Aldert van Weeren in seiner Rohrkolbenwiese im Anklamer Stadtbruch.
Foto: Markus Wächter

Anklam/Neukalen/SchwedtDie Sonne strahlt, aber der Wind ist eiskalt, der über das Land und hin zum Stettiner Haff weht. Es ist kein Tag, um irgendwo länger stehenzubleiben als unbedingt nötig. Trotzdem hat sich ein Grüppchen von gut einem Dutzend Leuten am Eingang des Dörfchens Anklamer Fähre versammelt, am äußersten Rand des Anklamer Stadtbruchs, wo nur ein schmaler Streifen Wasser das Festland von Usedom mit seinen sanften Hügeln und weiten Stränden trennt. Aber wegen der Landschaft ist keiner gekommen. Die Gruppe steht um zwei klobige Maschinen herum, die gerade ein Tieflader angeliefert hat. Ihre riesigen Gummireifen sehen aus wie Walzen. Der Aufbau besteht aus einem einfachen Stahlgestell, vornedrauf ein spartanischer Schemel, vornedran ein furchteinflößendes Mähwerk.  

Da stehen sie nun am Rand der Kopfsteinpflasterstraße, und viel mehr passiert auch lange Zeit nicht. Einige der Männer schrauben an den Maschinen rum, brummeln sich Sachen zu. Irgendwas stimmt nicht mit der Hydraulik. Die Zuschauer treten von einem Bein aufs andere, hoffen, dass bald die Motoren anspringen, die Mähwerke sich zu drehen beginnen, das Tagewerk beginnt.

Das Moor nutzen, ohne es zu zerstören

Nur ein Mann ist die ganze Zeit in Bewegung und redet dabei fast ohne Unterlass. Aldert van Weeren läuft hin und her, holt Werkzeuge herbei, springt in seinen klapprigen Peugeot-Kastenwagen, um schnell zum Dachdecker im Dorf zu fahren und sich Öl auszuborgen. Eine Hand hat er dabei am Lenkrad, die andere fährt durch die Luft, während er von seinen neuen Arbeitsgeräten schwärmt. „Die Maschinen sind uralt, über dreißig Jahre, aber bodendrucktechnisch sind sie super“, ruft er mit tiefem niederländischen Akzent.

Pioniere bei der Arbeit: Aldert van der Weerens Helfer im Einsatz mit der Erntemaschine.
Foto: Markus Wächter

Was an diesem Tag geschehen soll, ist eine landwirtschaftliche Pioniertat, und der Bodendruck ist dabei essenziell. Denn hier, wo Haff und Land ineinander übergehen, ist die Erde weich. Das Anklamer Stadtbruch ist ein Moor. Jahrzehntelang war es trockengelegt und diente als Weideland. Dann brach in einem Wintersturm in den 90er-Jahren der Deich, und er wurde nie wieder aufgebaut. Das Wasser kam zurück, manchmal steht es knapp über der Flur, manchmal knapp darunter. Für die Landwirtschaft, so schien es, waren große Teile der Flächen verloren. Bis Aldert van Weeren kam.

Über Jahrhunderte haben die Bauern überall auf der Welt Moore trockengelegt. In Deutschland hieß das „Melioration“, was Verbesserung bedeutet. Das Moor stand für Ödnis, Fäule und Verwesung. Es trockenzulegen, war spätestens seit Zeiten Friedrichs II. Ausweis von Fortschrittlichkeit. Aldert van Weeren will damit brechen. Der 61-Jährige will den Sumpf nicht bezwingen. Er hat sich diese nasse Fläche gezielt gesucht. Hier will er zeigen, dass möglich ist, was Generationen von Landwirten undenkbar erschien: das Moor zu nutzen, ohne es zu zerstören.

