Blutkonserve.
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Es kann jeden Augenblick passieren: Ein Unfall, eine Operation, eine schwere Krankheit. Plötzlich braucht man Blutkonserven. Spätestens jetzt ist der Patient dankbar, wenn es genügend Blutspender gibt. Doch derzeit werden die Spenden knapp in der Hauptstadt. In den letzten Wochen gab es einen dramatischen Engpass. Deshalb gab es an den Pfingst-Feiertagen sogar extra eingerichtete Spendetermine. Corona bringt alles durcheinander.

Kaum jemand weiß das besser als Axel Pruß. Der Charité-Professor, aufgewachsen in Weißensee, gilt als Berlins „Dr. Blut“. Schon seit 28 Jahren arbeitet er am Institut für Transfusionsmedizin der Charité, seit 2015 leitet er es. Gleichzeitig ist er seit acht Jahren Chef des gemeinsamen Zentrums für Transfusionsmedizin von Charité und DRK in Steglitz. „Es kommen gerade mehrere Faktoren zusammen. Genauso, wie viele Patienten zuletzt aus Angst vor einer Ansteckung mit Sars-Cov-2 nicht zum Arzt oder in eine Klinik gingen, blieben auch manche Blutspender lieber zu Hause“, sagt  Pruß. Das sei jedoch unnötig. „Denn wir achten peinlichst genau auf alle Hygiene-Maßnahmen und tun alles, um Patienten und Mitarbeiter zu schützen.“ Das wiederum bedingt eine zweite Besonderheit: „Weil wir potentielle Spender jetzt besonders genau informieren, untersuchen und die Abstandsregeln ganz präzise einhalten, benötigen wir erstens mehr Zeit für jeden, und zweitens steht auch räumlich weniger Platz zur Verfügung. Deshalb können nicht mehr so viele Leute wie früher gleichzeitig zur Blutspende kommen.“

Auch dem DRK fallen durch die Beschränkungen derzeit zahlreiche Terminorte zur mobilen Spende wie zum Beispiel in Schulen, Behörden, Hotels oder dem BCC Congress Center weg oder sind nur eingeschränkt nutzbar. „Gleichzeitig“, so DRK-Sprecherin Susanne von Rabenau, „kehren die Kliniken zum Regelbetrieb zurück und holen verschobene Behandlungen und Operationen nach. Dadurch ist der Bedarf an Blutkonserven innerhalb weniger Tage sprunghaft um bis zu 30 Prozent angestiegen. Das lässt sich nicht sofort ausgleichen.“

Deshalb bitten das Rote Kreuz und die Charité, in den kommenden Wochen möglichst alle angebotenen Möglichkeiten zur Blutspende zu nutzen. Aktuelle Termine, die man beim Roten Kreuz im Unterschied zu früher jetzt online reservieren muss, veröffentlicht das DRK im Internet. Bei der Charité in Mitte geht es auch ohne Voranmeldung. Nur am Standort Virchow sind wegen der räumlich beengten Verhältnisse derzeit keine Spenden möglich.

Die sind aber dringend nötig. Der Schreck sitzt Axel Pruß noch in den Knochen: „Um Himmelfahrt waren unsere Vorräte an den unteren Grenzen der Mindestbestände angelangt“, erinnert er sich. „Besonders die Blutgruppe 0 hat gefehlt. Sie gilt als ideale Spenderkonserve, weil sie mit nahezu allen anderen Blutgruppen verträglich ist. Die kann man im Notfall auch verwenden, wenn es um jede Minute geht und keine Zeit mehr bleibt, die Blutgruppe eines Schwerverletzten zu bestimmen.“

Um die Versorgung von Notfällen und Schwerverletzten trotzdem zu sichern, gab es in der Charité die Anweisung, nicht dringend erforderliche Operationen erneut zu verschieben, wenn die Wahrscheinlichkeit, Blutkonserven zu benötigen, über zehn Prozent lag.

Auch im Helios Klinikum Berlin-Buch war Spenderblut nur eingeschränkt verfügbar: „Wir mussten ebenfalls planbare Eingriffe teilweise verschieben und planen für die nächsten Wochen gemeinsame Blutspende-Aktionen bei uns im Klinikum“, sagt der Ärztliche Direktor Henning Baberg.

Doch Verschiebungen sind inzwischen Gott sei Dank nicht mehr nötig. „Die Situation hat sich gebessert“, stellt Axel Pruß fest. „Sollte allerdings plötzlich ein Katastrophenfall eintreten, wie beispielsweise ein Zugunglück oder ein Terroranschlag mit vielen Verletzten, hätten wir wieder große Probleme.“

Vor denen stünde dann auch der DRK-Blutspendedienst, denn er deckt etwa 75 Prozent des Blutbedarfs ab. In Berlin und Brandenburg benötigt er dafür jeden Tag rund 600 Blutspenden.

