Mitmachen! Ihr Gesundheitsressort der Berliner Zeitung.

Ich bin glücklich mit meinem Partner

Ich bin 36 Jahre alt, weiblich, Ur-Berlinerin und seit knapp 1,5 Jahren nach Ausbildung, Studium und Promotion endlich in meinem ersten richtig voll bezahlten Job angekommen. Ich bin froh, langsam in dieses Alter zu kommen, in dem ich für die breite Masse aus dem Bild herausfalle, Kinder zu bekommen. Gelegentlich trifft man auf Menschen, die sofort denken, dass man biologisch dazu nicht in der Lage sei. Aber ich möchte keine Kinder, seit ich denken kann. Ich glaube nicht, dass ich in zehn Jahren anders denke. Auch wenn ich weiß, dass es mittlerweile in Berlin viele Erstlingsgeburten Ü40 gibt. 

Es ist furchtbar, wie man als Frau stigmatisiert wird: „Eine Frau muss Kinder bekommen, sonst ist sie keine Frau“, hört man besonders gerne. Bei der Jobsuche wird die Kinderfrage indirekt über die Flexibilität versucht herauszukitzeln. Dabei sehe ich mittlerweile ziemlich viele Männer in Elternzeit gehen, und das ist dann völlig okay. Über Frauen hängt immer noch dieses Stigma. Aber nicht jede Frau empfindet durch Mutterschaft Erfüllung und dafür sollte sie sich nicht schämen müssen. Ich hatte nie dieses Lächeln im Gesicht, wenn ein kleines Kind in der U-Bahn plötzlich schrie. Wenn sämtliche Menschen um mich herum diesen Blick aus Mitleid und Freundlichkeit in den Augen hatten. Ein Kinderschreien löst bei mir eher das Bedürfnis nach Flucht aus. 

Ich habe großen Respekt vor Müttern und Familien, insbesondere Alleinerziehenden. Ich könnte das nicht leisten und ich würde es mir auch nicht zutrauen. Kinder auf die Welt zu bringen und großzuziehen, ist eine beachtliche Herausforderung. Seit dem Teenager-Alter wollte ich eine akademische Laufbahn eingehen. Gespräche, die ich in dieser Zeit mit Müttern führte, weil ich wissen wollte, warum sie sich für ein Kind entschieden, führten alle zu der Aussage: „Ich möchte im Alter nicht alleine sein.“ Ist es nicht eine Form von Egoismus, allein aus diesem Grund ein Kind in die Welt zu setzen? Es gibt sicher andere Gründe für Kinder als die Altersvorsorge, aber ich hörte nie welche. Es ging immer nur ums Alter und Angst vor Alleinsein oder vor Altersarmut. Auch dieses Thema ist stigmatisiert und in vielen Familien verschwiegen. 

Ich wohne in einer Einzimmerwohnung, da die Mieten in Berlin zu hoch sind. Das Zusammenleben in unserer Gesellschaft wird perspektivisch immer enger und teurer, Ressourcen knapper. Ich glaube, dass meine Entscheidung auch einer simplen Biologie unterliegt: Wenn das Vogelweibchen den Nistplatz als ungeeignet betrachtet (weil zu dreckig, laut, Fressfeinde), wird es auch keine Nachkommen in die Welt setzen. Am Wochenende werden mein Partner und ich nach dem Tod unseres Haustieres einem neuen Freund ein Zuhause schenken. Nein, das ist kein Kindersatz. Wir mögen Tiere einfach. Wir wollen beide keine Kinder. Macht bewusste Kinderlosigkeit also glücklich? Mich macht es sehr glücklich.

Es war schwierig, einen Partner zu finden, der so denkt wie ich. Alleine das Daten hat sich um die 30 schon schwierig gestaltet, da Frauen von männlicher Seite gerne als „Gebärmaschine“ gesehen werden und das Kinderthema zum Streitthema wird, bevor überhaupt eine Beziehung angefangen hat. 

Absolut widerwärtig, Frauen auf ihre Gebärfähigkeit zu reduzieren

Zunächst finde ich es absolut anmaßend und widerwärtig, dass Frauen immer noch auf ihre Gebärfähigkeit reduziert werden. Nur weil ich Arme habe, muss ich nicht mein Leben danach ausrichten, Dinge zu werfen oder zu fangen. Nur weil ich einen Uterus habe, muss ich ihn nicht zum Kinderkriegen benutzen. Von klein auf werden Mädchen mit Puppen darauf vorbereitet, später Mutter zu werden. Diese gesellschaftliche Prägung später abzulegen, wird von vielen als unnatürlich und fast schon als Vertragsbruch betrachtet.

