Den nahenden Tod spürt Gustav von Aschenbach (Dirk Bogarde) in der Visconti-Verfilmung von „Der Tod in Venedig“.
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ChietiDie Corona-Krise sei „die schlimmste Krise, die Italien seit dem Zweiten Weltkrieg gesehen hat“, sagte Emanuele Felice, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Chiete-Pescara, dem Magazin EU-Observer. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Verbreitung des neuartigen Coronavirus offiziell zu einer Pandemie erklärt, also zu einer Seuche, die sich unkontrolliert über mehrere Kontinente verbreitet.

Italienische Ärzte, die im Minutentakt Patienten in der Intensivstation behandeln müssen, sprechen von „Krieg“. Auch US-Virologen wählen bewusst martialische Worte und sprechen von der Notwendigkeit der „Mobilmachung“ der Bevölkerung gegen das Virus. Doch im Fall einer globalen Seuche besteht die Mobilmachung nicht darin, dass die Leute auf die Straße laufen, im Gegenteil: Es gilt, was Wilmer Krusen, Direktor der öffentlichen Gesundheit, Philadelphia/Pennsylvanien 1918 sagte: „Wenn man gegen die Hunnen kämpft, ist es besser weiterzukämpfen. Wenn man gegen die Influenza kämpft, ist es besser, sofort zu kapitulieren, ins Bett zu gehen, den Arzt rufen zu lassen, und dort zu bleiben, bis man genesen ist.“

Weltgeschichte wird eine neue sein

Aus China kommen erste Anzeichen der beginnenden Genesung, wenngleich alle Zahlen mit Vorsicht zu genießen sind. In Europa spitzt sich die Lage jedenfalls weiter zu. Auch hier wird die Seuche wieder verschwinden – wenngleich niemand genau sagen kann, wann dies der Fall sein wird. Und wenn die akute Gefahr vorbei ist, dann wird die Weltgeschichte eine andere, eine neue sein.

Es wäre zwar denkbar, dass die Globalisierung direkt in eine neue, glorreiche Phase tritt, weil alle Nationen und Regierungen so gut koordiniert vorgegangen sind und sich gegenseitig geholfen haben. Wahrscheinlicher jedoch ist es, dass die Globalisierung empfindliche Rückschläge durch die neuen, schrecklichen Erfahrungen mit Corona hinnehmen muss. Solch ein Szenario gab es schon einmal.

Muster der Spanischen Grippe

Philadelphia vor rund 100 Jahren: Die Amerikaner standen kurz vor dem Sieg in Europa. Dieser Sieg sollte ihnen ein Jahrhundert als Weltmacht garantieren. Im Spätsommer hofften die Menschen in Philadelphia, wie anderswo, auf ein baldiges Kriegsende und die Rückkehr der Soldaten. Sie suchten nach Zerstreuung im populären Theater, dem Vaudeville, auf Rummelplätzen, beim Karneval.

Sie dachten keineswegs daran, dass in Spanien die Spanische Grippe wütet, und dass in Boston bereits der erste Fall verzeichnet wurde. Was sollte diese ferne Krankheit mit ihnen in Pennsylvania zu tun haben? Die Ereignisse des September 1918 in Philadelphia bilden bis heute ein Muster für alle Virologen und Epidemiologen der Welt, wie man sich in einer Epidemie nicht verhalten sollte.

Rechtzeitige Vorkehrungen

Der Chef der Gesundheitsbehörde, Wilmer Krusen, grübelte schon im September über die Gefahren der Spanischen Grippe, die bereits in Boston grassierte. Dennoch lässt er sich wider besseres Wissen von anderen Stadtpolitikern überreden, eine Parade für Kriegsanleihen am 28. September zu gestatten. Denn man hoffte, so das nötige Geld für den bevorstehenden großen Sieg zusammenzubekommen. Man erwartete 10.000 Menschen. Ein Schild zur Präsentation der Liberty Bonds („Freiheits-Kriegsanleihen“) wurde angefertigt, zwei Stockwerke hoch und 60 Meter lang. Doch es kommen 200.000 Menschen, um ihre Unterstützung zu zeigen.

An diesem Tag steht auf Seite acht in der größten Zeitung der Stadt, dass ein Polizist namens Thomas H. gerade gestorben sei und dass 38 neue Fälle registriert worden seien. Noch herrschte Ruhe vor dem Infektionssturm, den die riesige Kundgebung auslöste. In den folgenden Wochen häuften sich die Fälle so sehr, dass die Behörden nicht mehr entsprechend reagieren konnten. 13.000 Menschen starben, die Toten konnten nicht alle begraben werden. Nur für einen Teil konnten noch Totenscheine ausgestellt werden.

