Ich friere auf einem Münchner Balkon, mein Freund erzählt mir bei einer Zigarette von seinem Alltag als Pflegekraft in dem Vorort-Krankenhaus vor unseren Augen. Er könnte zu den ersten gehören, die von den neu entwickelten Corona-Impfstoffen der Firmen Biontech/Pfizer und Moderna profitieren. 

Er, seine Kolleginnen und Kollegen stehen mit oben auf der Prioritätenliste: Werden sie sich nun baldestmöglich impfen lassen? Mein Freund lacht auf meine Frage. Niemanden auf seiner Station kennt er, der oder die zu den ersten Impflingen gehören will. In einer aktuellen Umfrage gab jeder zweite Pflegende anonym an, sich nicht gegen Sars-CoV-2 impfen lassen zu wollen. Die Impfskepsis ausgerechnet beim medizinischen Personal hat Tradition. Die jährliche Grippeschutzimpfung nehmen zwei von drei Pflegenden nicht wahr, und auch ein erheblicher Anteil von Ärzten verweigert sich beharrlich Impfungen.

Jede dritte Pflegekraft äußert Bedenken hinsichtlich möglicher Langzeitschäden, jede zweite befürchtet mögliche Nebenwirkungen – befeuert von Nachrichten vereinzelter schwerer allergischer Reaktionen auf das Pfizer/Biontech-Vakzin.

Sina erklärt mir ganz offen, warum sie es rundherum ablehnt, einen aus ihrer Sicht kaum erprobten Impfstoff in ihren Körper zu bringen. Ich sehe die Elektrologistin auch in Pandemiezeiten aus medizinischen Gründen regelmäßig. Trotz lokaler Betäubung spüre ich schmerzhafte Stromimpulse auf meiner Gesichtshaut, während mich Sina an den Fall Pandemrix erinnert.

Impfwilligen wurde dieses Mittel in der Grippesaison 2009/2010 injiziert – im Kampf gegen den Erreger H1N1 2009/10, damals von der Weltgesundheitsorganisation WHO als pandemisch eingestuft. Die WHO empfahl ausdrücklich, vorrangig medizinisches Personal zu impfen, um die Funktionsfähigkeit des Gesundheitssystems aufrechterhalten zu können.

Später kam heraus, dass Pandemrix deutlich häufiger als andere Impfstoffe schwere Nebenwirkungen auslöste. Ein Wirkstoffverstärker führte vor allem bei jüngeren Leuten in tausenden Fällen weltweit zu einer Narkolepsie. Die Betroffenen klagten noch Jahre später über schwere Erschöpfungszustände, die sie womöglich bis zum Lebensende begleiten werden. Das Robert-Koch-Institut sah Ende 2009 keine Hinweise auf die schweren Nebenwirkungen, die von der Herstellerfirma intern dokumentiert wurden.

Es gelingt mir wegen meiner schmerzhaften Behandlung nicht einzuwenden, dass die Firmen Biontech, Curevac und AstraZeneca Studien und Daten zu Nebenwirkungen offenlegen, die neuen Impfstoffe an Zehntausenden Probanden getestet wurden, bevor sie in der breiteren Bevölkerung verabreicht werden.

Ob ich mich impfen lassen würde, will Sina von mir wissen. „Sofort“ antworte ich am Ende der Behandlung - und bin mir auch sicher, dass auch Sina ihre Bedenken überwinden wird. Denn wir wollen endlich wieder reisen, und zwar nicht nur in den Harz oder an die Ostsee. Die Flugreise nach Ägypten oder in die USA – sie wird wohl bald ohne Impf- oder Antikörpernachweis nicht mehr erlaubt sein. Sie wird im digitalen „Travel Pass“ vermerkt, darüber haben sich die führenden internationalen Airlines längst verständigt. Nicht mehr dahin reisen zu dürfen, wohin uns unser Fernweh zieht – vor dieser Schreckensvision verblassen sämtliche Bedenken, seien sie auch noch so gut begründet.