Jungen werden so erzogen, dass ihre eigenen Interessen im Zentrum ihrer Verwirklichung stehen. Als Frau hat man angeblich erst dann ein erfülltes Leben, wenn man seine eigenen Bedürfnisse hintenan stellt und mindestens 15 Jahre seines Lebens für das Kind opfert. Denn nach wie vor wird von Frauen erwartet, dass sie den Großteil der Care-Arbeit übernehmen. Auf diesen Mental Load habe ich absolut keine Lust. Ich will die gleiche Freiheit haben, die Männer sich schon seit Jahrtausenden genommen haben: Ich will meine Bedürfnisse nicht aufopfern müssen.

Kinder zu kriegen, damit man im Alter nicht einsam ist und damit sie sich um einen kümmern, ist missbräuchlich und egoistisch. Und warum müssen sich Männer ohne Kinder nicht rechtfertigen? Warum spricht man von kinderlosen Frauen (als ob man nur mit Kind eine Frau wäre), aber nicht von kinderlosen Männern? Warum werden Männer ohne Kind als freiheitsliebend und männlich, Frauen ohne Kind aber als egozentrisch und kalt betrachtet? Mittlerweile wollen viele Männer Kinder haben und geben mindestens zwei bis drei Kinder als Wunsch an. Dass die Mehrheit der Arbeit damit an der Frau hängen bleibt, ist für die Mehrheit dieser Männer nicht sichtbar oder relevant.

Auch die körperlichen Folgen einer Geburt sind vielen Männern überhaupt nicht bewusst, weil man von Frauen erwartet, dass sie alles an der Schwangerschaft toll finden und die Qualen der Geburt, die Hormonschwankungen, gerissene Körperteile oder dauerhaft geschädigtes Gewebe einfach nicht thematisieren und vor lauter Mutterglück schnellstmöglich vergessen. Meine Theorie: Wenn Männer die Kinder austragen würden, hätten wir kein Problem der Überbevölkerung und Abtreibungen gäbe es in jeder Hausarztpraxis.

Mit meiner Entscheidung, dem gesellschaftlichen Druck zur Konformität nicht nachzugeben, nehme ich mir in einer nach wie vor patriarchalisch dominierten Welt also ein Stück Selbstbestimmung zurück und trage gleichzeitig dazu bei, dass es angesichts des Klimawandels nicht noch mehr Menschen auf dieser Welt gibt. Win-win. Anna Schmidt

Mutter als Beruf, privat kinderlos

Ich bin 42 Jahre alt und habe keine Kinder. Den Wunsch, ein Kind zu gebären und großzuziehen, habe ich  nie verspürt. Bewusst gegen ein Kind habe ich mich nur einmal in meinem Leben entschieden, als ich ungewollt schwanger wurde. Da war ich 30 Jahre alt und konnte mir ein Leben mit Kind nicht vorstellen.

Ich arbeite seit über zehn Jahren in der stationären Kinder- und Jugendhilfe. Früher hieß es Kinderheim, heute gibt es Wohngruppen. Ich arbeite in 24-Stunden-Diensten und betreue bis zu elf Kinder und Jugendliche von sechs bis 16 Jahren, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht bei ihren Eltern leben. Für mich ist dieser Beruf optimal. So fordernd ein Dienst auch ist, kann ich nach 24 Stunden die Arbeit an ein Teammitglied übergeben und bin frei. Ich werde also nicht nur entlohnt dafür, Essen zu kochen, zu Elternabenden gehen, Hausaufgaben zu machen, die gesamte Fürsorgearbeit, die mit Kindeserziehung einhergeht, sondern all diese Tätigkeiten sind auch gleichberechtigt auf fünf Teammitglieder aufgeteilt. Spezielle Aufgaben übernimmt jedes Teammitglied zusätzlich für zwei oder drei Bezugskinder. Mit meinen Bezugskindern gehe ich zum Arzt, regele den Umgang mit den leiblichen Eltern, stehe in Kontakt mit Jugendamt, Schule, Therapeuten. Ich kaufe mit ihnen Kleidung, besorge Geburtstagsgeschenke.

