Kleiner Piks, schützende Wirkung: Allein die gesetzliche Krankenversicherung gibt nach Angaben des Apothekerverbandes mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr für Impfstoffe aus.
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BerlinSehr intensiv suchen Wissenschaftler auf der ganzen Welt nach einem Impfstoff gegen das neue Coronavirus. Vermutlich wird es noch ein bis zwei Jahre dauern, bis ein entsprechendes Präparat verfügbar ist.

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Doch mitten im derzeit herrschenden Chaos darf man nicht vergessen, dass die Covid-19-Krankheit längst nicht die einzige Infektion ist, die unsere Gesundheit und unser Leben auch jetzt bedroht. Denn während SARS-CoV-2 überall wütet, haben andere gefährliche Bakterien und Viren keine Pause.

So erkranken nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) während einer saisonalen Grippewelle allein in Deutschland zwischen zwei und 14 Millionen Menschen an Influenza. Je nach Ausprägung der jeweiligen Welle sterben bis zu 20.000 von ihnen. In den ersten zwei Monaten 2020 wurden dem RKI bereits 102.000 Grippe-Patienten offiziell gemeldet. Allerdings gehen die meisten Betroffenen gar nicht zum Arzt. Die Dunkelziffer ist also wesentlich höher. Außerdem verzeichnete die Gesundheitsbehörde 1535 Fälle von Keuchhusten, an dem nicht nur Kinder, sondern auch nicht geimpfte Erwachsene erkranken können.

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„Diese Impfungen schützen zwar nicht vor dem Coronavirus, aber vor anderen Lungeninfektionen“, sagt Lothar Wieler, der  Präsident des Robert-Koch-Instituts.
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Betroffen sind meist ältere oder chronisch kranke Menschen sowie Patienten mit einem schwachen Immunsystem. Ihnen raten Experten, sich jetzt impfen zu lassen und den Impfstatus zu überprüfen – hauptsächlich gegen die reguläre Grippe, Keuchhusten und Pneumokokken. „Ist jemand bereits an der Lunge erkrankt, wäre eine Ansteckung mit Sars-CoV-2 besonders gefährlich und die Behandlung der Krankheit Covid-19 nur schwer möglich“, erklärt RKI-Präsident Lothar Wieler.

Wir impfen derzeit  mehr als sonst. Das begrüßen wir sogar. Allerdings sollten die Patienten vorher unbedingt anrufen und einen Termin vereinbaren."

Wolfgang Kreischer, Vorstand des Hausärzteverbandes Berlin und Brandenburg“

Doch ist es gerade jetzt angesichts voller Wartezimmer und erhöhter Ansteckungsgefahr überhaupt sinnvoll, eine möglicherweise überlastete Arztpraxis aufzusuchen? „Ja, das begrüßen wir sogar und wir impfen derzeit auch mehr als sonst“, sagt Allgemeinmediziner Wolfgang Kreischer, Vorstand des Hausärzteverbandes Berlin und Brandenburg. „Allerdings sollten die Patienten vorher unbedingt anrufen und einen Termin vereinbaren. Wenn es hauptsächlich um eine Impfung geht, können Ihnen die Kollegen einen Randtermin zum Ende der Sprechstunde geben, wo Sie nicht mehr auf viele andere Kranke treffen.“ Nachfolgend ein Blick auf drei Impfungen, die in diesen Zeiten sinnvoll sind, weil sie vor allem die Lunge schützen, die durch das Coronavirus angegriffen wird.

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Pneumokokken: Besonders gefährlich für Menschen ab 60

Angela Merkel hat sie kürzlich auch erhalten – die Impfung gegen Pneumokokken. Das sind Bakterien, die den Nasen-Rachenraum befallen. Sie können aber weiterwandern und gelten als häufigste Erreger einer Lungenentzündung. Das RKI schätzt, dass jedes Jahr mehr als 5000 Menschen in Deutschland an den Folgen einer Pneumokokken-Erkrankung sterben. Besonders gefährdet sind nicht nur Kinder unter zwei Jahren, sondern auch Menschen ab 60 Jahren sowie Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit bestimmten Grundkrankheiten, beispielsweise Personen mit einer Immunschwäche oder mit chronischen Krankheiten des Herzens oder der Lunge. Bei Älteren muss der Impfschutz alle sechs Jahre aufgefrischt werden.