Allein die drei Standorte der Charité verbrauchen pro Tag durchschnittlich 140 sogenannte Erythrozyten-Konzentrate, die wichtigste Sorte der Blutkonserven. „Pro Woche wären das tausend und pro Jahr rund 50.000“, rechnet Axel Pruß vor. „Davon gewinnen wir selber in der Charité nur 10.000 pro Jahr. Die fehlenden 80 Prozent beziehen wir vom Roten Kreuz.“ Etwa fünf Prozent des Berliner Blutbedarfs deckt die private Blutspendefirma Haema ab.

Angst, dass das Blut ganz ausgeht, braucht trotzdem niemand zu haben. „In extremen Notsituationen hätten wir immer noch die Möglichkeit, Blutkonserven aus der Umgebung und aus anderen Bundesländern anzufordern“, beruhigt Charité-Professor Pruß.

Wo kann man Blut spenden?

  • DRK-Blutspendedienst, Hindenburgdamm 30a (Steglitz); Infos über mobile und stationäre Termine: Telefon 0800 / 11 949 11; www.blutspende-nordost.de
  • Charité Campus Mitte, Schumannstr. 22 (Gebäude direkt links neben dem Pförtnerhaus, EG); Telefon (030) 450-52 51 67; www.ztb-blutspende.de
  • Haema privater Blutspendedienst; unterhält 6 Zentren in Berlin (Prenzlauer Berg, Charlottenburg, Wedding, Tegel, Hellersdorf, Marzahn); Termine, Telefonnummern und Adressen: www.haema.de

Bei einer Spende wird ein halber Liter Blut abgezapft. Die weißen Blutkörperchen werden herausgefiltert und entfernt, die roten Blutkörperchen und das flüssige Plasma werden dann getrennt aufbereitet. Die Spende dauert nur 15 Minuten und ist unproblematisch. Wichtigste Voraussetzung: Blutspender müssen mindestens 18 Jahre alt und gesund sein. Bei der ersten Spende sollte ein Alter von 65 (DRK) bis 68 (Charité) nicht überschritten werden. Bis zum 73. Geburtstag ist derzeit eine Blutspende möglich, vorausgesetzt der Gesundheitszustand lässt dies zu. Bei einer ärztlichen Voruntersuchung wird die Eignung zur Blutspende jeweils tagesaktuell geprüft. Innerhalb eines Jahres dürfen gesunde Männer bis zu sechsmal, Frauen bis zu viermal spenden. Zwischen zwei Spenden müssen mindestens acht Wochen liegen, weil der Körper so lange braucht, um die roten Blutkörperchen neu zu bilden und den Verlust durch die Spende auszugleichen.

Der halbe Liter Verlust macht sich nicht bemerkbar. Denn ein gesunder Erwachsener verfügt im Schnitt über fünf bis sechs Liter Blut, er kann bis zu 15 Prozent seines Blutvolumens verlieren, ohne dass schwere Schäden auftreten. Wenn der Blutverlust jedoch 30 Prozent des Blutvolumens übersteigt, kann der Körper die Organe nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgen. Dann muss von außen Blut zugeführt werden. Bei schwereren Unfällen und Verletzungen, bei inneren Blutungen oder bei Krankheiten, bei denen das Knochenmark nicht mehr selbst ausreichend Blut bildet, müssen die verloren gegangenen Erythrozyten so schnell wie möglich durch eine Bluttransfusion ersetzt werden.

Während das Blutplasma bei minus 30 Grad tiefgefroren zwei Jahre lang aufbewahrt werden kann, halten die Beutel mit roten Blutkörperchen (Erythrozyten-Konzentrate) nur maximal 45 Tage.

Beim Einsparen des wertvolle Spenderbluts ist die Medizintechnik weit vorangekommen. So hat die früher bei planbaren Eingriffen oft angebotene Methode der Eigenblutspende einige Wochen vor der Operation heute kaum noch Bedeutung. „Stattdessen“, so Axel Pruß, „nutzen Chirurgen heute zunehmend die moderne Autotransfusion. Dabei sammelt ein Gerät das abgesaugte Blut. Eine Zellwaschmaschine befreit es von unerwünschten Fremdstoffen wie Zelltrümmern und Entzündungsfaktoren. Das so aufbereitete Eigenblut wird dem Patienten gleich wieder zurück infundiert.“

Nach einer normalen Blutspende beim DRK oder an der Charité bleibt der Spender noch etwa eine halbe Stunde da, um zu sehen, ob er alles gut vertragen hat. Dann gibt’s einen (wegen Corona verpackten) Imbiss und etwas zu trinken. Danach kann man das schöne Wetter und den Frühsommer wieder nach Herzenslust genießen. Allerdings ist das Gefühl jetzt noch schöner. Denn man hat einem kranken oder verletzten Mitmenschen geholfen.