Wir betreuen Kinder und Jugendliche, deren Eltern obdachlos, drogenabhängig, psychisch erkrankt, gewalttätig, überfordert oder geografisch zu weit entfernt sind (unbegleitete minderjährige Flüchtlinge). Selten sind die Eltern gestorben. Viele dieser Eltern sind durch ihre Kinder vermutlich nicht glücklicher geworden, sondern ihre Lebensumstände haben sich zusätzlich verkompliziert. Obwohl die meisten ihre Kinder lieben, sind sie nicht in der Lage, sich adäquat um die Erziehung zu kümmern. Ob sie die Elternschaft bereuen? Ich habe noch nie gefragt.

In meiner idealen Welt würden nur solche Menschen Kinder bekommen, die sich ganz bewusst dafür entscheiden. Gesellschaftlicher Druck und fremde Erwartungshaltungen erscheinen mir als denkbar schlechte Voraussetzungen. Wer ein Auto selbst fahren möchte, muss eine Prüfung ablegen. Wer sich einen Hund zulegt, dem werden Hundeschule oder ein Ratgeberbuch zumindest ans Herz gelegt. Ein Kind darf jeder ohne Test oder Ansicht seiner Eignung in die Welt setzen. Der Vorteil dieser Tatsache? Es wird immer jemand notwendig sein, der meinen Job erledigt. Ich bin gerne „Mutter“ in meinem Beruf und ich bin glücklich kinderlos in meinem Privatleben.

Ich bereue die Mutterschaft

Ich gehöre wohl zu der Gruppe Frauen, die dem Druck nachgegeben haben, Kinder zu bekommen, und es zum großen Teil bereut. Sowas darf man gar nicht laut aussprechen. Ich bin mit 19 ungewollt schwanger geworden und dank Druck seitens Eltern und Pro Familia wurde dieses Kind vor 20 Jahren geboren, ohne Vater. In so einer emotional schwierigen Situation, in der eine junge Frau besonders labil und verletzlich ist, wurden mir die wunderbaren Vorteile einer Mutterschaft erklärt. Dabei habe ich tief in mir immer gewusst, dass ich nicht der warmherzige Muttertyp bin. Es macht mich bis heute wütend, wenn ich so etwas höre wie: Dann hast du im Alter niemanden, der für dich da ist. Mein Kind und ich sind zerstritten und haben seit anderthalb Jahren nicht miteinander gesprochen.

Es gibt so zeitig Sexualunterricht, aber eine neutrale Aufzählung der Optionen, die man hat, sollte man doch ungewollt schwanger werden, gibt es nicht. Und keiner sagt den Mädchen: Du kannst wirklich alles machen, was du möchtest, du musst keine Kinder bekommen, wenn du das nicht möchtest. Der Druck der Gesellschaft kann gewaltig sein. Durch die Hormone und einen Partner war ich kurze Zeit nach der ersten Entbindung durch Verliebtheit dem Irrglauben erlegen, dass ich doch endlich die Mutter sein kann, die erwartet wird. Aber warmherzige innige Gefühle habe ich nicht wirklich entwickelt. Corinna

Wir waren schon mal weiter!

Ich empfinde das Thema neben Gender-Themen als ablenkend von wirklich existenziellen Themen, wie: Wird es demnächst wieder Krieg geben in Europa? Wird in Moldawien gerade eine US-denominierte Regierung aufgebaut? Wird Assange im Hochsicherheitsgefängnis in UK Selbstmord begehen, wenn er weiter grundlos, völkerrechtswidrig, inhaftiert bleibt?

Es ist mir als Mutter von zwei und Großmutter von drei Enkeln völlig egal, ob jemand Mutter werden will oder nicht. Ja – nach der Wende wurden die (ostdeutschen) Frauen ihrer Errungenschaften beraubt, über ihren eigenen Körper zu entscheiden: Eine Schwangerschaft abzubrechen, ist heute fast wieder ein Verbrechen. Wir waren schon mal weiter bis 1990! Das wird – bewusst – vergessen? Verdrängt? Karin Bartsch

Der einzige Nachteil der Mutterschaft

Ich bin heute vor genau 17 Jahren zum ersten Mal Mutter einer Tochter geworden, und das aus tiefster Überzeugung. Schon im Teenageralter habe ich gewusst, dass ich eine Familie mit mindestens zwei Kindern haben will. Als ich mit 24 Jahren den passenden Traummann dazu fand, stand dem Plan nichts mehr im Weg – fast: Leider hat es dann erst kurz vor meinem 30. Geburtstag geklappt. Ich war einige Zeit ungewollt kinderlos und sehr traurig darüber. Drei Jahre später kam dann noch unser Sohn zur Welt und seither sind wir komplett.

