Culex pipiens, auch Nördliche Hausmücke genannt, ist in Deutschland eine lange bekannte und häufige Stechmückenart. Sie kann West-Nil-Viren übertragen.
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BerlinBislang sind sie nur lästig. Künftig wird man sich nach dem Stich einer Mücke – ähnlich wie nach der Attacke einer Zecke – jedoch auch Gedanken über gefährliche Krankheitserreger machen müssen. Denn das ursprünglich aus Afrika stammende West-Nil-Virus hat es nun auch nach Deutschland geschafft. Es kann fieberhafte Erkrankungen hervorrufen, schlimmstenfalls eine lebensbedrohliche Entzündung des Gehirns oder der Hirnhaut.

Drei offiziell gemeldete Fälle von West-Nil-Fieber bei Menschen sind es hierzulande bisher. Experten ist jedoch schon jetzt klar, dass weitere folgen werden. „Es gibt noch viel mehr Verdachtsfälle. Insgesamt hatten wir in diesem Jahr mehrere Hundert Einsendungen zur Abklärung“, sagt Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut (BNI) für Tropenmedizin in Hamburg, das als Referenzzentrum für tropische Infektionserreger für die Diagnostik der West-Nil-Fälle zuständig ist.

Weitere Fälle bereits bestätigt

Am BNI seien auch bereits mehr als die bisher bekannten drei Fälle bestätigt worden. „Dass es sich einige Tage oder Wochen hinzieht, bis die Nachricht offiziell ist, liegt an der Meldekette“, erläutert Schmidt-Chanasit. Für gewöhnlich schicken Ärzte, die den Verdacht haben, dass ihr Patient am West-Nil-Fieber leidet, die Blutproben zwar direkt ans BNI nach Hamburg, wo die Diagnostik täglich erfolgt. Bestätigt sich der West-Nil-Verdacht, ist der Weg der Meldung vom örtlich zuständigen Gesundheitsamt an das bundesweit zuständige Robert-Koch-Institut in Berlin.

Wie viel Zeit von der Erkrankung bis zum Bekanntwerden einer Infektion vergeht, zeigt der Berliner Fall, über den das Robert-Koch-Institut in der vergangenen Woche informiert hat. Ende August waren bei einer Frau im Alter zwischen 40 und 50 Jahren grippeähnliche Symptome und ein leichter Hautausschlag aufgetreten. Da sie beruflich Kontakt mit toten Vögeln hat, kann es sein, dass die Ansteckung auf diesem Weg erfolgte. Eher aber wird die Übertragung des Virus durch eine Stechmücke angenommen.

Die Infektion erfolgte offenbar lokal, denn die Betroffene hielt sich die gesamte Inkubationszeit über in Berlin auf. Damit ist der Fall, der ursprünglich vom Gesundheitsamt Lichtenberg gemeldet wurde, deutschlandweit der zweite, bei dem die Infektion hierzulande erfolgte, also nicht eingeschleppt war. Autochthon wird diese Art der Erkrankung genannt.

Fieber, Hautausschlag und Muskelschmerzen

Im Kreis Wittenberg in Sachsen-Anhalt gab es einen weiteren derartigen Fall. Die erste autochthone Infektion in Deutschland war Anfang Oktober bekannt geworden. Ein 70-jähriger Mann aus der Umgebung von Leipzig war Mitte August erkrankt und hatte eine Meningoenzephalitis entwickelt, also eine Hirnhautentzündung. Er wurde in einem Leipziger Klinikum behandelt und ist mittlerweile genesen.

Selbstverständlich ist ein solch glimpflicher Ausgang jedoch nicht. Zwar erkranken von 100 Menschen, die sich mit dem Virus infizieren, nur etwa 20 – zumeist mit leichten und unspezifischen Symptomen wie Fieber, Hautausschlag und Muskelschmerzen. Eine von 100 Infektionen kann jedoch eine Hirn- oder Hirnhautentzündung auslösen. „Und dann ist die Krankheit lebensbedrohlich“, sagt Schmidt-Chanasit. Einen Impfstoff gegen West-Nil-Viren gebe es bislang nicht.

Berlin ist ein Hotspot

Nach Angaben des European Centre for Disease Prevention and Control sind 2018 europaweit 181 vor allem ältere Menschen am West-Nil-Virus gestorben. Insgesamt lagen in Europa im vergangenen Jahr 2083 Meldungen von West-Nil-Infektionen vor. Die für den Seuchenschutz zuständige Behörde registrierte zudem eine deutliche Zunahme der Fälle im Vergleich zu den Vorjahren – vor allem in Bulgarien, Frankreich und Italien hat sich die Zahl stark erhöht.

