Tübingen - Dass Tiere gern spielen, ist weithin bekannt, auch dass es dabei um eine Art Probe- und Lernverhalten gehen kann. Das spielerische, also nicht auf einen unmittelbaren Nutzen ausgerichtete Hantieren mit Steinen ist allerdings sehr selten, außer bei Menschen wurde es bislang vor allem bei Makaken beschrieben, einer in Asien und Nordafrika lebenden Affengattung. Ein Forschungsprojekt an der Universität Tübingen zeigt nun, dass es dieses Verhalten auch bei Ottern gibt – sowohl in freier Wildbahn wie auch in Gefangenschaft.

Das Spielen mit den Steinen dient der geistigen Fitness

Otter lieben Steine. Sie rollen und stapeln sie, schlagen sie gegeneinander, jonglieren mit ihnen. In der Zeitschrift Animal Behavior & Cognition schreiben die Wissenschaftler, dass zehn von 13 Otterarten weltweit beim Spiel mit Steinen beobachtet werden konnten. „Sehr wahrscheinlich gibt es diese Aktivitäten auch bei den drei übrigen Arten. Aber da sie in schwer zugänglichen Gebieten leben, wurde so etwas bei ihnen bislang noch nicht beobachtet“, sagte Erstautorin Elisa Bandini vom Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Uni Tübingen.

Foto: Imago/Francois Gohier
Ein Seeotter (Enhydra lutris) schlägt eine Muschel gegen einen bäuchlings abgelegten Stein.

Die empirische Grundlage der vorliegenden Untersuchung: Das Team hatte Otter-Experten rund um den Globus nach ihren Beobachtungen gefragt. Die offene und im Moment nur spekulativ zu beantwortende Frage lautet allerdings, welcher biologische, also arterhaltende Zweck mit dem Spiel verbunden ist. Eine Theorie sei, so die Forscher, dass es bei den Tieren die motorische Entwicklung in jungen Jahren unterstütze, während es im Alter dem Abbau der kognitiven Leistung vorbeuge. Das Jonglieren der Steine ist also eine Form geistiger Gymnastik.

Schaute sich der Mensch den Werkzeuggebrauch von Tieren ab?

Allerdings nicht nur: Im Gegensatz zu anderen Ottern setzen Seeotter (Enhydra lutris) die Steine auch gezielt als Werkzeuge ein, mit denen sie Muscheln, Austern und Krebse knacken. Hat das Spielen zumindest bei ihnen den zusätzlichen Sinn, den Gebrauch von Werkzeugen zu erlernen? Das sei bei den Makaken in Thailand der Fall: Studien hätten gezeigt, dass Jungtiere, die sich mit Steinen beschäftigten, diese später auch als Werkzeuge einsetzten – im Gegensatz zu ihren Artgenossen, die im Jugendalter nicht mit Steinen spielten.

Dass der Umgang mit Steinen unter Ottern so weit verbreitet ist, lasse auf eine genetische Veranlagung dafür schließen, sagte Bandini. Interessant sei, dass mit den Ottern eine Tiergruppe ein solches Verhalten zeige, die nicht zu den Primaten gehöre – vor allem vor dem Hintergrund, dass Steine die ersten Werkzeuge der frühen Menschen gewesen seien. „Wenn wir untersuchen, wie so unterschiedliche Tierarten mit Steinen umgehen, können wir möglicherweise auch rekonstruieren, wie unsere Vorfahren anfingen, den Nutzen von Steinen zu begreifen.“ (mit dpa)