Warum wurde auf dem ehemaligen Todesstreifen in Mitte heute Roggen geerntet?

Einmal im Jahr soll ein Friedensbrot gebacken werden, mit Roggen aus 13 Ländern. In diesem Jahr des Ukraine-Krieges hat dieses Brot eine besondere Bedeutung.

An der Kapelle der Versöhnung auf dem einstigen Todesstreifen der Berliner Mauer ist am Mittwoch Roggen geerntet worden – für ein Brot des Friedens.
An der Kapelle der Versöhnung auf dem einstigen Todesstreifen der Berliner Mauer ist am Mittwoch Roggen geerntet worden – für ein Brot des Friedens.epd

An der Bernauer Straße, auf dem ehemaligen Berliner Mauerstreifen, rattert ein blauer Mähdrescher über ein gelbes Roggenfeld. Etwa ein Dutzend Touristen haben sich darum versammelt, zum Teil haben sie wirklich keine Ahnung, was hier gerade passiert. Thomas aus Kopenhagen fotografiert die arbeitenden Menschen auf dem Feld und sagt: „Wir sind an der Gedenkstätte Mauer entlanggelaufen, aber ich habe keine Ahnung, warum hier plötzlich diese Roggenernte stattfindet.“

Das kleine Feld neben der Versöhnungskapelle an der Bernauer Straße in Mitte soll Frieden, Freiheit und Versöhnung symbolisieren. Seit 2005 wird auf diesem Areal der ehemaligen Berliner Mauer alljährlich Roggen angebaut, geerntet und das Mehl dann zu Brot verarbeitet. „Es ist ein Kreislauf des Lebens auf einem ehemaligen Todesstreifen“, sagt Axel Klausmeier, Vorstand der Stiftung Berliner Mauer. „Genau darum geht es.“ Doch das ist noch nicht alles.

Das Roggenfeld begann als temporäres Kunstprojekt, das der Bildhauer Michael Spengler zusammen mit der Versöhnungskapelle plante und schließlich erschuf. Mittlerweile ist daraus etwas viel Größeres geworden: Im Jahr 2012 gründete sich der gemeinnützige Verein für Friedensbrot mit 13 Mitgliedsländern in Mittel- und Südosteuropa. Der Vorsitzende dieses ungewöhnlichen Friedensbrotvereins ist Adalbert Kienle. Die Idee dahinter habe mit den Problemen bei der Integration von Ost- und Westeuropa zu tun, sagt er. „Mit diesem Verein und Projekt bauen wir eine Brücke zwischen diesen Ländern.“

Jedes Jahr werden die Roggensamen der Bernauer Straße in der Nähe symbolträchtiger Orte in den 13 Staaten der ehemaligen Sowjetunion gepflanzt. Die Ernte wird anschließend in Berlin gemischt und auf der Jahreskonferenz „Frieden und Landwirtschaft“ zu einem gemeinsamen „paneuropäischen Friedensbrot“ gebacken. Das Wort Friedensbrot mag für manche Leute seltsam klingen, wenn sie die Geschichte dahinter nicht kennen. Aber das ist Teil ihres Ziels – Menschen und Touristen zu überraschen, zu irritieren, damit sie anfangen, sich über die Zusammenhänge zwischen Freiheit und Landwirtschaft Gedanken zu machen. Gerade in diesem Jahr ist das augenfällig, wenn es wegen des Kriegs in der Ukraine eine Kriese im Weizenhandel weltweit gibt.

Prof. Dr. Frank Ellmer von der Humboldt-Universität zu Berlin weist auf einen weiteren Zusammenhang hin: Es gehe auch darum, Stadtmenschen die Landwirtschaft näher zu bringen, sagt er. Die Universität kümmere sich um Aussaat, Pflege und Ernte. „Wir haben hier mehrere Studentenprojekte“, sagt er , „daher ist dieses Feld mitten in der Stadt auch nützlich, um den Pflanzenbau zu studieren.“

Hier in Berlin-Mitte wird es also dieses Jahre wieder ein „Friedensbrot“ geben, aber gleichzeitig gibt es heute keinen Frieden in Europa. Axel Klausmeier von der Stiftung Berliner Mauer ist sich dessen bewusst. Er sagt: „Ein Sprichwort sagt, wo man ernten kann, ist Frieden.“ In der Ukraine könne man den Beweis dafür sehen. Dort brennen die Felder, die Menschen können nicht ernten, und selbst wenn sie könnten, können sie es nicht exportieren. „Deshalb ist das Roggenfeld in diesem Jahr so akut wie noch nie, die diesjährige Ernte symbolisiert die Solidarität mit der Ukraine.“