Für junge Menschen ist die Erfahrung der Geburt einscheidender als für Ältere, die ein Kind bekommen.
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BerlinDie Geburt eines Kindes stellt das Leben der Eltern auf den Kopf. Auf einmal erscheint alles anders. „Nichts hat mich so verändert wie die Geburt meiner Kinder“, hört man Väter oder Mütter häufig sagen. Aber stimmt das auch? Wie sehr verändern die Kinder ihre Eltern? Das wollten die Psychologinnen Jule Specht und Eva Asselmannn von der Humboldt-Universität zu Berlin genauer wissen. Sie haben untersucht, ob sich die Persönlichkeit von Eltern in den ersten Jahren nach der Geburt eines Kindes wandelt. Vor allem wollten sie wissen, ob Väter und Mütter durch die neue Verantwortung reifer und erwachsener werden.

Das Ergebnis war für sie selbst überraschend. „Wir wissen, dass sich die Persönlichkeit über das ganze Leben hinweg verändert“, sagt Eva Asselmann. „Dass aber die Geburt eines Kindes grundsätzlich zu einer Reifung der Eltern führt, konnten wir nicht bestätigen.“ Ihre Persönlichkeit verändere sich in den ersten Jahren mit Baby weit weniger, als man gemeinhin vermuten würde, berichteten die Psychologinnen, deren Studie kürzlich im European Journal of Personality erschienen ist. Anders gesagt: Die Geburt eines Kindes macht einen nicht zu einem völlig anderen Menschen. Und: Mütter und Väter sind nicht grundsätzlich reifer als Nicht-Eltern.

Für ihre Untersuchung nutzten die Wissenschaftlerinnen die Daten des sozioökonomischen Panels (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, einer bundesweiten Langzeitstudie. Dafür wurden zwischen den Jahren 2005 und 2017 fast 7000 Menschen in Deutschland befragt, die zum ersten Mal Eltern geworden waren und zu verschiedenen Zeitpunkten an Persönlichkeitstests teilgenommen hatten. Die Berliner Forscherinnen untersuchten die fünf Persönlichkeitsmerkmale (Big Five) Offenheit (Interesse an neuen Erfahrungen), Extraversion (Geselligkeit und Optimismus), Gewissenhaftigkeit (Disziplin und Zuverlässigkeit), Verträglichkeit (Neigung zur Kooperation) und emotionale Stabilität in den Jahren vor und nach der Geburt des ersten Kindes. Die Mütter und Väter waren zwischen 17 und 50 Jahre alt.

Die Big Five der Persönlichkeit

  • Jeder Mensch ist anders und hat eine ganz eigene Persönlichkeit. Vergleicht man aber sehr viele Menschen miteinander, finden sich Muster, die Psychologen nutzen, um die Entwicklung der Persönlichkeit zu erforschen. Dafür wurde das Modell der sogenannten Big Five entwickelt, das fünf Persönlichkeitsmerkmale umfasst:
  • Offenheit: Ist ein Mensch eher experimentierfreudig oder vorsichtig?
  • Gewissenhaftigkeit: Wer viel davon hat, ist effektiv und organisiert, das gegenteilige Naturell verhält sich unbekümmert und nachlässig
  • Extraversion: in starker Ausprägung ist ein Mensch selbstsicher und gesprächig, in schwacher eher zurückhaltend
  • Verträglichkeit: Verhält sich jemand eher kooperativ oder rebellisch?
  • Emotionale Stabilität: Wie reagiert jemand auf Stress? In welchem Maß ist er ängstlich oder sensibel?

Es zeigte sich, dass Eltern nach der Geburt ihres ersten Kindes etwas weniger offen waren und die Geselligkeit abnahm. „Das ist plausibel, denn wenn ein Baby da ist, hat man nicht mehr so viel Zeit und Energie für Treffen mit Freunden oder neue Aktivitäten“, meint Asselmann. Die Merkmale, die von den Psychologinnen zur Messung einer Reifung herangezogen wurden – nämlich Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und emotionale Stabilität –, änderten sich im Durchschnitt jedoch kaum. Wer vorher emotional stabil oder verträglich war, zeigte diese Eigenschaften weiterhin. Auch die allgemeine Vorstellung, dass ein Kind gewissenhafter mache, also vernünftiger oder disziplinierter, konnte pauschal nicht bestätigt werden. Wer vorher wenig gewissenhaft war, blieb es im Allgemeinen auch.