USA verloren 700.000 Menschen

Das Unheil nahm seinen Lauf, weil die politische Führung nicht in der Lage war, rechtzeitig neue Prioritäten zu setzen. Sie hätte die rauschhaften Siegesvorbereitungen absagen und alle Vorkehrungen treffen müssen, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen. Heute wissen wir, dass auf ähnliche Weise in Wuhan in China Politiker das jährliche Neujahrsbankett für 40.000 Menschen veranstalteten, statt wegen des Coronavirus Alarm zu schlagen. Und in Nordrhein-Westfalen hätte bei man wegen der vielen Fälle in Italien besser den Karneval ausgesetzt.

Immerhin, ab November 1918 waren weder Deutschland noch Britannien die neue Weltmacht, sondern tatsächlich die Amerikaner, obwohl sie in dieser Grippewelle 700.000 Menschen verloren hatten.

Viele Menschen ohne Krankenversicherung

Jetzt, im Jahr 2020, dagegen erwartet niemand, dass in Amerika annähernd so viele Menschen sterben werden, und dennoch stehen die Zeichen in Sachen Weltmacht negativer. Die US-Regierung von Präsident Donald Trump hat das Thema lang kleingeredet und erst am Mittwoch einen Einreisestopp für Reisende aus Europa verhängt. Erst als die Börse und die Bürgerschaft erste Panikreaktionen zeigten, entfaltete das Weiße Haus erste Aktivitäten.

Es ist zu befürchten, dass in diesem großen Land mit seinen in puncto Gesundheitsversicherung so unterschiedlich versorgten Menschen eine Corona-Epidemie sehr gefährlich werden könnte. Auch Philadelphia war eine Boomtown mit viel Industrie für die Kriegsmarine. In der Stadt lebten afroamerikanische Einwanderer aus dem Süden der USA in Elendsvierteln sowie Migranten aus Osteuropa. Heute gibt es etliche Stadtviertel, wie etwa East Oakland in Kalifornien, wo die Arbeitslosigkeit hoch ist. Viele Menschen haben keine Krankenversicherung. Es gibt überdurchschnittlich viele Lungenkrankheiten, wie zum Beispiel Asthma.

Thomas Manns „Tod in Venedig“

Für Deutschland ist die Pandemie eine neue, sehr ungewöhnliche Erfahrung. Die Todesfälle werden jene übertreffen, die in Deutschland normalerweise eine Grippewelle fordert. Seuchen wähnten die Deutschen bisher auf anderen Kontinenten, jedenfalls weit weg.

Kürzlich hat Ebola in Liberia gewütet, Aids in San Francisco, Sars gab es auch schon mal in Asien. Aber dieses Coronavirus bringt Tod nicht nur in Monrovia oder in US-amerikanischen sozialen Brennpunkten. Über Nacht ist Europa wieder ein Infektionszentrum.

Das neue Coronavirus ist gewissermaßen auch eine Neuauflage vom „Tod in Venedig“. Die Novelle „Der Tod in Venedig“ schrieb Thomas Mann im Jahr 1911, kurz vor dem Ersten Weltkrieg. In diesem Werk über den Tod des Schriftstellers Gustav von Aschenbach ist viel Prophetisches. Ein alter Schriftsteller im Venedig zur Zeit einer Cholera-Epidemie verkörpert das Lebensgefühl in Erwartung des nahenden Todes im alten, bürgerlichen Europa.

Thomas Manns Sorge um die ihm bekannte Zivilisation war begründet. Im Mai 1911 reiste er nach Venedig. Den Roman schrieb er ab Juli. Am 1. Juli dockt das wilhelminische Schiff „Panther“ in dem marokkanischen Hafen Agadir an und verursacht die zweite Marokkokrise.

In Venedig trotz Seuchengefahr

In ganz Europa, von Trafalgar Square bis Treptower Park, wird gegen das Säbelrasseln protestiert. Im Treptower Park erscheinen 200.000 Menschen, um gegen die Kriegsdrohungen zu demonstrieren. Man wusste, was Wilhelm II. im Schilde führte. Deswegen kommt die Kriegsgefahr schon im zweiten Satz von „Tod in Venedig.“ Doch ist der Roman auch eine sehr private Geschichte. Die Hauptfigur Aschenbach, der zeitlebens nur für den Ruhm gelebt hat, ist an seinen Schreibtisch gekettet. Vielleicht, weil er den nahenden Tod spürt, lässt der berühmte Schriftsteller die straffen Zügel seines eigenen Lebens schleifen, auch weil er in seiner Heimatstadt München eine Unrast spürt.