Wurzeln, die Maschinen tragen

Seine Pioniertat besteht darin, die Pioniertaten früherer Epochen rückgängig zu machen. Er will ernten, was das Moor hervorbringt. In diesem Fall ist es Rohrkolben, lange wintergelbe Stängel, die charakteristische Blüten tragen. Und die knapp unterhalb der Oberfläche ein dichtes und stabiles Netz aus Wurzeln bilden, so zäh, dass sie Menschen tragen können und sogar Maschinen – wenn denn ihr Bodendruck nicht zu hoch ist.

Paludikultur heißt diese Form der Landwirtschaft, vom lateinischen „palus“ – Sumpf. Aber viel mehr als das Wort gibt es in Deutschland bislang nicht. Wie Paludikultur funktioniert, dazu gibt es viele Vermutungen, einige Feldversuche, aber wenige praktische Erfahrungen. Und eine Überzeugung in einem kleinen, aber wachsenden Kreis von Enthusiasten und Wissenschaftlern: Nur mit Paludikultur kann die Landwirtschaft dazu beitragen, den Klimawandel zu verlangsamen und in beherrschbaren Grenzen zu halten.

Einige Wochen vorher. Es ist ein Mittwochabend, und im Veranstaltungssaal in der estnischen Botschaft am Rand des Tiergartens hält Hans Joosten einen Vortrag, den er routiniert abspulen könnte – schließlich hat er schon unzählige Male vor wechselndem Publikum die gleichen Fakten erklärt. Doch Routine scheint der Mann mit dem schlohweißen Haar, das ein rosiges Gesicht umrahmt, nicht zu kennen. „Wir müssen radikal mit der Vergangenheit brechen“, ruft er. Die Vergangenheit, das ist für den Professor, der wie Aldert van Weeren aus den Niederlanden stammt, der Kampf des Menschen gegen die Moore.

Moore sind der effektivste CO2-Speicher der Welt 

Seine Mission ist es, diesen Kampf nicht nur zu beenden, sondern die Uhr zurückzudrehen und trockengelegte Moore wieder unter Wasser zu setzen. Warum, das erklärt er anhand von Zahlen, die er und seine Kollegen am Greifswald Moor Centrum ermittelt haben. Das Institut wurde einst aufgebaut von Michael Succow, Biologe und kurzzeitiger Vize-Umweltminister der DDR. Heute ist es auf seinem Gebiet eine der führenden Forschungseinrichtungen der Welt.

Moore, erklärt Joosten, seien die effektivsten Speicher für das Klimagas Kohlendioxid, die es auf der Erde gibt. Auf drei Prozent der Erdoberfläche speichern sie in ihrem Torf so viel CO2 wie der gesamte Wald aller Kontinente. Doch sie speichern es nur so lange, wie der Torf unter Wasser steht. Graben die Menschen Entwässerungsgräben, dann gerät er in Kontakt mit Sauerstoff und gibt im Laufe einiger Jahrzehnte das Kohlendioxid ab, das er Jahrhunderte und Jahrtausende gespeichert hat.

Torf ist nicht nachtragend

43 Millionen Tonnen CO2, so rechnet Joosten vor, entweichen alleine in Deutschland Jahr für Jahr aus trockengelegten Mooren. 7 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche verursachen damit 57 Prozent der gesamten Emissionen des Agrarsektors. Das Klimagas verursacht nach den Berechnungen der Greifswalder Forscher ökologische Schäden von sieben Milliarden Euro pro Jahr. Es gibt keinen Mechanismus, der diese permanente Belastung der Atmosphäre sanktioniert. Stattdessen fließen von der Europäischen Union für diese Flächen Subventionen wie für alle anderen. Mit 400 Millionen Euro fördert die Europäische Union die Bewirtschaftung früherer Moore in Deutschland.