Die Nachfrage nach Pneumokokken-Impfstoff ist im Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie stark gestiegen. Aufgrund der aktuell eingeschränkten Lieferfähigkeit der beiden Pneumokokken-Impfstoffe Pneumovax® 23 und Prevenar® 13 soll die Impfung besonders vulnerabler Patientengruppen vorbehalten sein."

Aus einer Mitteilung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung

Geimpft wird entweder mit einem sogenannten Totimpfstoff, per Spritze in den Muskel. Oder mit einer „aktiven Impfung“: Dabei bildet der Organismus nach der Impfung Antikörper gegen die Stoffe aus der Bakterienhülle. Infiziert man sich später mit echten Pneumokokken-Bakterien, fangen die Antikörper diese ab. Aufgrund der erhöhten Nachfrage bestehen für Pneumokokken-Impfstoffe zurzeit Lieferschwierigkeiten. Doch einige Berliner Arztpraxen und Apotheken haben noch Vorräte. Deshalb: Vorher telefonisch erkundigen! Die Kassenärztliche Bundesvereinigung bittet wegen der stark gestiegenen Nachfrage, dass aufgrund der aktuell eingeschränkten Lieferfähigkeit der beiden Pneumokokken-Impfstoffe Pneumovax® 23 und Prevenar® 13  die Impfung besonders vulnerabler Patientengruppen vorbehalten sein sollte.

Ebenfalls empfehlenswert ist die Impfung gegen Grippe (Influenza). Die echte Virusgrippe ist eine ernst zu nehmende Erkrankung. Besonders Senioren, Schwangere und chronisch Kranke haben ein erhöhtes Risiko für schwere Krankheitsverläufe. Die Grippeschutzimpfung muss jedes Jahr wiederholt werden. Bis sie ihre Schutzwirkung voll entfaltet, vergehen zwar 14 Tage und die aktuelle Grippewelle klingt langsam ab. Doch wer im Winter noch keine Impfung hatte, kann und sollte sie jetzt nachholen. Das RKI empfiehlt sie besonders für Menschen ab 60 und alle chronisch Kranken. Zum Einsatz kommen je nach Impfstoff inaktivierte Viren oder Virenbestandteile. Da der Erreger sehr wandelbar ist, wird jedes Jahr ein angepasster neuer Impfstoff entwickelt.

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Keuchhusten kann tödlich enden

Auch Keuchhusten sollten sich Risikogruppen jetzt besser nicht einhandeln.  Die weit verbreitete Kinderkrankheit tritt auch bei Erwachsen auf. Bei der quälenden Atemwegserkrankung kommt es zu wochenlangem schweren und krampfartigen Husten bis hin zu Erstickungsanfällen, die sogar tödlich enden können, außerdem zu Lungenentzündungen.

Die Impfung besteht aus einem   Totimpfstoff mit harmlosen Bestandteilen des Erregers, er wird mit einer Spritze in den Muskel injiziert. Der Impfstoff ist nicht einzeln, sondern nur als Kombinationspräparat mit Komponenten gegen Tetanus, Diphtherie oder Kinderlähmung erhältlich.  

Diphterie, Tetanus und Kinderlähmung zählen zu den Krankheiten, gegen die Erwachsene ohnehin geimpft sein sollten. Nachfolgend ein Überblick:

1. Diphtherie ist eine lebensgefährliche, hoch ansteckende Erkrankung der oberen Atemwege, sie wird durch Tröpfcheninfektion übertragen. Die Rachenschleimhaut schwillt an, Infizierte bekommen kaum noch Luft. Ohne Behandlung verläuft die Diphtherie oft tödlich, selbst mit Behandlung sterben fünf bis zehn Prozent der Patienten. Bei schwerem Verlauf drohen gefährliche Schäden an Herz oder Hirn. Diphtherie war bei uns schon fast ausgerottet, wurde aber aus Ländern des ehemaligen Ostblocks wieder eingeschleppt.

