BerlinDie Abstandsregel ist eine zentrale Säule, um die Pandemie zu bekämpfen. 1,5 Meter – so viel sollen es mindestens zum Nächsten sein, um die Übertragung des Virus durch Tröpfchen und Aerosole zu minimieren. Logische Konsequenz: Die Berührungen werden weniger. Warum es trotzdem wichtig ist, Haut-zu-Haut-Kontakte zu erfahren, erklärt Haptikforscher Martin Grunwald im Interview.

Berliner Zeitung: Herr Grunwald, als Haptikforscher beschäftigen Sie sich mit dem Tastsinn. Wie unterscheidet er sich von den anderen Sinnen?

Martin Grunwald: Er gehört zu den kompliziertesten und am wenigsten verstandenen Prozessen im Körper. Was wir wissen: Zirka 900 Millionen Rezeptoren sind am Tastsystem beteiligt, ein Auge kommt nur auf 120 Millionen Stäbchen und sechs Millionen Zapfen. Zum Hören benötigen wir lediglich 30.000 Rezeptoren.

Was macht den Tastsinn einzigartig?

Jedes Lebewesen auf unserem Planeten hat ein artspezifisches Tastsinnessystem, aber nicht jedes Lebewesen verfügt über Lichtrezeptoren oder kann Schallwellen analysieren. Das heißt, ein Mensch kann ohne Seh- oder Hörsystem geboren werden – aber ohne Tastsinn wären wir nicht lebensfähig.

Durch die Abstandsregel nehmen die menschlichen Berührungen ab – ist das ein Problem?

Ja! Kontakt ist der unmittelbarste Transportweg für zentrale Emotionen. Denken Sie nur daran, was Kinder machen, wenn sie sich wehtun. Sie laufen sofort zu Mama oder Papa und wollen in den Arm genommen werden. Oder was tun Sie, wenn Sie eine erwachsene, Ihnen nahestehende Person trösten wollen? Erzählen Sie ein Rilke-Gedicht oder nehmen Sie die Person in den Arm?

Eher Letzteres.

Eben. Wenn das nicht mehr so häufig passiert, dann bleibt die emotionale Regulation, die wir durch sozialen Körperkontakt erreichen, ein Stück weit auf der Strecke.

Was passiert genau, wenn wir uns berühren lassen?

Dann werden durch Verformung der Bindegewebsstruktur tastsensible Rezeptoren erregt und sie schicken elektrische Signale ans Hirn. Die elektrochemische Hirnaktivität verändert sich – Botenstoffe gelangen in die Blutbahn an übrige Körperteile. Wenn die Berührung angenehm ist und von einer vertrauten Person kommt, wird eine Kaskade positiver biochemischer und psychischer Effekte eingeleitet: Die Atmung wird flacher, die Herzfrequenz langsamer. Auch das Immunsystem reagiert positiv. 

Und was fehlt, wenn wir weniger Haut-zu-Haut-Kontakte haben?

Die körperlichen Mikroversicherungsprozesse! Durch den Handschlag spüren wir, dass der andere auch wirklich da ist. Der Tastsinn ist gewissermaßen der wahrhaftigste Sinn. Erst das wortwörtliche „Begreifen“ gibt uns die letzte Sicherheit. Die Optik kann immer trügen.

Ist das ein Grund, weshalb endlose Videokonferenzen so müde machen?

Wir Menschen sind multisensorische Wesen – und eine echte Begegnung ist ein dreidimensionales Großereignis. Wer sich über Skype oder Zoom sieht, dem fehlen einfach viele Informationen – nicht nur die des Tastsinns, sondern auch olfaktorische, zum Beispiel. Unser Hirn ist auf der Suche nach diesen Infos, bekommt aber immer nur Nullen. Das ermüdet nicht nur, das macht auch nicht froh. 

Sind wir schon vor der Pandemie zu einer Gesellschaft mit weniger körperlichem Kontakt geworden?

Eindeutig ja – leider. Nehmen Sie nur einmal den millionenfachen Zuwachs an Haustieren in den letzten Jahren. Heute befindet sich in jedem zweiten Haushalt ein Haustier, das war vor zehn Jahren noch nicht so. Auch die Single-Haushalte werden mehr. Als Ostdeutscher bin ich in einer exzessiven „Handgebekultur“ aufgewachsen. Kollegen haben sich täglich mit Handschlag begrüßt und verabschiedet. Dieses Phänomen ist schon vor Corona fast völlig verschwunden – leider.

Gibt es eine Faustregel, wie viel Berührung täglich mindestens sein sollte?

Menschen sind unterschiedlich – aber die Mehrzahl braucht ein Mindestmaß an vertrauter Körperkommunikation. Paare sollten sich 3 mal am Tag umarmen, selbst das schaffen viele nicht. Doch November plus Corona sind eigentlich die besten Voraussetzungen, eine Partnerschaft zu pflegen. Die Berührungen nicht-sexueller Art kann man auch ausweiten: sich kraulen, Wohlfühlmassagen geben – das alles tut unter den richtigen Bedingungen gut und hat absolut keine Nebenwirkungen.

Wer leidet aktuell besonders unter den coronabedingten Einschränkungen?

Aus meiner Sicht vor allem die jungen Menschen. Sie stehen am Anfang ihrer Lebensplanung, Partnersuche und der Bewältigung einer ungewissen Zukunft – in vielgestaltiger Form. Für all das braucht man den zwischenmenschlichen Kontakt.