Aber: Der Prozess ist nicht unumkehrbar. Wo das Wasser jahrzehntelang abgeflossen ist, da lässt es sich auch wieder aufstauen, lassen sich Entwässerungsgräben zuschütten, und der Zerfall des Torfs und die Freisetzung des Kohlendioxids können gestoppt werden. Torf ist nicht nachtragend. Steht er wieder unter Wasser, dann bildet er sich sogar neu aus abgestorbenen Pflanzen und Wurzeln. 50 000 Hektar ehemaliger Moorflächen müsse die Europäische Union Jahr für Jahr wieder unter Wasser setzen, wenn sie die Klimaschutzvorgaben des Parisabkommens einhalten wolle, rechnet Hans Joosten vor. Ob diese Erwartung naiv sei, fragt er sich selbst. Schließlich wächst die Weltbevölkerung, schließlich braucht die Industrie mehr und mehr Biomasse, um Energie und umweltverträgliche Materialien zu erzeugen.  

Die Erntemaschine auf ihrem Weg durch die Rohrkolbenwiese
Foto: Markus Wächter

Joosten gibt die Antwort: Natürlich sei diese Erwartung nicht naiv. Alleine Finnland habe in den 70er-Jahren ein Vielfaches dieser Fläche trockengelegt. Diese Anstrengung, die brauche es jetzt wieder – nur eben andersrum. Aldert van Weeren erbringt sie schon. Die erste Maschine hat er in Gang bekommen. Ihr Mähwerk funktionierte nicht, also haben er und seine Helfer das Mähwerk der anderen Maschine montiert. Mehr als eine Stunde ist vergangen, die Zuschauer – es handelt sich um drei Journalisten und mehrere Studenten und Wissenschaftler der Uni Greifswald – bibbern erbärmlich. Jetzt läuft der Motor, Schalldämpfer hat die seltsame Maschine nicht, das Tuckern betäubt die kalten Ohren. Ruckartig setzt sich das Ungetüm in Bewegung, holpert schwankend über einen Feldweg zu der ein paar Hundert Meter entfernten Rohrkolbenwiese. Die Zuschauer laufen vorweg.

Rohrkolben: das essbare Baumaterial

Als die Maschine auf die Wiese rollt, geht eine spürbare Welle durch den weichen Boden. Der Fahrer senkt das Mähwerk. Langsam rollt er ins Feld, Büschel für Büschel schneiden die rotierenden Klingen die Rohrkolben knapp oberhalb des Bodens ab. Eine raffinierte Mechanik schnürt die Stängel zu Bündeln. Konstruiert ist das Gerät für die Schilfernte – ist es geeignet für Rohrkolben? Das soll sich nun zeigen. Zwanzig Meter schafft die Maschine, dreißig, vierzig – dann stockt das Mähwerk, ein scharfer metallischer Knall fährt durch die Luft, der Motorlärm erstirbt. Die brummelnden Männer greifen wieder zu ihren Werkzeugen. Ein paarmal geht das noch so. Dann verliert die der riesige Vorderreifen plötzlich seine Luft, und Aldert van Weerens blitzende Augen verfinstern sich. Die Mahd ist für diesen Tag beendet.

„Wenn es scheiße läuft“, sagt er später, „dann bin ich eine Woche lang schlecht gelaunt. Aber ich habe etwas gelernt.“ Still sitzen helfe ja nicht weiter, vermutlich kann er das auch gar nicht. Eigentlich ist er wegen eines Hauses im Nachbardorf, das er renovieren wollte, nach Vorpommern gekommen, vor fünf Jahren war das. Er suchte nach anderen Niederländern in der Gegend, lernte Hans Joosten kennen, und so kam eins zum anderen. Van Weeren war selbst früher im Naturschutz aktiv. Mit 18, erzählt er, kannte er alle Grasarten der Niederlande. Er studierte Landschaftsarchitektur. Später fuhr er als Erster Offizier zur See, auch eine Ladung Torf aus dem Baltikum hatte er mal an Bord – bis heute werden dort Moore abgebaggert, um die Gemüsetreibhäuser Europas mit Substrat für den Anbau zu versorgen. „Den Klimaschaden, den ich damals verursacht habe, muss ich heute noch abarbeiten“, scherzt er.