Auch heute fühlt sich die Entscheidung jeden Tag richtig an, obwohl sich mein Leben seit vielen Jahren hauptsächlich um meine Kinder dreht. Trotzdem konnte ich immer in Teilzeit arbeiten gehen und ich muss sagen, dass es in meiner Arbeit nichts gibt, was mich so stolz macht wie meine Kinder. Die Entscheidung für Kinder sollte jeder Frau selbst überlassen bleiben und respektiert werden. Nur wer sich bewusst dafür entscheidet, kann auch mit den Entbehrungen umgehen, die das Muttersein mit sich bringt. Den einzigen Nachteil als Mutter sehe ich darin, dass man sich ständig Sorgen macht, weil es eben nichts auf der Welt gibt, das man mehr liebt und beschützen will als seine Kinder! Susa Eidinger

Das Thema brennt mir auf den Nägeln

Das Thema beschäftigt mich schon eine ganze Weile. Leider stoße ich mit meinen Ansichten oft auf Unverständnis, im Familien- und Freundeskreis und öffentlichen Foren. Mir wurde Befürwortung des Antinatalismus unterstellt und Beiträge frühzeitig administrativ entfernt. Das ist frustrierend und ich verstehe nicht, warum dieses Thema nicht offen besprochen werden kann.

Ich, 34 Jahre alt, habe mich bewusst dagegen entschieden, Kinder zu bekommen – neben persönlichen insbesondere aus Gründen der Nachhaltigkeit. Ich füge – gekürzt – einen Brief ein, den ich an ein einschlägiges Online-Portal gerichtet hatte:

Gleich vorweg: Es ist keineswegs so, dass ich generell etwas gegen Kinder habe (im Gegenteil) oder Menschen verurteile, die sich bewusst dafür entscheiden. Vielmehr geht es mir darum, dass es in der heutigen von Klimakrise und pandemiegeprägten Welt mehr eine wohlüberlegte Entscheidung als eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Ich mache eher die Erfahrung, dass das Gegenteil der Fall ist – man sich also dafür rechtfertigen muss, keinen Nachwuchs produzieren zu wollen. Abgesehen davon, dass ich mir aktuell (leider noch) keine rosige Zukunft für mein theoretisches Kind ausmalen kann, ist für mich von großer Bedeutung auch der Aspekt der Nachhaltigkeit. Wie bei dem Bild von den Bäumen, die man nur in dem Maße fällen sollte, wie der Wald sich wieder regenerieren kann, stellt sich für mich die Frage, wie viele Menschen der Planet langfristig mit Ressourcen versorgen kann. Es ist Fakt, dass jedes Kind einen ökologischen Fußabdruck hinterlässt, wie alle weiteren Menschen, die aus dieser Linie resultieren. 

Zwar verzeichnet man in der westlichen Welt eher einen Geburtenrückgang, während die Zahlen anderswo steigen oder konstant hoch bleiben. Nichtsdestotrotz ist der ökologische Fußabdruck eines hierzulande geborenen Kindes um ein Vielfaches höher als etwa in Afrika. In armen Ländern gibt es außerdem oft mehr Kinder, als dort versorgt werden können. Warum also nicht adoptieren, wenn man einen Kinderwunsch hegt? 

Mein Partner und ich schließen nicht aus, in einer späteren Lebensphase ein fremdes Kind bei uns aufzunehmen. Ob man generell Kinder haben will oder nicht, sei jedem selbst überlassen. Es sollte auch völlig in Ordnung sein, sich nie in die Elternrolle zu begeben und die gewonnene Zeit und Energie in andere Projekte zu stecken. Tatsächlich ist das Produzieren von Nachwuchs in Zeiten von Überbevölkerung als gesellschaftlicher Beitrag sehr fragwürdig und wohl mehr ein egoistischer Akt. Die Frage also, ob es ein biologisch eigenes Kind sein muss, sollte heute wohl bedacht sein.

