Als moralische Großmacht bezeichnen die Schweden ihr kleines Land manchmal. Greta Thunberg löst diesen Anspruch in der Klimadebatte ein. Aber taugt Schweden als Vorbild? Wir sprachen mit Thunbergs Landsmann Johan Rockström, Klimaforscher in Potsdam.

Professor Rockström, gehen Ihre Kinder freitags noch zur Schule?

Zwei meiner Kinder sind schon erwachsen. Meine jüngste Tochter ist 18. Sie war bei den Klimaprotesten in letzter Zeit dabei.

„Fridays-for-Future“ wird oft als Jugendprotest gegen die gedankenlose Elterngeneration gedeutet. Müssen Sie sich zu Hause viel anhören?

(lacht) Nein, im Gegenteil. Aber wir sprechen zu Hause natürlich viel über Klimaschutz. Meine Frau und ich treiben das voran.

Wie?

Vor allem bei unserem Konsum. Niemand ist perfekt, aber jedenfalls haben wir zuhause Ökostrom und ein Biogas-Auto. Ich erledige fast alle meine Fahrten mit dem Fahrrad oder mit dem öffentlichen Nahverkehr. Mit unseren Kindern diskutieren wir sehr viel über diese ganz praktischen Klimaschutzfragen. Gerade darüber, welche Dinge wir tatsächlich brauchen und kaufen wollen. Vor allem für junge Menschen gibt es ja eine irrsinnige Vielfalt an Produkten, die Werbung hat sie im Visier. Ich glaube, es ist in dieser Hinsicht heutzutage leichter, Erwachsener zu sein als Jugendlicher.

Sie arbeiten seit einem Jahr in Potsdam. Wie nehmen Sie die hiesige Klimadebatte wahr?

Gerade passiert sehr viel. Es ist ein ähnlicher Effekt wie bei einer Ketchupflasche. Man schüttelt lange, ohne dass etwas passiert – und dann macht es plötzlich „Blurp“. Die Kohlekommission hat ihren Kompromiss vorgelegt. Die „Fridays for Future“-Bewegung hat sich etabliert. Im Frühjahr hat sich Angela Merkel zu Netto-Nullemissionen bis 2050 bekannt. Das Klimakabinett wurde eingerichtet. Das sind alles sehr große Schritte.

In der Klimaforschung geht es viel um Kipppunkte, an denen Systeme ins Wanken geraten. Hat Greta Thunberg die Klimadebatte gewendet?

Ich weiß nicht, ob Greta Thunberg persönlich diesen Einfluss hat. Aber dass die weltweite Jugendbewegung für das Klima eine solche Wirkung entfalten kann, das schließe ich nicht aus. In der Wissenschaft fragen wir uns schon seit einem Jahrzehnt: Wo sind die Jugendlichen? Wir hätten solche Proteste viel eher erwartet. Seit Jahren sehen wir in Meinungsumfragen in Europa wie in den USA, dass sich rund 60 Prozent der Bevölkerung Sorgen machen wegen des Klimawandels. Unter Jugendlichen, und vor allem unter jungen Frauen, ist der Anteil noch höher. Ich bin ziemlich überzeugt, dass diese Bewegung nicht verschwinden wird.

Was macht Sie so sicher?

Sie hält zwei Karten in der Hand, gegen die sich die Verteidiger des Status quo nur sehr schwer wehren können. Auf der einen Karte steht „Zukunft“: Die Jugendlichen sind die einzigen, die glaubwürdig darüber sprechen können, weil sie die Zukunft sind. Auf ihrer zweiten Karte steht „Wahrheit“: Sie haben die Unterstützung der gesamten Wissenschaft. Eine solche Protestbewegung hat es noch nie gegeben. Selbst für Donald Trump und Jair Bolsonaro ist es schwer, dem etwas entgegenzusetzen. Das einzige, was ihnen und ihren Unterstützern einfällt, sind persönliche Angriffe.

Schweden hat viel erreicht, die Pro-Kopf-Emissionen sind halb so hoch wie in Deutschland. Warum ist Greta Thunberg eigentlich so wütend auf die Politiker in ihrem Land?

