Glücksvögel: Kraniche werden seit der Antike verehrt, Gänse gegessen.
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BrandenburgEin klarer Abend im Herbst, dazu ein schöner Sonnenuntergang – und dann einfach abwarten: Wer das in der Nähe des Dorfes Linum macht, erlebt irgendwann ein beeindruckendes Naturschauspiel: In der Ferne starten Kraniche auf den Stoppelfeldern, auf denen sie tagsüber gefressen habe, dann fliegen sie an dem Örtchen im Landkreis Ostprignitz-Ruppin vorbei zu ihren Schlafplätzen im Naturschutzgebiet.

„Derzeit sind noch 11000 Kraniche hier“, sagt Norbert Schneeweiß, der Chef der Naturschutzstation Rhinluch. Der höchste Wert diese Herbstes lag bei 70000 Tieren. „Das ist ein gutes Durchschnittsjahr“, sagt er. Aber der Wert ist ein gehöriges Stück entfernt vom Bestwert: 2014 waren es 120000 Vögel. Das Rhinluch, keine 60 Kilometer nordwestlich des Berliner Stadtzentrums, ist bundesweit der größte Festlandsrastplatz für Kraniche.

 Es gibt zwei wesentliche Voraussetzungen, damit die scheuen Zugvögel im Herbst einen Zwischenstopp beim Flug in den Süden einlegen: Erstens sind Felder nötig, auf denen sie etwas zu fressen finden. Außerdem muss viel Wasser da sein. „Kraniche schlafen stehend in flachen Teichen oder auf gefluteten Feuchtwiesen“, sagt Schneeweiß. Genau das ist das Problem. Das Dürrejahr 2018 und das ebenfalls sehr trockene 2019 sorgen dafür, dass es weniger Wasserflächen gibt.

Lieblingsplatz für Zugvögel

Dass die Region für Kraniche und andere Zugvögel ein solcher Lieblingsplatz ist, liegt nicht nur an den passenden natürlichen Bedingungen, sondern es ist ganz entschieden auch ein Werk des Menschen, besser gesagt: der hauptamtlichen Mitarbeiter der Naturschutzstation und der ehrenamtlichen Naturschützer.

Ihnen ist es mit finanzieller Unterstützung des Potsdamer Agrar- und Umweltministeriums gelungen, eine gezielte Kooperation mit den Landwirten aufzubauen und so einen möglichst perfekten Rastplatz für Kranich & Co. zu schaffen.

Die Region ist geprägt von einem Dutzend alter Fischteiche, die schon lange nicht mehr bewirtschaftet, aber von den Naturschützern erhalten werden. Das heißt: Im Herbst, zur Kranichzeit, wird das Wasser nicht abgelassen. Außerdem werden in dem Naturschutzgebiet zusätzlich etliche Wiesen geflutet, damit die Vögel dort schlafen können – ungestört von ihren Feinden wie den Füchsen. Das bedeutet aber, dass die Landwirte ihre Flächen dort nicht mehr so intensiv bewirtschaften können wie andere Kollegen und dass sie Ernteeinbußen haben. Doch dafür bekommen sie Entschädigungszahlungen vom Land.

Brandenburg schließt für solche Arten des Vertragsnaturschutzes jedes Jahr etwa 400 Verträge ab, durch die 8000 Hektar geschützt werden. Von 1992 bis 2018 hat das Land dafür fast 110 Millionen Euro investiert.

Um die Feuchtwiesen zu fluten, ist reichlich Wasser nötig, und die Vogelschützer sind froh, dass sie etwas abbekommen. In diesem Jahr waren die Probleme sogar noch größer als im Dürrejahr 2018 – denn damals profitierte man noch von den vielen Niederschlägen aus dem Jahr davor, die dafür gesorgt hatten, dass noch viel Wasser in der Landschaft war. „Aber das zweite Trockenjahr in Folge sorgte für echten Wassernotstand“, sagt Schneeweiß. 2019 war es bis zum Herbst viel zu heiß und es fiel zu wenig Regen   – und der Wind sorgte dafür, das das wenige auch noch verdunstete.

Weniger Jungtiere

Wasser war also besonders begehrt, denn nicht nur die Natur dürstete danach, auch die Landwirtschaft und der Tourismus. Mit einem ausgeklügelten Wassermanagement werden in der Region die verschiedenen Interessen von Mensch und Naturschutz unter einen Hut gebracht. Es wird aber nicht endlos Wasser aus den umliegenden Seen abgezweigt, denn auch die Wassertouristen sollen möglichst immer ihre Handbreit Wasser unterm Kiel haben.

„Man muss die Bauern, die Wasserämter und den Landkreis wirklich loben, dass es auch in Dürrejahren gelingt, diesen Rastplatz für Zugvögel herzurichten“, sagt Naturschützer Schneeweiß. „Das ist eine besondere Leistung unserer Gesellschaft für die Natur. Denn es ist weit und breit die einzige größere feuchte Gegend für Vögel.“

Trotzdem waren die Schlafplätze jetzt nur halb so groß wie in Jahren mit normalem Regenmengen. Dass sich weniger Kraniche in Linum einfanden, lag auch daran, dass die Tiere wegen der Dürre weniger Futter fanden und weniger Nachwuchs bekamen. Zudem rasten sie auch nicht so lange in der Region. „Es gab quasi keinen Stau“, sagt Schneeweiß. „Sie ziehen schneller weiter.“
Wie sich die beiden Dürrejahre auf die Gesamtpopulation der Kraniche auswirken, ist noch unklar.