Einige Veränderungen zeigten sich erst, als die Forscherinnen verschiedene Altersgruppen unter die Lupe nahmen. So waren vor allem sehr junge Eltern zwischen 17 und 23 Jahren nach der Geburt eines Kindes doch deutlich gewissenhafter als in den Jahren davor und danach. „Vielleicht kann man das dadurch erklären, dass diese Erfahrung für sehr junge Menschen noch einschneidender ist als für diejenigen, die erst später eine Familie gründen“, sagt Asselmann. „Gerade sehr junge Eltern sind oft noch in der Ausbildung und gehen vor der Geburt noch keinem geregelten Arbeitsalltag mit verschiedenen Verpflichtungen nach. Sie müssen quasi ad hoc Verantwortung übernehmen und erwachsen werden.“ Der Effekt hielt aber nur kurzfristig im ersten Jahr an. Ob Eltern nach der Geburt ihres Kindes gewissenhafter sind, hänge demnach womöglich stark vom Alter ab, vermuten die Berliner Forscherinnen.

Männer werden gewissenhafter

Außerdem fanden die Psychologinnen Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Frauen waren nach der Geburt des ersten Kindes verträglicher, während Männer in dieser Phase gewissenhafter waren. „Da Frauen immer noch häufiger beim Kind zu Hause bleiben und beruflich zurücktreten, verspüren Männer hier womöglich eine erhöhte Verantwortung, für den Lebensunterhalt der Familie zu sorgen und sich zuverlässiger zu verhalten“ deutet Asselmann die Ergebnisse.

Die Studie offenbarte auch, welche Menschen eher Kinder bekommen. Es zeigte sich, dass neugierige Charaktere, die sehr offen sind, das heißt gerne und häufig neue Erfahrungen aufsuchen, weniger dazu neigten, eine Familie zu gründen. Die Teilnehmer der Befragungen dagegen, die sich lieber an Bewährtes und Bekanntes hielten, wurden im Laufe der Studie häufiger Eltern. Eine Erklärung: „Weniger offene Menschen sind meist konventioneller und vielleicht eher geneigt, ein traditionelles Leben mit Familie anzustreben“, sagt Asselmann.

Im Kern entsprechen die Ergebnisse der Studie nicht dem „Prinzip der sozialen Investition“, das auf die US-amerikanischen Psychologen Brent Roberts und Dustin Wood zurückgeht. Es besagt, dass sich Menschen immer dann verändern, wenn es große Umbrüche und einschneidende Erfahrungen in ihrem Leben gebe. Müssen sie neue soziale Rollen einnehmen und sich an deren Anforderungen anpassen, führe das zu einer Persönlichkeitsreifung. Das nahm man bisher auch ganz allgemein für die Elternrolle an. Die neue Untersuchung bestätigt diese These nicht. Ihr zufolge bleibt man als Mutter oder Vater eigentlich mehr oder weniger die oder der alte.

Eva Asselmann empfindet das als gute Nachricht. „Wäre es nicht eine angsteinflößende Vorstellung, wenn sich in der Außenwelt alles verändert und wir uns als Persönlichkeit dazu auch noch um 180 Grad wandeln?“, fragt sie.

Studie rund um den Berufseinstieg

In einem nächsten Schritt wollen sich die Wissenschaftlerinnen näher anschauen, wie der Alltag der Eltern aussieht, von welchen konkreten Umständen, Situationen, Gedanken und Gefühle das neue Leben bestimmt ist.

Sie haben außerdem herausgefunden, welches Ereignis die Persönlichkeit deutlich stärker reifen lässt als das erste Kind: der Einstieg in den Beruf. Um die neue Rolle im Job zu bewältigen, müssen wir unsere Persönlichkeit offenbar stärker anpassen, als wenn wir Eltern werden. In der Arbeitswelt werden wir gewissenhafter, also zum Beispiel pünktlicher, strukturierter oder zielgerichteter. Das könnte daran liegen, dass es im Job recht klare Anforderungen gibt, wie man sich zu verhalten hat. Entspricht man ihnen nicht, indem man zum Beispiel Deadlines nicht einhält oder unpünktlich zu Besprechungen erscheint, bekommt man dies recht direkt gespiegelt. Man erkennt, welches Verhalten als angemessen erwartet wird und passt sich dem an. In der neuen Elternrolle wird man dagegen nicht ständig von Vorgesetzten beobachtet und beurteilt.

Gerade untersuchen die Wissenschaftlerinnen zudem, ob es rund um den Berufseinstieg einen Unterschied in der Entwicklung zwischen Männern und Frauen gibt. Verändern sich Frauen in der Arbeitswelt anders als Männer? Erste Ergebnisse weisen darauf hin, dass der Anstieg der Gewissenhaftigkeit bei Männern stärker ausgeprägt ist. Frauen werden dagegen im Job eher verträglicher, das heißt respektvoller, nachsichtiger, rücksichtsvoller im Umgang mit anderen. Eigenschaften, die vor allem gute Teamplayer auszeichnen. Interessant wäre es, auf Grundlage dieser Ergebnisse darüber zu diskutieren, was das für die derzeitigen unterschiedlichen Karrierechancen von Männern und Frauen bedeutet.