Berlin - Sabine Gabrysch mag anschauliche Bilder, zum Beispiel das vom abgestorbenen Zeh. Als sie vor Jahren einem Patienten erklärte, dass man seinen schwarz verfärbten Zeh amputieren müsse, sei der so erschüttert gewesen, dass er sein Leben dann grundlegend änderte. Der Mann war Diabetiker und hätte schon lange anfangen müssen, gesünder zu leben. Doch erst durch diese Diagnose schien er zu begreifen, dass sein Lebensstil Konsequenzen hat und sein Körper ein wertvolles und verletzliches Gut war. Er begann, sich gesünder zu ernähren und Sport zu treiben, bald ging es ihm insgesamt viel besser.

Sabine Gabrysch wünscht sich, dass die Corona-Pandemie, wie der schwarzen Zeh, als Symptom eines grundlegenderen Problems wahrgenommen wird. Als Zeichen für unsere gestörte Beziehung zur Natur, für unseren falschen Umgang mit dem Planeten, der mit Klimaerwärmung reagiert, mit Artenschwund und mit dem vermehrten Überspringen von Viren von Tieren auf den Menschen, weil wir immer tiefer in deren Lebensräume eindringen. „Corona könnte ein Weckruf sein“, sagt die Ärztin und Epidemiologin. „Bei schweren Krankheiten realisieren die Menschen oft erst, wie es um sie steht, wenn sie die Folgen direkt spüren.“ Die Pandemie lässt sehr viele Menschen gerade sehr schmerzhaft spüren, dass etwas nicht ist, wie es sein sollte. Sie müssen jetzt daraus die richtigen Schlüsse ziehen.

20.000 Hitzetote in Deutschland in einem Jahr

Der umfassende Blick auf Planet und Mensch, für den sich Sabine Gabrysch engagiert einsetzt, ist auch ihr Arbeitsgebiet. Sie ist Deutschlands erste Professorin für Klimawandel und Gesundheit, eingerichtet wurde der Lehrstuhl 2019 von der Charité und dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Sabine Gabrysch gehört zu einer wachsenden Zahl von Wissenschaftlern und Ärzten, die überzeugt sind, dass der Umgang des Menschen mit dem Planeten, die menschengemachte Erderwärmung und die Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen zusammengedacht werden müssen. Dass dieser Ansatz immer mehr Fuß fasst, zeigt der Lancet Countdown, eine seit 2017 jährlich im Fachjournal Lancet erscheinende Studie, die das Fortschreiten des Klimawandels und dessen Auswirkungen auf die globale Gesundheit in Beziehung setzt. 35 Forschungsinstitute und einige UN-Organisationen tragen die Daten zusammen. Kürzlich ist der Lancet Countdown 2020 erschienen, zum zweiten Mal begleitet von einem Dossier, das den Blick gezielt auf Deutschland richtet. An diesem war Sabine Gabrysch beteiligt, ebenso wie das Helmholtz Zentrum für Gesundheit und Umwelt und die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG).

Der Lancet Countdown zeigt einmal mehr, wie mit der Erderwärmung die Gesundheitsrisiken steigen und registriert in der neuesten Studie „besorgniserregende Trends“. Todesfälle aufgrund von Hitze etwa seien in den letzten Jahren bei Menschen über 65 Jahren weltweit um 53 Prozent gestiegen – in dem Maße, in dem auch Hitzewellenereignisse zugenommen haben. Deutschland liegt im neuen Bericht weit vorn, nur übertroffen von China und Indien. Über 20.000 Todesfälle im Zusammenhang mit Hitze hat es hier 2018 gegeben, eine deutliche Steigerung gegenüber den Jahren zuvor, wo der Schnitt bei gut 12.000 Toten lag. Als Grund sehen die Forscher die Kombination aus immer mehr heißen Tagen und einem steigenden Anteil der Bevölkerung über 65 Jahren.

Es gibt noch viele andere Zusammenhänge. Einige Auswirkungen bekommen vor allem Menschen im globalen Süden zu spüren: Durch die Erderwärmung werden Regenfälle unregelmäßiger, was zu Missernten führt und Mangelernährung begünstigt, wo es keine sozialen Sicherungssysteme gibt. Aber auch Waldbrände bringen Menschen in Gefahr. Die klimatischen Veränderungen sorgen außerdem dafür, dass sich Krankheiten wie das Dengue-Fieber und Malaria in neue Gebiete ausbreiten. Immer noch sterben jedes Jahr eine Million Menschen durch Luftverschmutzung aufgrund von Kohlekraftwerken – jener fossilen Technologie, von der sich die Menschheit gerade verabschiedet, weil sie ein Mitauslöser der Erderwärmung ist. Und noch eine eindrucksvolle Zahl hat der Lancet Countdown ermittelt: Der übermäßige Konsum von rotem Fleisch war 2017 mit Schuld am Tod von fast einer Million Menschen. Das von Rindern freigesetzte Methan wiederum trägt viel zur globalen Erwärmung bei.

