Berlin - Nass machen, gründlich einseifen, die Handinnenflächen aneinander reiben. Die Nägel, Fingerzwischenräume und Handrücken nicht vergessen. Nichts geht übers Händewaschen, um sich vor Krankheiten zu schützen. Das weiß man nicht erst seit der Corona-Krise. Doch die Pandemie hat die Bedeutung der Handhygiene wieder deutlich ins Bewusstsein der Menschen gerückt.

Regelmäßig und richtig praktiziert, kann das Waschen und Desinfizieren der Hände Leben retten. Daran erinnert die Weltgesundheitsorganisation WHO am 5. Mai. Das Datum steht symbolisch für die zweimal fünf Finger des Menschen – 5.5. Der Welttag der Handhygiene richtet sich direkt an das Personal und alle Einrichtungen im Gesundheitswesen. „Save Lives: Clean Your Hands“ lautet die Botschaft. Die mag aus heutiger Sicht und gerade vor dem Hintergrund der Corona-Krise banal klingen. Doch das Wissen um die Bedeutung der Handhygiene ist noch gar nicht so alt. Ein Blick auf historische Meilensteine.

Hygiene in der Antike

„Die Hände waschen wir uns wohl schon immer. Sauberkeit ist bis zu einem gewissen Grade quasi ein natürlicher Reflex“, sagt Thomas Schnalke, Professor und Direktor des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité. Schon in der Antike gab es ein ausgeprägtes Bewusstsein für Hygiene. Der Begriff wurde damals noch wesentlich breiter gefasst und war nicht auf den Aspekt Sauberkeit reduziert. „Unter Hygiene verstand man im weitesten Sinne Maßnahmen zur Erhaltung der Gesundheit auf allen Ebenen und in allen Lebensbereichen“, so Schnalke. Das betraf die Bereiche Ernährung, Bewegung und auch die Psyche. „Hier in eine Balance zu kommen, bedeutete in der Antike Gesundheit. Aus dem Gleichgewicht zu geraten, barg die Gefahr von Krankheit.“

Vor etwa viereinhalbtausend Jahren hinterließen die Sumerer auf einer Tontafel das wohl älteste bekannte Rezept für Seife. Eigentlich war es mehr eine Heilsalbe, die aus Pflanzenasche und Ölen zusammengemischt wurde. Auch Ägypter, Griechen und Germanen verwendeten ähnliche Pasten. Von den Römern ist bekannt, dass sie solche Tinkturen in ihren öffentlichen Badehäusern zur Körperreinigung benutzt haben.

Badehäuser im finsteren Mittelalter

Im Gegensatz zur Antike gilt das Mittelalter als dreckig. Nachttöpfe wurden auf den Straßen ausgeleert, Abfälle einfach liegen gelassen, Wunden nicht richtig versorgt. Eine wahre Freude für Keime und Viren. Doch ganz so düster war es gar nicht. Denn es gab Seife, so wie wir sie heute kennen. Das Rezept haben die Araber im 7. Jahrhundert entwickelt. Über die Handelswege verbreitete sich das Wissen in Europa. Zentren der Seifensiederzunft entstanden. Allerdings konnten sich nur Adlige die duftenden Stücke leisten. Armen Leuten blieben sie verwehrt.

Doch natürlich haben auch sie sich gewaschen – sogar in öffentlichen Badehäusern. „Der Besuch gehörte zu den selbstverständlichen Gepflogenheiten. Er diente nicht nur der Hygiene und der Gesundheit, sondern auch der Kommunikation. Die Preise waren so gestaltet, dass auch weniger begüterten Leuten diese Annehmlichkeit vergönnt war“, schreibt Susanne Arnold vom Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg in ihrer Abhandlung „Baden und Badewesen im Mittelalter“.

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Holzschnitt aus dem Jahr 1559: Öffentliche Badehäuser galten im Mittelalter als ein Ort der Kommunikation.

In diesen Badestuben ging es hoch her. Die Menschen frönten dort ihrer Lust, was die Kirche gar nicht gern sah. Badehäuser waren in den Augen des Klerus Orte des moralischen Fehlverhaltens. Als sich Geschlechtskrankheiten wie die Syphilis immer weiter verbreiteten, war der Schuldige schnell gefunden: die Badehäuser – Sündenpfuhl und damit Ursprung allen Übels. Mit dem Aufkommen der Pest wurden sie dann gänzlich gemieden. Die Menschen glaubten, der Kontakt mit Wasser sei die Ursache der Krankheit.