Gemeinsame Entscheidung gegen Kinder

Mein Mann und ich haben uns gegen Kinder entschieden, weil wir finden, dass man sich zu hundert Prozent kümmern sollte, wenn man Kinder hat. Wir waren nicht bereit, unsere Flexibilität und Freiheit aufzugeben. Wir sind jetzt fast 43 alt und haben es bisher nicht bereut. Wir finden unser Leben toll, wie es ist. Unser Umfeld reagiert auf unsere Entscheidung sehr unterschiedlich. Meine Mutter, die sechs Kinder hat, kann es nicht nachvollziehen. Sie denkt, ich werde es eines Tages bereuen. Auch denkt sie, dass mir etwas entgeht. Ich glaube aber, dadurch dass ich dieses Gefühl, Mutter zu sein, nicht erlebt habe, weiß ich nicht, was mir fehlt. Viele Kolleginnen um die 50 haben mir zu unserer Entscheidung gratuliert. Heute würden sie es genauso machen. Manuela Kroll

Nicht nur Frauen bekommen keine Kinder

Mich erstaunen die besprochenen Studien und Artikel zum Thema Geburten. Zum einen, weil nur von Frauen gesprochen wird und nicht von Menschen, die keine Kinder bekommen. Zum anderen wundere ich mich über die Fragestellung, „warum Frauen immer noch unter Druck stehen, Kinder bekommen zu müssen“. Die Frage müsste heißen: Seit wann sind Frauen unter diesem Druck?

In allen Kulturen vor dem europäischen Industriezeitalter gab es diverse Lebensmodelle, darunter etliche kinderlose. Die Götter und Helden der vorantiken und antiken Zeit zeigen das breite Spektrum von Weiblichkeit und Männlichkeit. Aus überlieferten Texten und historischen Funden kennen wir männliche und weibliche Berufstätigkeit. Im europäischen Mittelalter gab es ebenfalls Positionen für Frauen und Männer außerhalb der Vater- und Mutterpositionen. Es konnten nicht alle Frauen und auch nicht alle Männer heiraten, Kinder bekommen, ernähren. Nur einige kamen für diese Rolle in Frage. Die anderen erfüllten andere Aufgaben in der Gesellschaft. Die Bevölkerungszahlen blieben viele Jahrhunderte auf ähnlichem Niveau.

Erst nach der Säkularisierung der Klöster, der Ausrottung der Hebammen (als Hexen) mit ihrem gynäkologischen Wissen, dem Entstehen der Wachstumswirtschaft und der globalen Märkte bis ca. 1800 gab es in Europa viele Frauen mit vielen Kindern. Es gab aber in Europa einen solchen Frauenüberschuss, dass es auch in dieser Zeit nicht möglich war, dass jede Frau Kinder bekam. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es daher wieder einen Aufschwung der Frauenberufe und es galt für Frauen, entweder einen Beruf auszuüben oder zu heiraten und Kinder zu bekommen. Dazu gab es in den 1980-90er Jahren etliche Untersuchungen. Woher in unserer heutigen Zeit die Idee kommt, jede Frau müsse Kinder bekommen, kann ich nicht verstehen.

Wenn Kinderwunsch für viele Frauen heute ein Problem ist, wäre der Hintergrund für diesen positiven oder negativen Kinderwunsch zu untersuchen. Ebenso müsste das aber auch für Männer untersucht werden. Kinder werden auch heute noch trotz Kleinfamilie von der Gesellschaft erzogen. Unsere Kinder werden die Renten erarbeiten und die Welt von morgen gestalten. Alle Menschen können denen dankbar sein, die heute Kinder bekommen, ohne dass sie sich blöd vorkommen, wenn sie selbst keine haben. Jana Haase

Ich möchte Karriere machen, das ist als Frau schwer genug

Ich bin Medizinstudentin, habe keinen Kinderwunsch und noch nie wirklich gehabt. Gründe habe ich genug: Den Wunsch zur Karriere, ohne gebunden an andere Verpflichtungen zu sein. Schlaf, meine Sexualität und meine Me-time sowie regelmäßige Reisen sind mir sehr wichtig. Ich möchte kein Kind austragen. Ich bin einfach kein Kindermensch. Ich habe einige Nichten und Neffen und das sind sehr liebe Kinder, aber ich bin jedes Mal wieder froh, wenn sie wieder weg sind. In meiner Familie wissen die meisten schon lange, dass ich keinen Kinderwunsch habe, und jetzt erst wird das auch ernst genommen, da es immer hieß, wenn der Richtige dann mal kommt, ändert sich das noch. In meinem Freundeskreis äußere ich es nicht immer, denn das ist ein prekäres Thema. Von einer Mitbewohnerin wurde ich als Egoistin bezeichnet. Darauf habe ich einfach keine Lust.