Schweden hat erhebliche Fortschritte erzielt. Wenn alle Länder in einer Schule säßen, dann wäre es der Klassenbeste. Aber die Klasse insgesamt ist leider ziemlich schlecht, alle würden sitzenbleiben. Wir haben gute Politiker in Schweden. Selbst die Konservativen haben eine verantwortungsvolle Umweltpolitik. Das Paradox ist, dass alle guten Willens sind, und trotzdem zu wenig passiert.

In Frankreich gehen die Autobesitzer auf die Straßen, Deutschland streitet über das Recht aufs Schnitzel. Diskutieren die Schweden ähnlich engagiert übers Klima?

Es gibt einen recht großen Unterschied zwischen Schweden und Deutschland. Schweden ist sehr weit gekommen auf dem Weg, eine fossilfreie Wohlfahrtsgesellschaft zu werden. Wir haben den höchsten Anteil an CO2 -freier Stromerzeugung, vor allem wegen des hohen Anteils der Wasser- und Kernkraft. Was fehlt, ist eine starke Umweltbewegung, die diese Entwicklung vorantreibt. Deutschland ist weiterhin in hohem Maß von Kohle, Gas und Öl abhängig. Aber die Grünen haben im europaweiten Vergleich eine einmalige Position. Sie genießen Respekt und werden als Kraft gesehen, die das Land führen kann. Die schwedischen Grünen sind zwar seit 2015 Teil der Regierung. Aber sie erzielen keine Erfolge, in Umfragen sind sie unter vier Prozent. Sie könnten viel von Deutschland lernen.

Was kann Deutschland denn von Schweden lernen?

Wie man Umweltpolitik wirksam umsetzt. Schweden hat es geschafft, fossile Energie in vielen Bereichen zurückzudrängen. Dahin war es ein langer Weg. Begonnen hat er 1991 mit der Einführung der CO2 -Steuer. Sie beträgt 114 Euro pro Tonne Kohlendioxid. Diese Steuer war so effektiv, dass die Haushalte massenweise ihre Ölheizungen ausgewechselt haben. Die Kommunen haben ihre Fernwärmenetze ausgebaut, die sie mit Abfällen aus der Holzindustrie betreiben. Erdwärme spielt auch eine große Rolle. Aber wie gesagt: Wir haben diese Steuer vor fast 30 Jahren eingeführt. Wäre Deutschland damals gefolgt, gäbe es hier keine Kohle mehr.

Vielleicht hat man diese Steuer ja genau deshalb nicht eingeführt.

Die Kohlekommission hat beschlossen, dass die Kohleregionen 40 Milliarden Euro für Strukturreformen bekommen sollen. Das ist wirklich viel Geld. Die Regierungschefs in Brandenburg und Sachsen haben eigentlich keinen Grund, nervös zu sein. Der Ausstieg ist umsetzbar.

Schweden baut schwere Autos mit hohem Verbrauch. Aber beim Verkehr hat es geschafft, woran Deutschland scheitert: einen Rückgang der Emissionen um 30 Prozent seit 1990. Wie hat das geklappt?

Schweden ist ähnlich abhängig von der Autoindustrie wie Deutschland. Deshalb ist es in beiden Ländern schwer, den Transportsektor zu verändern. Ich finde die schwedischen Zahlen nicht beeindruckend. Wir sind schlecht bei der E-Mobilität, das Fahrrad spielt eine viel zu kleine Rolle. Aber es ist uns gelungen, den Nahverkehr zu verändern. Busse und Züge werden zu einem großen Teil mit erneuerbaren Energien angetrieben.

Selbst Greta Thunberg befürwortet den Ausbau der Kernkraft, Schweden erwägt ihn. Lag die deutsche Umweltbewegung daneben?

Das ist ein sehr komplexes Thema. Aber wenn man mich in dieser Debatte in eine Ecke zwingt, dann ist mein Standpunkt, dass die Risiken der Klimakrise größer sind als die der zivilen Atomkraft. Ich würde darum zuerst aus der Kohle- und Gasverstromung aussteigen – anders als Deutschland es tut. Aber es ist zweifelhaft, ob die Kernkraft eine Zukunft hat, weil sie so teuer ist und kaum noch mit erneuerbaren Energien konkurrieren kann.