Eine Hebamme untersucht ein neugeborenes Baby (Symbolbild).
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BerlinMein Telefon klingelt, es ist früh am Morgen. Verschlafen nehme ich den Anruf entgegen. Ein junger, werdender Vater ruft aufgeregt an, seine Frau hat Wehen. Es ist das erste Kind, die Wehen sind unregelmäßig, noch nicht sehr kräftig. Ich höre seine Frau im Hintergrund sprechen, sie klingt entspannt und fröhlich.

Alles scheint normal, so wie beim ersten Kind üblich. Meine Kaffeemaschine ist an und eine heiße Dusche wartet auf mich. Eine richtige Frühaufsteherin war ich nie, aber nun gut, jetzt bin ich eh schon wach – also warum den Tag nicht auch gegen meine  biologische Uhr gut nutzen?

Lassen Sie mich durch, ich bin Hebamme

Die warme Dusche durchblutet meine Organe und ich gehe im Kopf den bevorstehenden Tag durch. In mein Handtuch gewickelt, greife ich nach meinem Telefon, denn die Mailbox informiert mich über einen eingegangenen Anruf. Als ich den Anrufbeantworter abhöre, höre ich den jungen Vater laut schreien: „Das Baby kommt!“ Im Hintergrund höre ich die mir vertrauten Töne einer gebärenden Frau.

Ich rufe zurück und der Vater nimmt ab. Ja, das Baby komme gleich, sie seien im Bad. Was soll er tun? Ruf die Feuerwehr und heiz das Bad, so warm du kannst, antworte ich. Ich komme, so schnell ich kann! Dann springe ich in Jogginghosen ins Auto. Kurz denke ich noch an meinen Kaffee, der nun kalt wird. Zwei der roten Ampeln überfahre ich. Lassen Sie mich durch, ich bin Hebamme. Keine acht Minuten später parke ich das Auto neben der blinkenden Feuerwehr.

Der junge Vater zittert am ganzen Leib

Die Jungs der Feuerwehr atmen entspannt durch, als ich die Treppe hoch sprinte. Das Baby ist seit zwei Minuten da. Es schreit kräftig, ist rosig und liegt auf dem Bauch der überwältigten Mama, die noch nicht fassen kann, was gerade passiert ist. Ein sehr engagierter Feuerwehrmann reibt auf dem Rücken des Babys herum. Er ist blass im Gesicht. Der junge Vater zittert am ganzen Leib, und auch er ist etwas blass um die Nase.

Ich nehme ihn fest in den Arm und sage: „Mach mir doch mal einen Kaffee. Alles ist gut. Ich bin da und es geht allen gut.“  Drei Minuten später verlassen die Helfer der Feuerwehr erleichtert die Räume. Stunden später lachen wir drei über die Mailbox-Nachricht. Sie begleitet uns bis heute als Sprach-Memo.

Mut und Durchhaltevermögen

Drei Jahre später wird dieses Paar das nächste Kind bekommen. Aus einer Hausgeburt wird nichts, denn ich bin in der Zeit im Urlaub. In der Zwischenzeit sind wir so etwas wie Freunde geworden. Das zweite Kind ist fast acht Monate alt und die junge Mama fragt nach einem zünftigen Wein mit mir. Dem stimme ich gerne zu, denn ich mag sie und freue mich auf ein Treffen.

Nach dem zweiten Glas Wein rückt sie mit ihrem Anliegen raus: Sie habe nachgedacht und sie möchte gern Hebamme werden. Ich bin sprachlos, was für ein Wunsch! Ich kann mir keine bessere Kollegin vorstellen und nehme den Wunsch als Kompliment. Drei Jahre später ist sie meine Kollegin und auf einem guten Weg. Ich bin stolz auf so viel Mut und Durchhaltevermögen, denn einfach ist die Ausbildung mit zwei kleinen Kindern nicht.

Eine junge Hebamme voller Angst und Wissen

Kurz nach dem Abschluss der Ausbildung kündigt sich das dritte Kind an und wir planen zusammen eine Hausgeburt. Nun, da sie Hebamme ist, wird alles anders sein. Ich würde sie gern blitzen, so wie die zwei Jungs das im Film „Man in Black“ tun, um Menschen das vergessen zu lassen, was sie gesehen und erfahren haben. Wie die junge Hebamme, die nun voller Wissen und Angst ist, da sie weiß, was alles passieren kann, auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass es tatsächlich passiert.

An einem Sommermorgen erlebe ich eine der schönsten Geburten meines Berufslebens. Eine Geburt voller Kraft, Vertrauen und Wissen, dass die Geburt eines Kindes die natürlichste Sache der Welt ist und der weibliche Körper die Kraft hat, dieses unglaubliche Werk zu tun. Sie erinnert mich daran, warum ich diese Arbeit so liebe und mir ab und zu einen kleinen Serotoninschub hole, der mir dann Kraft gibt, weiterzumachen. Ich freue mich, dass junge Hebammen wie diese in die Hebammen-Fußstapfen treten werden.