Der Vater der Krankenhaushygiene

Mit dem Aufkommen des naturwissenschaftlichen Denkens bekam Hygiene einen ganz neuen Stellenwert, gerade in der Medizin des 19. Jahrhunderts. „Ein Meilenstein sind hier die durch Ignaz Semmelweis 1847 und 1848 angestellten Beobachtungen“, sagt Medizinhistoriker Thomas Schnalke. Semmelweis war Assistenzarzt an der Geburtsklinik in Wien. Er beobachtete Medizinstudenten dabei, wie sie nach Autopsien unmittelbar bei Geburten halfen – ohne sich zwischendurch die Hände zu waschen.

Für uns heute unvorstellbar. Klar, dass es von Keimen nur so gewimmelt haben muss. Doch damals wusste man noch nicht, dass Bakterien tödliche Krankheiten verursachen können und diese vom Sektionssaal direkt in den Kreißsaal getragen wurden. Die Folge: Sehr viele Mütter starben an Kindbettfieber. „Alles war unerklärt, alles war zweifelhaft, nur die große Anzahl der Toten war eine unzweifelhafte Wirklichkeit“, schrieb Semmelweis.

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Der deutsch-ungarische Arzt Ignaz Semmelweis arbeitete als Chirurg und Geburtshelfer in Wien und dem heutigen Budapest.

Er vermutete, dass die hohe Sterblichkeit der Wöchnerinnen etwas mit der Hygiene im Krankenhaus zu tun habe und ordnete an, dass sich jeder Arzt gründlich die Hände mit Chlorkalk einreiben musste, bevor er bei Geburten half. Der Erfolg gab ihm recht: Schon nach wenigen Monaten sank die Sterblichkeitsrate der Frauen erheblich.

„Ignaz Semmelweis gilt ohne Zweifel als der Vater der Krankenhaushygiene in Europa und in der Welt“, sagt Petra Gastmeier, Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Charité Berlin. „Damals wurde Semmelweis für seine Anordnung viel belächelt. Und er hat sich nicht gerade beliebt gemacht, muss man sagen.“ Denn der Frauenarzt sei wenig diplomatisch mit seinen Kollegen umgegangen und stellte sie in der Öffentlichkeit bloß. „Das kam nicht gut an“, sagt Gastmeier. Erst als Semmelweis 1861 in seinem Buch „Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers“ seine Behauptungen auch mit Statistiken unterlegt hat, stieg sein Ansehen unter den Kollegen.

Der Beginn des hygienischen Zeitalters

Welche Ursache haben Infektionskrankheiten? Diese Frage hat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts viele Mediziner beschäftigt. In den 1870er-Jahren entdeckte Robert Koch die Milzbrandsporen. Er arbeitete damals als Kreisphysikus in Wollstein (heute Wolsztyn in Polen). In der dortigen Umgebung starben mehrere Menschen und Tiere an Milzbrand. Eine Tierseuche, die schwere Blutungen im Darm verursachen und auf den Menschen übertragen werden kann. Heutzutage ist sie gut mit Antibiotika behandelbar. Durch Kochs Entdeckung konnte erstmals nachgewiesen werden, dass ein Mikroorganismus Ursache für Erkrankungen sein kann. Eine bahnbrechende Erkenntnis.

„Mit dem Beginn des bakteriologischen Verständnisses von Krankheitserregung und Übertragung wird in der Medizin ein regelrechtes hygienisches Zeitalter ausgerufen“, sagt Schnalke. „Wesentlich dabei ist, dass nun ein physisch realer Widersacher bekannt ist – das Bakterium oder seine Gifte, das sich mit hygienischen Maßnahmen bekämpfen lässt.“

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Der Chirurg Ernst von Bergmann praktizierte und lehrte ab 1882 an der Universität Berlin. Als einer seiner wesentlichen Verdienste gilt die Einführung der Asepsis bei der Wundbehandlung.

Das Konzept des aseptischen Operierens hielt Einzug in die Operationssäle. Besonders verdient machten sich dabei der damalige Chef der Berliner Chirurgie, Ernst von Bergmann, und sein Assistenzarzt Curt Schimmelbusch. Sie benutzten erstmals Dampf, um chirurgische Verbände zu sterilisieren. Ihr Verfahren konnten sie 1890 Experten aus aller Welt vorführen, beim großen Medizinerkongress in Berlin.

„Das war wirklich ein großer Sprung und hat die Wunddesinfektionsraten deutlich reduziert. Ein Siegeszug der Sterilisation ging von Berlin aus um die ganze Welt“, sagt Petra Gastmeier. Sie leitet das Nationale Referenzzentrums für Surveillance von nosokomialen Infektionen (NRZ). Darunter fallen Infektionen, die Patientinnen und Patienten im Zusammenhang mit einer medizinischen Maßnahme bekommen – im Krankenhaus, einer Pflegeeinrichtung oder in ambulanten Praxen.

dpa/Rolf Vennenbernd
Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) und die WHO geben die folgende Anleitung zum wirksamen Händewaschen:

Nass machen: Die Hände werden unter fließendes Wasser gehalten. Die Temperatur kann dabei so gewählt werden, dass sie angenehm ist.