Wann impfen? Grundimmunisierung im Kindesalter. Auffrischungen zwischen 5 bis 6 und 9 bis 17 Jahren. Danach alle zehn Jahre eine Auffrischimpfung. Für Erwachsene ist eine kombinierte Diphtherie-Tetanus oder Diphtherie-Keuchhusten-Impfung möglich. Zum Auffrischen genügt eine einzelne Impfdosis, auch wenn die letzte Impfung schon länger als zehn Jahre zurückliegt. Wurde die Impfung als Kind versäumt, kann man die Grundimmunisierung mit drei Injektionen jederzeit nachholen. Wer nicht weiß, ob er als Kind geimpft wurde, dem wird ebenfalls eine komplette Grundimmunisierung empfohlen.

Was wird geimpft? Totimpfstoff, Spritze in den Muskel.

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2. Die Gürtelrose (Herpes zoster)  wird wie Windpocken durch Varizella-Zoster-Viren verursacht. Die meisten Erwachsenen ab einem Alter von 50 Jahren haben in ihrem Leben die Windpocken durchgemacht. Dabei nisten sich Viren im Körper in den Nervenzellen ein. Wenn das Immunsystem im Alter schwächer wird, können die Viren wieder aktiv werden und einen sehr schmerzhaften Ausschlag mit flüssigkeitsgefüllten Bläschen hervorrufen. Je nach Ausprägung können kleinere oder größere Hautflächen an Rumpf oder Kopf betroffen sein. Die schmerzhaften Nervenentzündungen dauern manchmal auch nach Abklingen des Ausschlags noch längere Zeit an. Am meisten gefährdet sind ältere Erwachsene und Menschen mit einem geschwächten Immunsystem.

Wann impfen? Alle Personen ab 60 Jahren und Personen ab 50 Jahren mit schwachem Immunsystem und/oder schweren Grundleiden an Lunge, Niere, Darm oder bei entzündlichem Gelenkrheuma.

Was wird geimpft? Der empfohlene Totimpfstoff ist wirksamer und bietet einen länger anhaltenden Schutz als der Lebendimpfstoff. Er wird zweimal im Abstand von mindestens zwei und höchstens sechs Monaten in den Oberarm-Muskel geimpft.

3. Masern gehören zu den ansteckendsten Infektionskrankheiten beim Menschen. Mehr als die Hälfte der Masernfälle in Deutschland betreffen heute Jugendliche und Erwachsene bis etwa Ende 40. Es kommt dabei zu einer Infektion der oberen Atemwege mit Masern-Viren. Typisch ist ein roter, fleckiger Hautausschlag. Masern schwächen das Immunsystem stark. Als Komplikationen treten beispielsweise Lungen- und Hirnhautentzündungen auf.

Wann impfen? Die Impfung für Kinder erfolgt vom vollendeten elften bis zum 14. Lebensmonat. Nach vier Wochen sollte die Zweitimpfung stattfinden. Für Kinder und Erzieher, Lehrer, Tagespflegepersonen und medizinisches Personal, die jünger als 50 Jahre sind, gilt seit März 2020 eine Impfpflicht. Wer noch nicht geimpft wurde, muss die Impfung nachholen. Hier reicht eine einmalige Impfung. Alle Nichtgeimpften, die Kontakt zu einem Masernkranken haben, sollten sich ebenfalls impfen lassen.

Was wird geimpft? Lebendimpfstoff, Spritze in den Muskel. In der Regel wird ein Kombinationsimpfstoff gespritzt, der gleichzeitig gegen Masern, Mumps und Röteln schützt. Der Impfstoff besteht aus lebenden, abgeschwächten Viren.