Er hat Reiselust, obwohl auch in München gemeldet wird, dass in Indien eine Cholera-Welle aufsteigt. In Venedig sieht Aschenbach den jungen polnischen Adligen Tadzio. Am Ende kann Aschenbach sich vom Anblick Tadzios nicht losreißen. Er bleibt in der Stadt, obwohl die Seuchengefahr immer gravierender wird. Informationen über das Risiko sich zu infizieren, erhält er spät von einem englischen Reiseleiter. Trotzdem bleibt er.

Er kauft sogar reife, ja überreife, Erdbeeren auf dem Lido, er isst diese Erdbeeren, vermutlich ungewaschen, einfach so auf der Straße. Bald vernimmt die Welt die Nachricht von seinem Tod. Deutschland ist zwar schon lange nicht mehr wilhelminisch. Doch es ist exponiert, ein Musterkind des Nachkriegssystems. Ein europäisches Musterkind, das eine friedliche Welt wünscht und gleichzeitig Exportweltmeister bleiben will. Nicht wilhelminisch.

Erste Tote in Deutschland

Vom Coronavirus wird Deutschland diesmal hauptsächlich von der südlichen Flanke her infiziert, die Infektion aus China dagegen wurde scheinbar in Bayern abgefangen. Doch die Infektion aus Italien, der Tod aus Venedig, ist diffuser. In dieser Woche registrierte Deutschland die ersten Toten. Von dem allerersten Opfer Thomas F. weiß man eigentlich gar nicht, wo er sich angesteckt hat. In Hamburg, wo er als Feuerwehrmann gearbeitet hat? In Ägypten, wo er am Sonntag gestorben ist? Oder irgendwo unterwegs auf der Hinreise? Man weiß es nicht, und wird es wahrscheinlich nie wissen.

Viele sehnen sich nach einer Reise nach Ägypten. Sie wollen die Weltwunder am Nil sehen. Doch um nach Ägypten zu reisen, muss man auch als moderner Tourist eine gehörige Portion Risikobereitschaft aufbringen. Kairo ist gefährlicher als Venedig. In den vergangenen Jahren lauerten IS-Terroristen. Es gab gefährliche Keime in dem armen Land, wie Pest und Cholera.

Er will die Welt sehen

Doch Thomas F. kommt selber aus einer Risikobranche. Er ist 59 Jahre alt und in diesem Jahr meldet er bei seiner Arbeitsstelle an der Hauptwache am Berliner Tor, dass er sich nicht zur üblichen Zeit pensionieren lassen will, sondern weiterarbeiten will. Am 21. Februar begibt er sich mit seiner Frau auf den langen Weg nach Kairo. Dort machen beide eine Nil-Kreuzfahrt. Die Frau fährt nach Hause, aber Thomas F. bleibt ein wenig länger.

Er fährt vor einer Woche nach Luxor zum Karnak-Tempel und ins Tal der Könige. Er will die Welt sehen. Am Freitag fährt Thomas F. nach Hurghada, einem Badeort am Roten Meer. Er fühlt sich unwohl und fiebrig, sodass er sich ins Krankenhaus begibt. Am Sonntag ist er tot.

Für den Krisenfall schonen

Für Wissenschaftler und Chronisten ist Thomas F. der erste deutsche Tote in dieser Epidemie. Gleichzeitig ist sein Tod der erste registrierte Tod im Zusammenhang mit Corona auf dem afrikanischen Kontinent. Die Feuerwehren hadern besonders mit der Corona-Krise. An vielen Orten werden Übungen wegen des Coronavirus abgehalten. Eine ganze Einheit in NRW steht unter Quarantäne. In Oberösterreich wird eine Übung in Südtirol abgesagt.

Ein Feuerwehrsprecher dementiert, dass die Feuerwehrmänner wegen Corona „ängstlich“ seien. Sie wollten für die Übung nichts riskieren, sondern sich für den Krisenfall schonen. Doch welcher Krisenfall ist gemeint? Die Kollegen von Thomas F. wollen gegen das Coronavirus kämpfen. Sie sind unsicher, wie sie das genau anstellen wollen. Die Krise hat Europa erreicht. Sie findet den alten Kontinent wehrlos. Sie findet ihn hilflos.