Nicht jeder Fall wird im Testzentrum auch tatsächlich getestet. Es gelten Kriterien wie der Aufenthalt in einem Risikogebiet.
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BerlinEinen Tag war ich mit Halsschmerzen im Büro, dann zog ich mich ins Homeoffice zurück. Halsschmerzen sind ein seltenes Symptom für Covid-19, das entnehme ich der Tabelle, die diese Erkrankung, Grippe und Erkältung vergleicht. Gegen das Grippevirus dieser Saison bin ich geimpft. Auch Kopfschmerzen gehörten eher zu den Erkältungsanzeichen. Wer sich mit dem Coronavirus angesteckt hat, sollte es am Fieberthermometer erkennen.

Respiratorische Symptome

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Hausmittel und Apothekenpastillen versagten, der Halsschmerz blieb. Schluckbeschwerden und ein bisschen trockener Husten gesellen sich hinzu. Am Sonnabend findet eine Freundin am Telefon, dass ich kurzatmig klänge.

In meiner Familie habe ich mir die Rolle erarbeitet, Krankheiten nüchtern ins fiese Auge zu sehen und ruhig zu bleiben. Nun sagt meine Freundin, alle respiratorischen Symptome seien wichtig, was ich erstmal googeln muss. Es geht um anomale Atmung. Ich fange an, die Vorgänge in meiner Brust zu beobachten. Was ist das für ein Druck? Gleichzeitig beobachte ich mich dabei, wie ich meine Coolness verliere.

Ohne Voranmeldung zur Teststelle

Am Sonnabendabend nach 20 Uhr – die Hotline der Senatsverwaltung ist schon geschlossen – beginne ich, die 116 117 anzurufen, höre mir mehrfach den Informationstext über Symptome und Verhaltensweisen an, bleibe, wie für Menschen empfohlen, die Fragen haben, in der Leitung, erhalte jedes Mal ein Besetztzeichen.

Beim x-ten Versuch komme ich endlich zu einer Warteschleifenmelodie. Ihre Dauer lässt mich ahnen, wie viele Menschen zur selben Zeit dieselben Sorgen haben wie ich. Ich putze das Waschbecken und räume auf. Nach einer Stunde und zehn Minuten drücke ich entnervt die Melodie weg. Die 112 traue ich mich nicht zu wählen, die gilt Notfallpatienten, ich habe nur Ahnungen, kein Leiden. Ich versuche es in einer Krankenhaus-Rettungsstelle. Die Mitarbeiterin sagt, man könne auch ohne Voranmeldung zu einer der Teststellen gehen, die um 8 Uhr öffnen.

Schlange vor dem Testzentrum

Am Sonntagmorgen kehrt die Vernunft zurück, ich bedenke die Ermahnung, sich auf jeden Fall telefonisch anzumelden. Sechs Minuten nach 8 ist die Hotline (030) 9028-2828 noch nicht geschaltet, ab 8.10 Uhr ist sie besetzt, besetzt, besetzt.

Klar, die Nachrichtenlage beunruhigt jeden Einzelnen. Schließlich breche ich auf und stelle mich um 10 Uhr in die Schlange vorm Testzentrum am Charité-Campus Virchow-Klinikum. Es ist kalt, aber die Sonne scheint. Die Leute stehen im Virusübersprungsabstand voneinander.

Ein junger Mann mit Mundschutz, Schutzbrille und Gummischürze begrüßt unter einem Runddach nach und nach jeden Menschen einzeln. Einige schickt er weg, anderen gibt er einen Mundschutz und fordert sie auf, ihre Angaben in ein Online-Formular einzutragen und im weißen Zelt auf den Aufruf ihrer Nummer zu warten. In der Schlange gucken die meisten Leute auf ihr Handy, manche sind paarweise da und reden miteinander, eine junge Frau liest Joachim Meyerhoffs Buch „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“. Sie lacht nicht, also fühlt sie sich krank. Und sie wird zum Wartezelt geschickt.

Eigentlich ist es Glück

Ich nicht. Es sind anderthalb Stunden vorbei, der junge Mann hört sich meine Symptome an, ich habe vergessen, dass ich sie etwas dramatischer darstellen wollte. Er fragt: Waren Sie in einem Corona-Risikogebiet? Nein. Hatten Sie Kontakt zu einer positiv auf Corona getesteten Person? Nein. Aber ich bin Journalistin, sage ich, in den vergangenen Tagen habe ich viele Menschen getroffen. Das sei nicht entscheidend, erklärt er, er müsse sich an die Vorgaben des Robert-Koch-Instituts halten. Aber der Husten? Rufen Sie morgen Ihren Hausarzt an und lassen sich krankschreiben.

Also schicke ich eine Whatsapp mit dem grünem Virus-Smiley in die Familiengruppe, koche mir zu Hause Tee, lutsche Halstabletten und beschließe, keine Angst zu haben. So wie es die anderen machen müssen, die auch nicht durchgekommen sind am Telefon. Es ist doch eigentlich ein großes Glück, dass ich noch niemanden persönlich kenne, der infiziert ist.

Die neue App der Charité

Tage später: Die Symptome bleiben im Hals, Husten weckt mich jede Nacht. Da entdecke ich im Newslog meiner Kollegen den Hinweis auf einen Online-Fragebogen der Charité. „Mit der CovApp und dem dahinterstehenden Fragebogen bekommen Berlinerinnen und Berliner bereits zu Hause eine Entscheidungshilfe, ob sie die Untersuchungsstelle aufsuchen sollten und ob ein COVID-19-Test sinnvoll ist“, heißt es in der Pressemitteilung. 

Die Ja-Nein-Fragen sind schnell beantwortet. „Melden Sie sich", steht in fetten Buchstaben über meiner Auswertung. Vorgeschlagen werden die Hotline der Senatsgesundheitsverwaltung und der Ärztliche Bereitschaftsdienst. Sie sind immer noch überlastet. Doch heißt es in der Auswertung noch: „Oder stellen Sie sich direkt in einer der Untersuchungsstellen vor.“

Bei der diensthabenden Mitarbeiterin in der Ersteinschätzung am Wenckebach-Klinikum in Tempelhof müssen sich am Donnerstag offenbar sehr viele Leute auf diese Einladung berufen haben. „Die App sagt gar nichts aus“, wird sie nicht müde zu betonen. Sie wiederholt die Schlüsselfragen: Waren Sie in einem Risikogebiet? Hatten Sie direkten Kontakt zu einer positiv auf das Virus getesteten Person? Es ist nicht ihre Sache, den Menschen ein besseres Gefühl zu geben, an der Pforte zum testenden Arzt kämpft sie für die Labormitarbeiter: „Respektieren Sie das bitte: Es gibt zu viele Nachfragen, die Labors kommen nicht hinterher. Wir müssen uns an die Kriterien halten.“