Warum Hechte schüchtern werden können

Menschen fangen Fische, und das hat neben allerlei ökologischen auch charakterliche Folgen für die Tiere.

Adultes Hechtpaar: Der Menschen wegen leiden unsere Süßwasser-Raubfische bisweilen am „Schüchternheitssyndrom“.
Adultes Hechtpaar: Der Menschen wegen leiden unsere Süßwasser-Raubfische bisweilen am „Schüchternheitssyndrom“.Imago/Jack Perks

Berlin-Fische haben Charakter, Wesenszüge, die sich verändern können, Eigenheiten, die sich sogar durch menschlichen Einfluss verstärken lassen. Das ist jetzt auch wissenschaftlich bewiesen: Forscher vom Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) haben in einem brandenburgischen See vier Jahre lang untersucht, wie sich die Fischerei auf eine Hecht-Population auswirkt. Das Ergebnis: Die Fische wurden scheuer. Wie aus der dazu veröffentlichten Studie hervorgeht, gibt es für diese Beobachtung einen Namen: „Schüchternheitssyndrom“.

Selektionsdruck: scheue und kleine Fische bevorteilt

Klingt wie eine fischkundlich bedeutsame Charakterdeformation. Die in der amerikanischen Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences erschienene Studie geht erst einmal von einer einfachen These aus: „Die Ernte von Fischen und Wildtieren, sowohl im kommerziellen als auch im Freizeitbereich, ist eine selektive Kraft, die evolutionäre Veränderungen in der Lebensgeschichte und im Verhalten hervorrufen kann.“ Das heißt, der Selektionsdruck entsteht durch den Menschen, indem er vor allem größere und aktivere Fische bevorzugt und also fängt.

Selektionsdruck durch den Menschen: Ein junger Hecht wird aus dem Netz gezogen.
Selektionsdruck durch den Menschen: Ein junger Hecht wird aus dem Netz gezogen.dpa/Alexander Prautzsch

Die Schlussfolgerung: Das Fischen wirkt als ein Auslesefaktor, der scheue und kleine Fische bevorteilt. Robert Arlinghaus, Professor für Integratives Fischereimanagement an der Humboldt-Universität zu Berlin und Mitverfasser der Studie, fasste die Untersuchung gegenüber der Deutschen Presse-Agentur so zusammen: „Unsere Arbeit legt nahe, dass der Wettkampf zwischen Natur und Angler dazu führt, dass eher die kleinen, inaktiven und schwerer zu fangenden Hechte überleben.“

Eine Lösung: rotierende Fischereigebiete und Schutzgebiete

Nun ging es den Forschern allerdings nicht allein um Charakterstudien, vielmehr bieten sie auch ganz praktische Schlussfolgerungen an. Denn langfristig könne die Fischerei zu reduzierten Fangraten führen. Um Bestände besser zu schützen, empfehlen die Forscher, neben einem Mindestmaß auch ein Höchstmaß für die Größe der Fische festzulegen. „Viele Anglervereine und Binnenfischer haben das bereits umgesetzt, um die Bestände besser zu schützen. Die Stadt Hamburg hat sogar ihre Fischereiverordnung entsprechend geändert“, erklärte Arlinghaus.

Natürlicher Selektionsdruck: Ein Fischreiher angelt sich einen Hecht.
Natürlicher Selektionsdruck: Ein Fischreiher angelt sich einen Hecht.Imago/blickwinkel

Mathematische Modelle zeigten allerdings auch, dass Fangbeschränkungen wie Mindestmaße die Auslesewirkung der Fischerei nicht aufhalten, sondern höchstens abmildern könnten, so Arlinghaus weiter. Drastischere Regelungen wie etwa rotierende Fischereigebiete und Schutzgebiete, in die sich die gefährdeten Verhaltenstypen zurückziehen können, könnten die evolutionären Auswirkungen der Fischerei am wirksamsten abmildern.