Ein Stück weit ist er schon gekommen. Er hat die Stiftung Wetland Products gegründet, mit der er Zugang zu Fördermitteln hat. Darüber finanziert er auch seine Versuche mit dem Rohrkolben. Und in Gedanken ist van Weeren eh mehrere Schritte voraus. Hier in Vorpommern, so malt er sich aus, könnte schon bald eine völlig neue Wertschöpfungskette entstehen. Rohrkolben sei völlig unterschätzt. Er sei essbar. Man könne ihn aber auch als Baumaterial verwenden, er selbst hat sein Haus im Nachbardorf mit gehäckseltem Rohrkolben gedämmt. Die Blätter und Halme ließen sich zu Platten pressen, die beispielsweise die Autoindustrie verwenden könnte.

Moore mussten weichen für die Fleischproduktion

Auch das hat er natürlich schon selbst ausprobiert, im Laderaum seines Peugeot. „Ich habe das miserable Plastikinterieur rausgeholt und Rohrkolben-Platten reingemacht.“ Viel besseres Material sei das, leicht und strapazierfähig, recycelbar – und nicht nur CO2-neutral, sondern ein Kohlenstoffspeicher, zumal seine Herstellung ja zum Erhalt des Moores beiträgt. Bloß wie man ihn effizient erntet, den Rohrkolben, das wisse derzeit keiner. Und das herauszufinden, hat sich Aldert van Weeren zur Aufgabe gemacht.

Achtzig Kilometer weiter westlich parkt Nora Köhn, eine der Wissenschaftlerinnen im Team von Hans Joosten am Greifswald Moor Centrum, ihren VW-Bus am Rand eines matschigen Feldwegs. Es ist neblig, in der Ferne zeichnet sich die Silhouette des Städtchens Neukalen ab. Köhn schlüpft in eine wasserdichte Anglerhose. Dann läuft sie über die Rinderkoppel hinab zur Peene. Vor gut fünfzig Jahren wurde das Moor hier trockengelegt.

Die Landwirtschaft in der DDR hatte ganz ähnliche Bedürfnisse zu bedienen wie die im Westen: Die Menschen wollten mit möglichst viel Fleisch noch die letzte Erinnerung an den Hunger der Kriegsjahre betäuben. Rinder brauchen Weiden und Heu für den Winter – also wurden Gräben gegraben, um Tierfutter zu produzieren, wo bis dahin weicher Torf wie ein Schwamm das Wasser aufsog. Ein paar Jahrzehnte ging das gut. Doch ein Moor mag Jahrtausende bestehen – die Weiden und Wiesen, die an seine Stelle getreten sind, verlieren rasch ihren Wert. „Die Landwirte merken, dass diese Flächen degradieren“, sagt Nora Köhn. „Die Pflanzen haben längst nicht mehr den gleichen Ertrag und Futterwert wie in den ersten Jahren.“

Eine Reise zurück in die Steinzeit

Bloß: Alleine aus dieser Erkenntnis wächst noch kein neues Geschäftsmodell für Bauern, deren ohnehin knapper ökonomischer Spielraum von Jahr zu Jahr schrumpft. Die Untersuchungen auf der Projektfläche könnten dazu beitragen, eines zu entwickeln. Sie steuert ihre Schritte auf einen Wall zu, der einen Teil des Grünlandes zu allen vier Seiten abtrennt. Obendrauf ein Elektrozaun – gegen Wildtiere, erklärt sie. Hinter dem Wall eine feuchte Ackerfläche, darauf in genau bemessenem Abstand zueinander unscheinbare Setzlinge.