Letztendlich geht es ja auch niemanden etwas an, was in meinem Uterus sein wird oder nicht. Nur die engsten Freunde wissen oder ahnen, dass ich mit Kindern nicht viel anfangen kann. Wie es später als Ärztin sein wird, sollte mich ein*e Patient*in das mal fragen, weiß ich noch nicht. Ich denke, ich würde ganz professionell sagen, dass ich nicht über mein Privatleben reden möchte, und das wäre ja auch legitim. In Bezug auf meine Chefs werde ich aber ehrlich sein und offen den nicht vorhandenen Kinderwunsch betonen, denn ich möchte beruflich aufsteigen und so wie die Dinge heute noch stehen, werden Frauen auf diesem Weg ohnehin schon genug Steine in den Weg gelegt.

Ich mag keine Kinder

Ich habe mich bewusst gegen Kinder entschieden, aus verschiedenen Gründen. Mein Partner dachte immer, er würde mal Kinder haben, nicht weil er welche wollte, sondern weil es erwartet wird. Erst durch mich hat er gemerkt, dass er gar keinen echten Kinderwunsch hat, und ist mit mir kinderlos glücklich.

Schon in der Grundschule wusste ich, dass ich niemals Kinder haben will. Mein Leben lang wurde mir gesagt, dass sich meine Meinung ändern wird, doch das hat sie nicht. Ich bin jetzt 37 Jahre alt und absolut zufrieden mit der Entscheidung. Viele in meinem Umfeld haben Kinder bekommen, aber zu allen ist der Kontakt abgebrochen. Anscheinend ist es ein Muss, Kinder zu lieben, um die Freundschaft aufrechterhalten zu können – und ich mag Kinder nicht. Kaum jemand akzeptiert meine Entscheidung, auch die Schwiegereltern scheinen böse auf mich zu sein. Als ob es Pflicht wäre, Enkel zu produzieren. Es nervt mich, immer wieder gefragt zu werden, wann es Nachwuchs gibt oder warum nicht. Es ist mein Leben! Ich hasse diesen gesellschaftlichen Zwang und die Diskriminierung. 

Singles sind nur als Zahlmeister geduldet

Ich freue mich sehr über Ihren Aufruf – gerade in diesen Zeiten, in denen Familie alles ist und man als Single nur als Zahlmeister geduldet ist. Auch mein Partner will keine Kinder, insofern passt es sehr gut. Er hatte nie das Bedürfnis, seine Gene weiterzugeben.

In meinem Freundeskreis gibt es viele kinderlose Paare, viele haben sich bewusst dagegen entschieden. Leider gibt es keine Eignungsprüfung fürs Elternsein und ich möchte gar nicht wissen, wie viele Kinder in ihrem Elternhaus leiden müssen. Ich selbst bin unter zwei Alkoholikern aufgewachsen und leide unter starker Migräne. Ich kenne also nur die dysfunktionale Familie und hatte Angst, genau das unbewusst weiterzugeben. Genauso hatte ich Angst, bei einem Migräneanfall dem Muttersein nicht gerecht werden zu können.

Und zum Thema, ich hätte keine soziale Verantwortung: Ich hatte immer die Steuerklasse I, bezog nie Kindergeld, Elterngeld oder Freibeträge, stehe allein auf meiner Krankenkassenkarte und habe mehr in die Rentenkasse eingezahlt als ich jemals daraus erhalten werde. Und: Ein Hartz-4-Kind hat mehr Chancen, selbst Hartz-4-Bezieher als Rentenbeitragszahler zu werden. Ich hoffe, das reicht als Begründung. 

Ich finde keinen einzigen Grund

Mein Name ist Silja. Ich bin 26 Jahre alt und habe mich gegen das Kinderkriegen entschieden. Ich könnte viele Gründe aufzählen, warum ich mir nicht vorstellen kann, Mutter zu sein – und ich finde keinen einzigen Grund, der wirklich dafür sprechen könnte, es doch zu wagen.

Gründe, die gegen ein Kind sprechen, sind zum Beispiel, dass ich selbst nicht ganz klar komme im Leben. Ich habe meine Finanzen nicht ganz im Griff und ziehe ständig um. Außerdem möchte ich meine Freiheiten, die ich als kinderlose Frau habe, ganz einfach beibehalten. Obwohl ich mich selbst nicht um eine Kind kümmern möchte oder es mir schlichtweg nicht zutraue, habe ich ein indisches Patenkind, das ich monatlich finanziell unterstütze. Silja Wiesler