Irgendwann werden Ärzte auch in Deutschland entscheiden müssen, wer noch behandelt wird.
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BerlinVerzweifelte Ärzte in Italien, die nicht mehr wissen, wie sie die intensivmedizinischen Fälle behandeln sollen, weil Beatmungsplätze fehlen. 75-jährige Patienten im Elsass, die im Falle einer Covid-19-Erkrankung nicht mehr beatmet werden, weil ihre Überlebenschancen geringer sind, als die von jüngeren. Fast täglich tauchen Nachrichten wie diese auf und mit ihnen die bange Frage: Werden im Zuge der Corona-Krise irgendwann auch in Deutschland Ärzte vor der Wahl stehen, wen sie sterben lassen müssen?

Dass die Lage hierzulande noch vergleichsweise entspannt ist, liegt vor allem daran, dass die große Krankheitswelle und damit eine Häufung von Fällen, die intensivmedizinisch betreut werden müssen, Deutschland noch nicht erreicht hat. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sprach am Donnerstag von einer „Ruhe vor dem Sturm“: „Keiner kann genau sagen, was in den nächsten Wochen kommt.“

Handlungsempfehlungen für den Ernstfall

Sieben Fachgesellschaften aus Intensivmedizin, Medizinethik und Recht haben deshalb Handlungsempfehlungen veröffentlicht, die Ärzten im Ernstfall als Leitfaden dienen sollen. „Sollten wir in die Situation kommen, zwischen Patienten entscheiden zu müssen, dann wollen wir gewappnet sein“, sagte Uwe Janssen, Präsident der Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), bei der Vorstellung des 13-seitigen Papiers.

Es sei „wahrscheinlich, dass auch in Deutschland in kurzer Zeit nicht mehr ausreichend intensivmedizinische Ressourcen für alle Patienten zur Verfügung stehen, die ihrer bedürften“, schreiben die Autoren in den Handlungsempfehlungen. Dann müsse unausweichlich entschieden werden, welche Patienten intensivmedizinisch behandelt werden könnten – und welche nicht.

Vorsortierung nach Überlebenschance

Nun gehört es auch sonst zum Arztberuf, zu entscheiden, wer in welcher Reihenfolge versorgt wird. Gerade für Notfallmediziner ist es ein bekanntes Szenario: Während der Patient mit gebrochenem Arm im Zweifel warten muss, gilt es, den mit Schlaganfall sofort zu behandeln.

Wenn nicht mehr alle kritisch erkrankten Patienten auf die Intensivstation aufgenommen werden können, muss analog der Triage über die Verteilung der begrenzt verfügbaren Ressourcen entschieden werden.

Aus den Handlungsempfehlungen für Ärzte

Besonders extreme Fälle kennt man aus der Katastrophenmedizin. Bei einem Massenunfall erfolgt eine Vorsortierung der Opfer, nach dem Prinzip der Triage: Die Verletzten werden je nach Überlebenschance in Kategorien eingeteilt. Im Zweifel bedeutet das, dass ein Notfallmediziner auf die Reanimation eines Menschen verzichten muss, wenn gleichzeitig andere Opfer dringend versorgt werden müssen.

Wenn nicht mehr jeder behandelt werden kann

In der Intensivmedizin hingegen dient als Entscheidungsgrundlage normalerweise das, was Mediziner „individuelle, patientenzentrierte“ Betrachtungsweise nennen: Im Grunde wird jeder Patient mit entsprechendem Behandlungsbedarf auf der Intensivstation aufgenommen – es sei denn, der Sterbeprozess hat bereits begonnen oder das Überleben wäre dauerhaft an den Aufenthalt auf der Station gebunden. Oder der Betroffene lehnt die intensivmedizinische Behandlung in einer Patientenverfügung grundsätzlich ab.

Angesichts des sich ausbreitenden Coronavirus, so glauben die Autoren der Handlungsempfehlungen, könnte sich das in absehbarer Zeit ändern. „Wenn nicht mehr alle kritisch erkrankten Patienten auf die Intensivstation aufgenommen werden können, muss analog der Triage über die Verteilung der begrenzt verfügbaren Ressourcen entschieden werden“, schreiben sie. In diesem Fall gelte das „Kriterium der klinischen Erfolgsaussicht“.

Alter soll keine Rolle spielen

Es gehe dabei aber nicht darum, die erfolgversprechenden Fälle vorzuziehen, sondern vielmehr um „den Verzicht auf Behandlung derer, bei denen keine oder nur eine sehr geringe Erfolgsaussicht besteht“.

Das Alter eines Patienten soll dabei nicht den Ausschlag geben, genauso wenig wie soziale Kriterien. Es gelte der Gleichheitsgrundsatz, betont die DIVI. Eine Altersgrenze für den Zugang zu intensivmedizinischer Behandlung wäre überdies – darauf weisen die Autoren  ausdrücklich hin – auch verfassungsrechtlich problematisch: Laut Grundgesetz ist jedes Leben gleich schützenswert.

Am Ende geht es darum, einen Menschen zum Sterben auf die Palliativstation zu verlegen. Das ist das Schlimmste, was man sich als Ärztin vorstellen kann.

Eine Pneumologin und Notfallmedizinerin

Grundsätzlich erfordere die Priorisierung „transparente, medizinisch und ethisch gut begründete Kriterien“, schreibt die DIVI. Soweit die Theorie.

Die Angst der Ärzte

„Am Ende ist es egal, wie viele Ethikkommissionen getagt haben“, sagte eine Pneumologin und Notfallmedizinerin aus Düsseldorf, die anonym bleiben möchte, der Berliner Zeitung. „Am Ende geht es darum, einen Menschen zum Sterben auf die Palliativstation zu verlegen. Das ist das Schlimmste, was man sich als Ärztin vorstellen kann. Wir sind ja da, um zu helfen.“

Auch für Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrates, ist das Dilemma mit den Empfehlungen nicht ausgeräumt. „Was passiert, wenn etwa ein Kranker auf der Intensivstation liegt, der beatmet wird, und dann kommt die jüngere Person, die vielleicht drei Kinder hat“ fragte er im Deutschlandfunk. „Soll man bei dem Älteren, bei dem man vielleicht noch denkt, er hat zwei Wochen, den Tubus rausziehen?“

Wann es doch ums Alter geht

Das, sagt die Düsseldorfer Lungenärztin, würde so wohl nicht passieren. Aber natürlich komme irgendwann der Punkt, an dem das Alter bei der Kategorisierung eines Patienten doch eine Rolle spielen könnte. „Angenommen, es kommen zwei kritische Fälle gleichzeitig, ein Patient ist 80 Jahre alt und der andere 20, und wir haben nur einen Beatmungsplatz – dann muss ich entscheiden: Wer hat die besseren Chancen?“

Grundsätzlich richte man sich auch danach,  wessen Lebensqualität potenziell höher sei. Aber es gebe eben auch schwerkranke Menschen mit hoher Lebensqualität. „Am Ende können wir nur hoffen und beten, dass es nicht so weit kommt.“