4. Röteln-Viren sind weltweit verbreitet und werden häufig von Personen weitergegeben, die daran unbemerkt erkrankt sind. Sie werden durch Tröpfcheninfektion, zum Beispiel durch Husten und Niesen, übertragen. Die Röteln-Infektion beginnt mit hellen Flecken im Gesicht, die sich auf den ganzen Körper ausbreiten. Die Krankheit verläuft meist mild, etwa wie eine Erkältung. Bei rund der Hälfte der Rötelnfälle treten keine oder nur ganz leichte Krankheitszeichen auf. Gefährdet sind aber schwangere Frauen ohne Impfschutz. Eine Infektion während der Schwangerschaft kann zu Fehlgeburten oder teilweise schweren Fehlbildungen beim Kind führen.

Wann impfen? Geimpft wird das erste Mal zwischen dem 12. und 15. Lebensmonat, die Zweitimpfung erfolgt im Alter von 15 bis 23 Monaten. Die Impfung ist in der Regel ein Kombinationsimpfstoff, mit dem gleichzeitig gegen Masern, Mumps und Röteln geimpft wird. Das RKI empfiehlt die Impfung allen Frauen im gebärfähigen Alter, die noch gar nicht oder nur einmal in der Kindheit gegen Röteln geimpft wurden oder deren Impfstatus unklar ist.

Was wird geimpft? Der Impfstoff besteht aus lebenden, abgeschwächten Viren.

5. Kinderlähmung: In Deutschland ist der letzte Fall von Kinderlähmung (Polio) 1990 aufgetreten. Europa gilt seit 2002 als polio-frei. Allerdings gibt es noch Fälle in Afghanistan, Pakistan und vor kurzen auch in der Ukraine. Polio-Viren werden mit dem Stuhl ausgeschieden und vorwiegend durch Schmierinfektion (Stuhl-Hand-Mund) übertragen. Auch eine Ansteckung per Tröpfcheninfektion – Husten und Niesen – ist möglich. In 95 Prozent der Fälle verläuft die Krankheit ohne Symptome. Der Erreger kann aber auch das Rückenmark befallen, was im schlimmsten Fall zu  Lähmungen der Arm- oder Beinmuskulatur führt.


Wann impfen? Die Grundimmunisierung beginnt im dritten Lebensmonat und umfasst zwei bis drei Spritzen im ersten und eine weitere zu Beginn des zweiten Lebensjahres. Im Alter von 9 bis 17 Jahren wird eine Auffrischung empfohlen. Sie kann aber jederzeit nachgeholt werden: zwei oder drei Injektionen im Abstand von mindestens vier Wochen bis zu sechs Monaten.

Was wird geimpft? Früher gab es eine Schluckimpfung mit abgeschwächten Viren, heute wird in Deutschland ein inaktivierter Impfstoff gespritzt. Es gibt diverse Einzel- und Kombinationsimpfstoffe für Erwachsene.

6. Wundstarrkrampf: Die Erreger für Wundstarrkrampf (Tetanus) befinden sich in Böden und gelangen über Wunden, Kratzer oder Stiche in den Körper (Verletzungen bei Stürzen oder Gartenarbeit). In Deutschland gibt es immerhin noch zehn bis 15 Fälle pro Jahr. Drei Tage bis drei Wochen nach der Infektion treten die ersten Krankheitszeichen auf. Kribbeln und Taubheitsgefühl im Bereich der Wunde sowie Abgeschlagenheit, Unruhe und Kopfschmerzen sind erste Anzeichen. Nach kurzer Zeit kommen starke, schmerzhafte Krämpfe des Kiefers und weiterer Muskeln hinzu. Krämpfe des Kehlkopfes und der Brustmuskulatur können so ausgeprägt sein, dass die Patienten nicht mehr sprechen können. Die Atmung setzt aus, es kann zum Erstickungstod kommen. Etwa zehn bis 20 Prozent der Infektionen enden tödlich.

Wann impfen? Säuglinge: Vier Spritzen im Alter von zwei bis 14 Monaten erforderlich. Anschließend sollte mit fünf Jahren und zwischen 9 und 17 Jahren jeweils eine Auffrischung erfolgen. Danach muss die Impfung alle zehn Jahre wiederholt werden. Ungeimpfte erhalten nach Verletzungen eine passive Schnell-Impfung aus Antikörpern.

Was wird geimpft? Totimpfstoff, Injektion in den Muskel.