Röhrchen für einen Test auf das Virus SARS-CoV-2.
Foto: dpa/Sebastian Gollnow

BerlinDer Bedarf ist groß, die Verunsicherung auch. „Wie stehen am Anfang der Epidemie“, sagte der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, am Mittwoch. Täglich melden sich bei Gesundheitsämtern, Hausarztpraxen und Notfallambulanzen so viele Menschen, die wissen wollen, ob und wo sie sich auf das Coronavirus testen lassen können, dass die Telefon-Hotlines praktisch dauerbesetzt sind. Doch nicht jeder, der Symptome zeigt, wird in Deutschland automatisch getestet.

Eine ganz genaue Zahl, wie viele Covid-19-Tests in Deutschland derzeit durchgeführt werden, gibt es nicht. Das liegt daran, dass Ärzte, Krankenhäuser und Labore in Deutschland zwar positiv getestete Fälle an die Gesundheitsbehörden melden müssen, die dann das Robert-Koch-Institut informieren, das wiederum die Fallzahlen veröffentlicht. Es besteht aber keine Meldepflicht für alle durchgeführten Tests.

Symptome allein reichen nicht

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagte in einer Pressekonferenz am Donnerstag, in der vergangenen Woche seien in Deutschland "zwischen 300.000 und 500.000 Tests" durchgeführt worden. Zum Vergleich: In Südkorea werden durchschnittlich etwa 12.000 Menschen täglich getestet, also 84.000 pro Woche.

„Im internationalen Vergleich stehen wir sehr gut da“, sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Sabine Dittmar, der Berliner Zeitung. Dennoch steige der Bedarf. Erst an diesem Mittwoch hätten Bund und Länder daher beschlossen, die Testkapazitäten durch den Einbezug weiterer Labore und Test-Automaten nochmals deutlich zu erhöhen.

Robert-Koch-Institut passt Empfehlungen an

Bisher empfahl das RKI entsprechende Tests nur, wenn ein Patient nicht nur typische Symptome wie Fieber und Husten hatte, sondern zusätzlich innerhalb der letzten 14 Tage Kontakt zu einem bestätigten Covid-19-Fall hatte oder sich in einem besonders von dem Virus betroffenen Gebiet aufhielt. Letzteres Kriterium gilt nun nicht mehr. Angesichts der Ausbreitung des Erregers mache es „irgendwann keinen Sinn mehr, nach einzelnen Gebieten zu unterscheiden“, sagte Wieler. Auch Ärzte und Pflegekräfte sollen verstärkt getestet werden, sofern sie Symptome zeigen.

Kritiker bemängeln schon länger, dass in Deutschland nicht jeder Mensch, der Covid-19-ähnliche Symptome zeigt, auch auf das Virus getestet wird. Das liegt vor allem daran, dass die Kapazitäten noch begrenzt sind – dementsprechend plädierte auch das RKI für einen gezielten Einsatz der Testressourcen. Neben dem Material und der Testumgebung – also etwa einem Labor – braucht man für die Probenanalyse auch das entsprechende medizinische Personal. All das steht nicht unbegrenzt zur Verfügung.

Abstrich durchs Autofenster

Der Bundesvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, sagte am Mittwoch, deutschlandweit gebe es 86 Labore, die den Coronatest, offiziell Sars-CoV-2 PCR-Test, durchführen. In einigen Bundesländern wurden auch bereits sogenannte Drive-in-Testzentren eingerichtet, bei denen die Probe durch das geöffnete Autofenster entnommen wird.

Laut Gassen würden aber an mancher Stelle inzwischen die Reagenzien knapp, also die chemischen Stoffe, mit denen die Tests durchgeführt werden. Es gebe eine begrenzte Anzahl von Unternehmen, die die benötigten Reagenzien herstellten. "Und wir sind ja nicht das einzige Land, das auf das Virus testet", sagte Gassen.

4100 Ergebnisse in 24 Stunden

Das Schweizer Pharma-Unternehmen Roche hat einen automatisierten Coronavirus-Test entwickelt, der Mitte März von der US-amerikanischen Lebens- und Arzneimittelbehörde FDA die Genehmigung für eine Notfallverwendung erhalten hat. Er wird bereits in mehreren Ländern, darunter auch Deutschland, angewendet. Durchgeführt wird der Test in speziellen Analysesystemen, sogenannten Hochdurchsatzplattformen, die vollautomatisch funktionieren. Je nach System können so nach Unternehmensangaben 1.400 bis 4.100 Ergebnisse in 24 Stunden vorliegen. „Die entsprechenden Systeme von Roche stehen auch schon in mehreren Laboren in Deutschland“, sagte eine Sprecherin von Roche der Berliner Zeitung.

Nachfrage übersteigt das Angebot

Es seien keine speziell für das Coronavirus konzipierten Anlagen, normalerweise würden damit andere Tests durchgeführt, etwa die auf HP- oder HI-Viren. Grundsätzlich sei es auch möglich, die Testkapazitäten deutlich auszubauen, geeignete Standorte gebe es ausreichend, sagte die Sprecherin. Roche und andere Pharma-Firmen kommen derzeit mit der Test-Produktion allerdings kaum hinterher. „Die weltweite Nachfrage übersteigt das Angebot im Augenblick bei Weitem.“ Auch deshalb unterstützt das Unternehmen die Einschätzung des Robert-Koch-Instituts demzufolge nur Risikopatienten und solche mit Krankheitssymptomen getestet werden sollten.

Testbedarf aktuell gedeckt

Die Bevölkerung im großen Ziel zu testen, ist nach Ansicht von Gesundheitsexperten ohnehin wenig sinnvoll. „Wenn man gesund ist, sich aber noch in der Inkubationszeit – die kann bis zu 14 Tage dauern kann – befindet, sagt ein negativer Test auf Covid-19 nichts darüber aus, ob man nicht doch noch krank werden kann“, teilte das Robert-Koch-Institut mit. Damit würden die Laborkapazitäten nur unnötig belastet.

Zurzeit gilt die Ausgangslage für die Versorgung mit Corona-Testkits noch als gut. Der aktuelle Bedarf könne gedeckt werden, hieß es aus dem Bundesgesundheitsministerium. Die Bundesregierung geht davon aus, dass das auch zukünftig gilt – vorausgesetzt, die aktuelle Gefährdungslage erhöht sich nicht dramatisch.