Ein paar Monate noch, dann wird die Fläche dicht mit Rohrkolben bewachsen sein. Und dann beginnt für Nora Köhn und ihre Kolleginnen der spannende Teil ihrer Arbeit. Wie viel Wasser braucht Rohrkolben, wie viel verträgt er, wie dicht müssen die Setzlinge stehen, wann ist die beste Erntezeit, und auch das: Was ist die beste Erntemethode? Landwirte, die ihre Betriebe nach dem Subventionskorsett der EU ausrichten müssen, lassen sich nicht auf Experimente ein. Die Experimente muss die Wissenschaft wagen. Das weiß Nora Köhn.

Nora Köhn (re.) und ihre Mitarbeiterin entnehmen eine Bodeprobe - bis zu 6000 Jahre alt ist der Torf an dieser Stelle der Peene.
Markus Wächter

Worum es eigentlich geht, das demonstriert sie fast beiläufig. Zusammen mit einer Mitarbeiterin rammt sie einen Erdbohrstock in den Boden, mit vereinten Kräften ziehen sie ihn wieder heraus. Der Boden gibt ein schmatzendes Geräusch von sich. Eine rund vierzig Zentimeter lange Torfwurst steckt jetzt im Rohr. Torfschichten wachsen im Durchschnitt um einen Millimeter pro Jahr. Das heißt: Die unterste Torfschicht, die jetzt im Rohr steckt, wurde vermutlich in der frühen Neuzeit gebildet, als der Dreißigjährige Krieg gerade erst begonnen hatte und in Mecklenburg noch Leibeigenschaft herrschte. Und dabei ist das quasi nur der oberste Rand des Torfs. Sechs Meter dick ist die Torfschicht unter der Wiese, sie führt 6 000 Jahre in die Vergangenheit, in die späte Steinzeit, als es auf der Erde ungewöhnlich warm war.

Als das Moor die Autobahn verschlang

Vielleicht ist Mecklenburg-Vorpommern einer der besten Orte, um einen anderen Umgang mit dem Moor zu erproben. An die Notwendigkeit wurden Einwohner und Besucher vor drei Jahren erinnert, als die mehr als zehn Meter mächtige Torfschicht unter einer Brücke der Autobahn 20 über die Peene nachgab und das Bauwerk trotz aufwendigster Stabilisierungsmaßnahmen kollabieren ließ. Wer wollte, konnte darin eine Mahnung erkennen. Knapp fünfzehn Prozent der Landesfläche waren einmal Moore – neunzig Prozent davon sind aber trockengelegt.

Diese Flächen sind die größte einzelne Quelle von Klimagasen in dem Bundesland, sie emittieren mehr CO2 als Verkehr oder Industrie. Mecklenburg-Vorpommern hat die Schwämme, die es früher prägten, fast bis zum letzten Tropfen ausgepresst – mit der Wassermenge, die einst in den Mooren gespeichert war, ließe sich die Müritz füllen. Und nach zwei Dürresommern ist klar, welchen Wert solche natürlichen Speicher hätten, wenn es sie denn noch gäbe.

Immerhin: Eine Strategie für Paludikultur hat das Landwirtschaftsministerium erarbeitet, bislang die einzige eines deutschen Bundeslandes. Konkrete Folgen daraus bislang gibt es jedoch fast keine, heißt es beim Bauernverband und beim Greifswald Moor Centrum. Denn ob Paludikultur jemals jenseits von Experimenten eine Rolle spielen wird, das entscheidet sich nicht auf Versuchsfeldern oder in Pilotprojekten, wie sie derzeit auch das Bundesumweltministerium plant. Es entscheidet sich auch nicht in der Landeshauptstadt Schwerin.

Stoppt das Virus die Agrarreformen?

