Genf - Fast 60 Prozent der Hörstörungen bei Kindern könnten nach einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verhindert werden. Nötig sei eine verlässliche ärztliche Versorgung schon bei Neugeborenen und in der Kindheit, aber in vielen Ländern fehle es an Fachpersonal, berichtet die WHO zum Welttag des Hörens am 3. März. Weltweit leben demnach rund 1,6 Milliarden Menschen mit Hörverlust. „Wir wissen, wie wir das verhindern könnten – oder zumindest viel davon“, sagte die WHO-Expertin Shelly Chadha.

In Deutschland leben zehn Millionen Menschen nach eigenen Angaben mit einer Schwerhörigkeit, wie der Bundesverband der Hörsysteme-Industrie (BVHI) mitteilte. Fast sechs Millionen davon seien deutlich beeinträchtigt. Nur ein Drittel der Betroffenen unternehme etwas dagegen. Der Verband vertritt Hersteller, die medizinische Hörlösungen – also Hörgeräte und Ähnliches – produzieren.

Schwerhörigkeit im mittleren Lebensalter gelte als ein Risikofaktor für eine spätere Demenzerkrankung, so der Verband. „Um die Versorgungsquote insbesondere älterer Menschen zu erhöhen, sollten Hörtests spätestens ab dem 50. Lebensjahr in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen werden“, forderte der Vorstandsvorsitzende Stefan Zimmer.

Wer zu laute Musik hört, riskiert Schäden

Nach Angaben der WHO können Impfungen gegen Röteln und Meningitis sowie die Früherkennung und Behandlung akuter Mittelohrentzündungen viele Kinder vor Hörschäden bewahren. Bei Erwachsenen seien Lärmschutz und gute Ohrhygiene wichtig, um der Gefahr von Hörverlust vorzubeugen. Rund 1,1 Milliarden junge Menschen riskieren Schäden, weil sie zu oft zu laut Musik hören, so die WHO.

Wenn die ärztliche Versorgung nicht verbessert wird, könnten bis 2050 fast 2,5 Milliarden Menschen – jeder vierte Erdenbürger – mit einer Höreinschränkung leben, schätzt die WHO wegen der wachsenden Weltbevölkerung und der steigenden Lebenserwartung. Die Früherkennung müsse deutlich verbessert werden. „Medizinische Behandlungen und Operationen können die meisten Ohrkrankheiten beheben und potenziell auch Hörverlust wieder wettmachen“, schreibt die WHO.

Derzeit hätten nur 17 Prozent der Schwerhörigen weltweit, die Hörgeräte bräuchten, solche Hilfsmittel. „Es gibt einen riesigen Mangel, weil Hörakustik vielerorts keine Priorität hat“, sagte Chadha. In den meisten Entwicklungsländern mangele es zudem an Hals-Nasen-Ohren-Ärzten, Sprachtherapeuten und Lehrern für Gehörlose, so die WHO. Von den Ländern mit niedrigen Einkommen hätten gut drei Viertel nur einen einzigen HNO-Arzt pro Million Einwohner. In einem Land mit der Einwohnerzahl Deutschlands bedeutet das, dass es dort nur etwa 83 solche Spezialistinnen und Spezialisten gibt.