Was schlecht für das Klima ist, ist also oft auch schlecht für die Gesundheit – im Umkehrschluss heißt das aber auch: Was Klima und Natur gut tut, ist auch für den Menschen gut. Das sei doch ein erfreulicher Unterschied zur Corona-Pandemie, sagt Sabine Gabrysch: Die Maßnahmen, die gerade nötig sind, um die Ausbreitung des Virus in den Griff zu bekommen, sind für viele hart, psychisch wie finanziell. „Aber was wir tun müssen, um die Klimakrise abzuwenden, hat zahlreiche direkte Vorteile für unser Wohlergehen und unsere Gesundheit. Wir könnten in einer gesünderen und gerechteren Welt leben, wenn wir uns stärker um den Planeten kümmern, das Klima stabilisieren und unsere Ökosysteme schützen.“

Wie genau der Weg in diese bessere Welt aussehen könnte, beschreibt das Deutschland-Dossier, das den Lancet Report begleitet. Die Wissenschaftler konzentrieren sich dabei auf drei Punkte. Zum einen auf die Ernährung, die jedem persönlich ermöglicht, etwas für das Klima und gleichzeitig für die eigene Gesundheit zu tun. Einseitig zu essen mit viel Fleisch und industriell verarbeiteten Produkten und wenig Gemüse ist ein wichtiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie für Diabetes. Gleichzeitig ist die Nahrungsmittelproduktion, die diese Art der Ernährung unterstützt, für ein Viertel der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich, ebenso wie für schwindende Lebensräume und Artensterben. Damit sich gesunde und nachhaltige Nahrung durchsetzt, müsste allerdings einiges passieren – nichts weniger als eine Transformation des Ernährungssystems.

Fahrradfahren tut dem Körper gut - und der Umwelt

Der zweite Punkt, den das Dossier hervorhebt, ist die Mobilität. Fortbewegung geschieht vorwiegend motorisiert und belastet so das Klima und verschmutzt die Luft. Die auf diese Weise bequem vorankommenden Menschen bewegen sich in der Mehrheit zu wenig, was wiederum ein Risiko darstellt für Übergewicht, für Herz-Kreislauf- und sogar psychische Erkrankungen. Das Lancet-Dossier empfiehlt mehr Radwege und Anreize, das Fahrrad zu benutzen und zu Fuß zu gehen und außerdem mehr Parks und Grünflächen.

Dies ist wiederum eng verbunden mit Punkt drei, der Aufforderung zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung. In Deutschland leben 75 Prozent der Menschen in Städten, und in denen können sich negative Bedingungen addieren: Hitze staut sich, die Luft ist voller Abgase und die Menschen pflegen einen bewegungsarmen Lebensstil. Gleichzeitig können Städte wegen ihrer Strahlkraft ein Motor der Veränderung sein: Pop-up-Radwege, wie es sie etwa in Berlin und Paris während der Corona-Krise gab und gibt, finden Beachtung. Manchmal bleiben sie sogar.

Überhaupt sehen die Autoren jetzt einen guten Moment, um dem nötigen Systemwandel einen entscheidenden Schubs zu geben. Wenn aus dem Stillstand wieder Bewegung wird und das Geld ausgegeben wird, welches die Wirtschaft ankurbeln soll, ist das eine – vielleicht einmalige – Chance, „Mehrgewinn“-Strategien umzusetzen: also solche, die Gesundheit, Umwelt und Ökonomie zugleich nutzen. Es muss nur der, wie Sabine Gabrysch es nennt, „Weckruf“ ankommen. Sie ist da vorsichtig optimistisch: „Durch die Pandemie ist hoffentlich vielen Menschen klar geworden, wie wichtig die Gesundheit ist.“ Die Zeichen stehen daher nicht so schlecht, den Blick für das große Ganze zu schärfen und Sabine Gabryschs erklärtem Ziel näher zu kommen: „Gesunde Menschen auf einem gesunden Planeten.“