Es entscheidet sich in Brüssel, wo EU-Kommission und -Parlament in diesem Jahr über die gemeinsame Agrarpolitik der nächsten Förderperiode von 2021 bis 2027 entscheiden wollen. Gut möglich, dass Paludikultur in die Förderrichtlinien aufgenommen wird. Dann hätte sie auf einmal eine wirtschaftliche Basis, die Landwirte hätten eine verlässliche Grundlage, könnten in Maschinen und Umbaumaßnahmen investieren. Gut möglich ist aber auch, so bangen Umweltlobbyisten, dass der politische Betrieb durch das Coronavirus so durcheinandergerät, dass die mühsam angebahnte Reform auf der Strecke bleibt. Die Bundesregierung jedenfalls, das wird in Hintergrundgesprächen deutlich, übt in der Sache nur wenig Druck aus.

Einer, der auf einen Durchbruch hofft, ist Richard Hurding. Am nördlichen Stadtrand von Schwedt, gleich neben der Papierfabrik, hat seine Firma Zelfo ihren Sitz. Es gibt nur ein kleines Schild an der Fassade der unscheinbaren Industriehalle, den Eingang erkennt man am besten daran, dass der Landrover des schottischstämmigen Inhabers vor der Tür steht. Gut 300 Quadratmeter groß ist Hurdings Arbeitsraum. Und der erste Geruch, der einem entgegenschlägt, ist der von Heu. In großen Ballen stapeln sich getrocknete Gräser in der Halle. Hanf, Weizen, Rohrkolben und Rapsstroh liegen in Säcken, Tüten und Kübeln.

Richard Hurding entwickelt mit seiner Firma Zelfo biobasierte Werkstoffe.
Markus Wächter

Hurding ist eigentlich Designer. Vor 15 Jahren kaufte er ein Patent für ein kunststoffähnliches Material auf Basis von nachwachsenden Rohstoffen, wollte eigentlich Möbel daraus bauen. Das Geschäft entwickelte sich nie so richtig, das Herstellungsverfahren war zu dieser Zeit nicht rentabel genug. Dafür vertiefte sich Hurding in die Weiterentwicklung des Materials, begann mit anderen Rohstoffen zu experimentieren – und entwickelte daraus ein Geschäft. „Wir sind Technologieforscher geworden“, sagt er.

Im Auftrag seiner Kunden entwickelt Zelfo Verarbeitungsverfahren für faserhaltige Rohstoffe – wie zum Beispiel Rohrkolben. Die Paneele, die Aldert van Weeren in seinem Auto verbaut hat, sind bei Zelfo entstanden. Gerade entwickelt Hurding Weinkartons für französische Weinbauern aus den Resten ihrer Ranken, die sie bisher nach der Ernte ungenutzt abfackelten.

Indien ist Europa voraus

Die Ökonische haben Hurdings Entwicklungen längst verlassen. In Deutschland hat die Verpackungsrichtlinie die Hersteller aufgerüttelt und ihnen die Augen für ökologisch verträgliche Alternativen geöffnet. Außerhalb Europas ist die Gesetzgebung noch viel rigider. Zusammen mit der Firma Biolutions, die nur eine Tür weiter eine Entwicklungswerkstatt hat, entwickelte Hurding Einweggeschirr für den indischen Markt, wo die Bundesstaaten Plastikprodukte zunehmend verbieten.

Noch beschränkt sich der Betrieb von Biolutions in Schwedt auf einen einzigen Raum. Bald soll an der Oder aber eine komplette neue Fabrik entstehen, die für den europäischen Markt produziert. Doch je mehr die Verpackungsindustrie auf alternative Rohstoffe setzt, umso stärker wächst auch der Druck auf die Landwirtschaft, diese ökologisch verträglich zu produzieren. Oder anders formuliert: Es wächst die Chance für die Landwirte, sich in neuen Märkten zu etablieren. Und gerade aus den Mooren könnte das Material kommen, das diese Revolution ermöglicht.

Gut möglich, dass sich die Mühen der Pioniere auszahlen. Aldert van Weeren will seine Maschinen jedenfalls bald reparieren und umbauen. Im Winter ist die nächste Ernte.