Berlin - Nach der jüngsten Vogelzählung sind nun also die Insekten dran. Der Naturschutzbund (Nabu) lädt zum genauen Hinschauen ein: Von diesem Freitag bis zum 13. Juni sind Menschen bundesweit aufgerufen, in Gärten und Parks, an Flüssen, auf Balkons oder anderswo in der Natur eine Stunde lang Käfer, Fliegen, