KopenhagenDänemark hat angekündigt, bis zu 17 Millionen Nerze zu töten. Grund dafür sind Corona-Ausbrüche in Zuchtbetrieben. Bei mehreren Nerzen sei eine „mutierte Form des Virus gefunden worden, die auch auf den Menschen übertragbar“ sei, sagte Regierungschefin Mette Frederiksen am Mittwoch. Es sei daher „notwendig, alle Nerze zu keulen“. Nach Angaben der Regierungschefin bestehe das Risiko, dass das mutierte Virus künftige Impfungen unwirksam machen könnte.

Das Coronavirus wurde nach offiziellen Angaben in 207 Nerzfarmen nachgewiesen, in einigen Fällen in einer mutierten Version. Eine Reihe von Menschen hat sich den Angaben zufolge bereits mit der neuartigen Form des Virus angesteckt. Die Gesundheitsbehörden stellten fest, dass das mutierte Virus sich nicht in gleichem Maße durch Antikörper hemmen lasse wie seine ursprüngliche Form. Damit gehe von ihm eine besondere Bedrohung aus.

Die Frage ist: Wie angemessen ist die Reaktion Dänemarks? Ist die Bedrohung für die Menschen wirklich so groß, dass man so radikal reagieren muss? 

Die Fälle in Dänemark sind nicht die ersten in der Corona-Pandemie. Bereits im Mai wurde berichtet, dass sich mindestens zwei Personen auf niederländischen Nerzfarmen mit Sars-CoV-2 ansteckten. Auch auf einer spanischen Nerzfarm war das Virus entdeckt worden. 14 Mitarbeiter wurden positiv auf Corona getestet. Vorsorglich wurden mehr als 92.000 Nerze getötet. In Dänemark waren die ersten Fälle bereits im Juni aufgetreten. Seit Anfang Oktober wird ein steiler Anstieg beobachtet.

Das Virus springt vom Menschen auf den Nerz über und wieder zurück

„Wir können mit Genanalysen klar nachweisen, dass sich das Virus vom Menschen auf den Nerz überträgt, dort schnell mutiert und danach seinen Weg wieder zurück zum Menschen findet“, sagte der Virologe Anders Formsgaard von der staatlichen Behörde für Infektionskrankheiten in Kopenhagen der ARD-„Tagesschau“. Auch in den Niederlanden hatten Virologen festgestellt, dass der bei den Nerzen gefundene Virusstamm dem ähnelt, der unter den Menschen zirkuliert. 

Bei den Nerzen selbst läuft die Infektion recht glimpflich ab – mit Schnupfen und Appetitlosigkeit, wie dänische Züchter mitteilten. Aber um eine Weiterverbreitung zu verhindern, müssten nicht nur  sämtliche Tiere in der betroffenen Farm getötet werden, sondern auch in allen Betrieben im Umkreis von etwa acht Kilometern, wie der Sender berichtete. Je mehr Mutationen des Virus im Umlauf seien, desto schwieriger werde die Bekämpfung der Pandemie, sagte der Virologe Anders Formsgaard.

Ein Überspringen des Coronavirus von Tier auf Mensch und umgekehrt wird seit Beginn der Pandemie debattiert. „Bei Sars-CoV-2 handelt es sich um einen Erreger, bei dem wir davon ausgehen, dass er ursprünglich aus dem Tierreich stammt und über Zwischenwirte auf den Menschen übertragen wurde“, teilt eine Sprecherin des Friedrich-Löffler-Instituts (FLI), Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, auf Anfrage der Berliner Zeitung mit.

Wie molekularbiologische Untersuchungen zeigen, ist das Virus eng verwandt mit Coronaviren in bestimmten Fledermausarten. Aber offen ist noch die Frage nach den möglichen Zwischenwirten. In welchen Tieren ist das Virus so mutiert, dass es auch Menschen infizieren und krank machen kann? Im Gespräch waren bereits Pangoline, also bestimmte Schuppentiere, die auf Chinas Wildtiermärkten gehandelt werden, sowie Zibetkatzen und Marderhunde.

Virus breitet sich schnell in ganzen Nerzfarmen aus

Marderhunde seien Grundlage einer riesigen Industrie in China, wo sie wegen ihres Fells auf Farmen gezüchtet und in freier Wildbahn gefangen würden, sagte der Berliner Virologe Christian Drosten bereits im April 2020 in einem Interview mit der britischen Zeitung The Guardian. „Wenn mir jemand ein paar Hunderttausend Dollar und freien Zugang nach China geben würde, um die Quelle des Virus zu finden, würde ich an Orten suchen, an denen Marderhunde gezüchtet werden“, sagte Drosten.

Pelztierfarmen könnten deshalb eine besondere Rolle bei der Verbreitung spielen, weil ihre Tiere Untersuchungen zufolge zu denen gehören, die anfällig für Infektionen sind. In den Farmen soll sich das Virus schnell und wie eine Welle ausbreiten, wie Züchter berichteten. Es entstehe sehr schnell ein großer Virenherd. Wenn sich auch nur ein Tier anstecke, erkranke praktisch der gesamte Bestand, sagte der dänische Virologe Anders Formsgaard. Außerdem könnten auch frei lebende Tiere als Überträger infrage kommen.

Einige Tierspezies hätten sich als nicht infizierbar mit Sars-CoV-2 herausgestellt, sagt die Sprecherin des Friedrich-Löffler-Instituts, das seinen Sitz auf der Insel Riems bei Greifswald hat. Dazu gehörten die hierzulande wichtigsten landwirtschaftlichen Nutztiere wie Schweine, Hühner, Enten und Truthähne. Oder man habe nur eine minimale Virusvermehrung beobachtet, die auch nicht an Kontakttiere weitergegeben wurde, wie bei Rindern.

„Nerze dagegen sind mit dem Erreger infizierbar, können ihn an Artgenossen weitergeben, und es gibt eine plausible Indizienkette, die auf eine Rückinfektion auf den Menschen (Zooanthroponose) schließen lässt“, so die FLI-Sprecherin. Das sei, bezogen auf die bisherigen Studien und Erkenntnisse, nicht überraschend. Der Eintrag von Sars-CoV-2 in Nerzfarmen durch infizierte Menschen sei mittlerweile für zahlreiche Nerzfarmen beschrieben, zum Beispiel in den Niederlanden, Dänemark, Schweden, Spanien und den USA.

Aber wie realistisch ist es nun, dass ein in den Nerzen mutiertes Coronavirus eine größere Gefahr für den Menschen darstellt? Dazu teilt das FLI mit, dass Übertragungen von Nerzen auf Menschen zwar grundsätzlich stattfinden könnten und auch bisher aus den Niederlanden bekannt seien. „Inwieweit dies auch auf die Situation in Dänemark zutrifft und in welchem Umfang dies geschehen ist, ist von hier aus mangels entsprechender Daten nicht einzuschätzen.“ Bisher gebe es auch keine wissenschaftlichen Belege dafür, „dass in Dänemark in Nerzen neue Virusvarianten generiert wurden und diese eventuell sogar so verändert sein könnten, dass zukünftige Vakzinen nicht oder weniger wirksam wären“. Mit Vakzinen sind die Impfstoffe gemeint, die gerade entwickelt werden.

WHO sieht keine Hinweise auf erhöhte Risiken durch neue Mutation

Viele Experten teilen nicht die Befürchtung, dass eine Mutation in Nerzen das Virus für Menschen gefährlicher macht. „Ich glaube nicht, dass ein Virusstamm, die sich an Nerze anpasst, ein höheres Risiko für den Menschen darstellt“, sagt Francois Balloux, Direktor des Genetics Institutes am University College London, auf der medizinischen Nachrichten-Website Stat. Auch der mögliche negative Einfluss auf die Wirkung von Impfstoffen wird bezweifelt. „Das ist eine sehr große Aussage“, sagt Marion Koopmans, Leiterin der Virologie am Erasmus Medical Center im niederländischen Rotterdam. „Eine einzelne Mutation, davon würde ich mir keinen so dramatischen Effekt erwarten.“

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht derzeit ebenfalls noch keine Hinweise auf erhöhte Risiken bei der von Nerzen übertragenen Variante des Coronavirus. Es habe bereits zahlreiche Mutationen von Sars-CoV-2 gegeben, sagte WHO-Chef-Wissenschaftlerin Soumya Swaminathan am Freitag in Genf. „Es ist zu früh dafür, voreilige Schlüsse zu ziehen, welche Folgen diese neue Mutation für die Übertragung, Schwere der Erkrankung, klinische Symptome, Immunantwort oder mögliche Impfstoff-Wirkung hat.“

Es sei fast niemals der Fall, dass aufgrund einer einzelnen Mutation alle Impfstoffe nicht mehr funktionierten, sagt Emma Hodcroft, molekulare Epidemiologin am Institut für Sozial- und Präventivmedizin in Bern, Schweiz. Um Forschern die Gelegenheit zu geben, die möglichen Auswirkungen der Mutation zu erforschen, hat Dänemark am Donnerstag etwa 500 genetische Viren-Sequenzen in Datenbanken hochgeladen, die Wissenschaftlern auf der ganzen Welt zur Analyse offenstehen. Es wird erwartet, dass in den kommenden Tagen Hunderte weitere hinzukommen.

Generelle Kritik an Pelztierzucht und Art der Nutztierhaltung

Artensprünge machen Wissenschaftler immer nervös. Ein Artensprung hat schließlich zur gegenwärtigen Pandemie geführt. Auch die vier bekannten Coronaviren – Verwandte von Sars-CoV-2 –, die in unseren Regionen seit langem zu Erkältungen führen, waren einst von anderen Arten auf den Menschen übergesprungen. Aber bei den Nerz-Infektionen handle es sich um eine andere Situation, sagt Carl Bergstrom, Evolutionsbiologe an der University of Washington, ebenfalls auf der Website Stat. In diesem Fall sei ein Virus, das sich bereits an die Menschen angepasst habe, zu Nerzen übergesprungen und springe nun gelegentlich zurück.

Für den Londoner Systembiologen Francois Balloux und andere Forscher könnten die Veränderungen bei den Nerzviren ein Zeichen dafür sein, dass sich das Virus an infizierte Nerze anpasst –was die Viren bei Menschen im Laufe der Zeit möglicherweise weniger wirksam macht.

„Allerdings ist es sinnvoll, das Geschehen in Nerzfarmen zum Schutz vor einer weiteren Ausbreitung und zum Schutz des Menschen zu maßregeln und auch die dort entstehenden Viren weitergehend zu analysieren“, schätzt das Friedrich-Löffler-Institut ein.

Eine generelle Kritik an der Tierhaltung in Pelzfarmen und anderswo gibt es auch. „Coronaviren neigen dazu, bei Gelegenheit den Wirt zu wechseln, und wir schaffen solche Gelegenheiten durch unsere nicht natürliche Verwendung von Nutztieren“, sagte Christian Drosten in seinem Guardian-Interview. Nutztiere seien Wildtieren ausgesetzt, sie würden in großen Gruppen gehalten, was das Virus verstärken könne. Und Menschen hätten intensiven Kontakt mit ihnen. Dazu gehören der Verzehr von Fleisch, aber auch die Züchtung von Tieren auf engstem Raum – so wie sie zum Beispiel auf den Nerzfarmen stattfindet.