Rundum einseifen: Handinnenflächen, Handrücken, Daumen, Fingerzwischenräume und Fingerspitzen sollten gründlich eingeseift werden.

Zeit lassen: Gründliches Händewaschen dauert mindestens 20 Sekunden, bei stark verschmutzten Händen auch länger.

Gründlich abspülen: Die Hände sollten unter fließendem Wasser abgespült werden.

Sorgfältig abtrocknen: Das Abtrocknen der Hände – auch der Fingerzwischenräume – gehört zum wirksamen Händewaschen dazu. Durch das Abtrocknen werden Keime entfernt, die noch an den Händen oder im restlichen Wasser an den Händen haften.

Spätestens seit Peter Kalmár 1965 das Rezept für Sterillium entwickelt hat, ist die Handdesinfektion nicht mehr aus den Gesundheitseinrichtungen wegzudenken. Kalmár arbeite als Assistenzarzt im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Die chirurgische Händedesinfektion war zu dieser Zeit eine minutenlange Prozedur. Erst mussten sich die Mediziner mit Seife und Bürste gründlich die Hände waschen und sie dann mit hochprozentigem Alkohol einreiben.

„Ich hatte die Idee, ein Mittel zu entwickeln, das man direkt in die Hände schmiert und das schnell und lange wirkt“, sagte Kalmár der Hamburger Morgenpost anlässlich des 50. Jahrestages seiner Erfindung, 2015. Er wandte sich damals an ein auf Desinfektion spezialisiertes Unternehmen und entwickelte somit das erste marktfähige alkoholische Hände-Desinfektionsmittel der Welt. Die blaue Flüssigkeit wird noch heute in den Krankenhäusern verwendet.

Wie steht es heute um die Handhygiene?

„Mit der Pandemie hat sich das Bewusstsein für Hygiene geändert, weil alle ein viel stärkeres Gespür für das Infektionsrisiko entwickelt haben“, sagt Gastmeier. „Im Krankenhausalltag ist die Handhygiene aber nicht unbedingt besser geworden – da sehr viel mehr Handschuhe getragen werden als vor der Corona-Krise.“ Diese seien zwar bei bestimmten Tätigkeiten allein schon aus Arbeitsschutzgründen notwendig – wenn man mit Blut oder Sekreten Kontakt hat. „Aber eigentlich fänden wir es viel besser, wenn das medizinische Personal mit den nackten Händen arbeitet und diese regelmäßig desinfiziert“, so die Hygieneexpertin. „Denn wenn die Handschuhe nicht konsequent zwischen den Behandlungen gewechselt werden, existiert natürlich ein Risiko, dass Erreger von einem Patienten zum anderen getragen werden.“

Dass sich in medizinischen Einrichtungen richtig und vor allem regelmäßig die Hände desinfiziert wird, dafür wurde 2008 die „Aktion Saubere Hände“ gestartet. Die deutschlandweite Kampagne wird von der Berliner Charité federführend koordiniert. Ziel ist es, die Compliance in deutschen Gesundheitseinrichtungen zu verbessern. „Dabei beobachtet eine Hygienefachkraft etwa für einen bestimmten Zeitraum einen Mitarbeiter einer Intensivstation und schaut, ob immer dann, wenn eine Händedesinfektion gemacht werden sollte, auch wirklich eine gemacht wird“, erklärt Gastmeier. Im Anschluss werden die Beobachtungen gemeinsam ausgewertet.

Die Aktion verzeichnet messbare Erfolge. Beispielsweise hat sich der Verbrauch an Händedesinfektionsmittel in den deutschen Krankenhäusern seit 2008 ungefähr verdoppelt, sagt Gastmeier. „Das ist schon mal eine deutliche Verbesserung, aber wir sind noch immer nicht da, wo wir hin wollen.“

Laut WHO praktizieren etwa 70 Prozent der Mitarbeiter im Gesundheitswesen weltweit und 50 Prozent der chirurgischen Teams keine routinemäßige Handhygiene. In Deutschland sieht es im Vergleich besser aus. „Wir liegen ungefähr bei einer Compliance von 75 Prozent.“ Die bewusste hygienische Händedesinfektion ist ein Verhalten, das aktiv eingeübt und praktiziert werden müsse. Immer wieder.