Was ist mit den Älteren?

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Einsamkeit ist für jede Altersgruppe furchtbar – wir sind ja sozial lebende Säugetiere und brauchen den sozial Anderen ein Leben lang. Aber ältere Menschen haben in den meisten Fällen schon Erfahrung mit Verzicht und Mangel im sozialen Umgang machen müssen und außerdem nicht den Druck, eine Zukunft gestalten zu müssen. Daher haben sie es meiner Ansicht nach etwas leichter, mit der Pandemiesituation zurecht zu kommen.

Wie sieht es mit Menschen in Altenheimen aus? Leiden sie nicht massiv unter einer Art von Berührungsarmut?

Das ist ganz klar die Gruppe mit dem geringsten Gestaltungsspielraum – und der Pflegenotstand ist ja hinreichend bekannt. Weil ich es nicht für realistisch halte, dass dieser bald behoben wird, plädiere ich für mehr Therapietiere. Wenn schon der zwischenmenschliche Kontakt extrem reglementiert wird, dann können Therapietiere kompensatorisch eingesetzt werden. Viele Studien belegen, dass das Streicheln der Tiere positive Effekte hat, psychisch, aber auch gesundheitlich. Und noch eine weitere Möglichkeit gäbe es: Statt eines generellen Besuchsverbotes für die Angehörigen sollten diese mit Sicherheitskleidung ausgestattet werden, so dass sie ihre Angehörigen sehen, sprechen und berühren können. Zu einem würdevollen Altern gehört auch, ein Mindestmaß an sozialen Körperinteraktionen aktiv gestalten zu können.

Wie stehen Sie zu Roboter-Robben, wie sie in japanischen Seniorenzentren eingesetzt werden?

In diesen Zeiten sollten wir alles probieren, was geht! Bei Demenzpatienten, das zeigen Studien, wirken die künstlichen Robben sehr gut – weniger deutlich ist ihr Effekt auf Menschen, die noch gut verständig sind. Doch im Grunde spricht nichts gegen diese illusorische Stimulation.

Was ist außerdem wichtig, um die Alten zu unterstützen?

Wir müssen den Spielraum, den die Pandemiekontrolle zulässt, bis zum Maximum ausnutzen. Es muss möglich gemacht werden, dass Angehörige mit Schutzkleidung zu ihren älteren Familienmitgliedern realen Kontakt aufnehmen können. Zudem muss flexibler im Einzelfall entschieden werden. Einen schwerkranken Patienten oder einen Sterbenden von allen realen und vertrauten sozialen Kontakten abzuschirmen, ist auch aus medizinischer Perspektive nicht sinnvoll. Denn wir wissen: Einsamkeit kann töten.

Hat das auch mit dem Tastsinn zu tun?

Aber ja. So führt etwa die sensorische Deprivation in der frühen Kindheit fast immer zum sicheren Tod. Das heißt: Geben Sie einem Kind alles außer Berührungen, dann wird das Kind in der Regel sterben. Oder es erfährt eine schwerwiegende und irreparable Entwicklungsstörung. Das haben viele traurige Fälle aus Waisenhäusern gezeigt, wo Kinder extrem vernachlässigt worden sind. Für eine gesunde Entwicklung und ein gesundes Leben überhaupt braucht unsere Säugetierspezies Mensch lebenslang ein gewisses Maß an Körperinteraktionen.

Foto: Margarete Cane
Zur Person

Martin Grunwald, geboren 1966, ist Psychologe und seit 1996 Gründer und Leiter des Haptik-Forschungslabors am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig. Sein Buch „Homo Hapticus: Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können“ wurde zum Wissenschaftsbuch des Jahres 2018 gewählt.

Wenn Sie eine politische Forderung stellen dürften – wie sähe die aus?

Ich hätte einen Rat: Wer jetzt eine verstärkte Körperkontaktsehnsucht bei sich wahrnimmt, sollte das ernst nehmen und nicht als Bagatellbedürfnis abtun. Um Abhilfe zu schaffen, kann man sich in Berlin zum Beispiel an hauptberufliche Kuschler und Kuschlerinnen wenden. Bei diesen Angeboten geht es nur um Umarmungen. 

Gibt es andere, konventionellere Wege?

Natürlich. Einige Ärzte verschreiben auch physiotherapeutische Massagen, wenn das Kontaktbedürfnis von Patienten klar signalisiert wird.

Ein wissenschaftliches Experiment, das Sie besonders erstaunt?

Wir forschen zurzeit an der Neurobiologie der spontanen Selbstberührung im Gesicht, ein spannender Aspekt, auch aus infektionsbiologischer Sicht. Wissen Sie, wie oft wir uns am Tag selbst im Gesicht berühren, ohne es zu merken?

Sagen Sie es mir.

Durchschnittlich 800-mal! Jedes Mal, wenn wir aus einer Routine gerissen werden und das Arbeitsgedächtnis von Reizen um uns herum abgelenkt wird. Damit wir wieder handlungsfähig werden, fassen wir uns ins Gesicht – ist das nicht verblüffend? Auch hier funktioniert diese Berührung als Stress- und Emotionsregulation. Weil der Prozess unterbewusst abläuft, können wir ihn auch nicht abstellen. Der anfängliche Ratschlag der Infektiologen, das ganz sein zu lassen – er läuft leider ins Leere.