Nun ist klar, dass sich wohl auch hierzulande die Fälle häufen werden. Denn wenn sich der Erreger, der Vögel als Wirt hat und durch Stechmücken auf den Menschen übertragen wird, einmal in der Natur etabliert hat, verbreitet er sich auch. Dass man vor allem in Berlin sowie in Sachsen und Sachsen-Anhalt künftig mit der West-Nil-Fieber-Gefahr leben muss, zeigt ein Überblick der bislang nachgewiesenen Fälle in der hiesigen Tierwelt, wo das Virus im vergangenen Jahr erstmals entdeckt wurde.

Infektionen mit West-Nil-Viren bei Tieren, 2019
Quelle: BLZ/Hecher; Quelle: FLI

Mittlerweile verzeichnet das zuständige Friedrich-Loeffler-Institut 53 Meldungen einer West-Nil-Infektion bei Vögeln und 27 bei Pferden. Bei Vögeln wird auf Infektionen geachtet, weil sie das Hauptreservoir darstellen. Sperlings- und Rabenarten sowie Greifvögel und Eulen können stark erkranken oder sogar sterben. Bei den meisten Vogelarten treten jedoch keine Symptome auf. Dass auch Infektionen bei Pferden unter besonderer Beobachtung stehen, hat damit zu tun, dass sie in der Infektionskette eine ähnliche Position wie Menschen haben: Sie können massiv erkranken, spielen jedoch keine Rolle als Ansteckungsquelle.

„Andere Säugetiere, darunter auch Hunde und Katzen, können sich zwar auch infizieren. Zumeist entwickeln sie jedoch keine Krankheitssymptome und spielen auch keine Rolle als sogenannte Amplifikations-Wirte, in denen sich die Viren vermehren könnten“, erläutert Schmidt-Chanasit.

Dass vor allem der Osten Deutschlands bislang ein Hotspot für West-Nil-Viren ist, erklärt der Experte vor allem mit dem Hitzesommer 2018, in dem sich die Erreger gut ausbreiten konnten. Denn bei Wärme vermehren sich die Viren schneller. Der Klimawandel begünstigt also die Ausbreitung.

Virus kam aus dem Süden und Südosten Europas

Auf welchen Wegen es das West-Nil-Virus nach Deutschland geschafft hat, ist bisher nicht geklärt. „Generell hat es in den letzten Jahren eine Ausbreitung des West-Nil-Virus aus Richtung Süden und Südosten gegeben. Unsere Wissenschaftler waren bis 2018 eher erstaunt, dass es noch nicht in Deutschland angekommen war“, sagt Elke Reinking, Sprecherin am Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems bei Greifswald. Betroffen seien bisher vor allem Regionen, in denen es bereits im vergangenen Jahr Infektionen bei Vögeln und Pferden gegeben hat.

„Dies spricht für eine Überwinterung des Virus in einheimischen Stechmücken. Durch die für das Virus günstigen, langanhaltenden warmen Temperaturen konnte es sich in diesem Jahr dann wahrscheinlich gut im Mücke-Vogel-Kreislauf etablieren“, erläutert Reinking. Die Virusvermehrung in der Mücke sei temperaturabhängig und gehe bei unter 16 Grad Celsius deutlich zurück.

Hausmücken sind Überträger

Das bedeutet, dass die Gefahr für dieses Jahr also allmählich gebannt ist. Doch der nächste (Hitze-)Sommer kommt bestimmt. Daher sollte man sich auf besseren individuellen Schutz vor Mücken einstellen – von Repellents über entsprechende Kleidung bis hin zu Schutzgittern an den Fenstern, rät Schmidt-Chanasit. Auch offene Regentonnen und andere Ansammlungen stehenden Wassers, in denen sich die Stechmücken vermehren können, seien zu vermeiden. In einzelnen Gebieten befürwortet er auch eine professionelle Bekämpfung mit ökologisch vertretbaren Mitteln, wie es entlang des Rheins bereits praktiziert wird.

Nächste Gefahr: die Tigermücke

Die Stechmücken, um die es dabei geht, sind gewöhnliche Hausmücken aus der Gattung Culex. Experten haben im Zuge der globalen Erwärmung aber auch neue Arten im Blick. Die Asiatische Tigermücke etwa droht sich weiter in Deutschland auszubreiten. Sie kann Zika-Viren übertragen, außerdem Erreger von Dengue- und Chikungunya-Fieber. „Bislang ist sie fast nur in Süddeutschland aufgetreten“, sagt Schmidt-Chanasit. Sollte sie sich stärker etablieren, wird es mit den Zeiten, in denen man Mückenstiche lediglich als lästig empfand, endgültig vorbei sein.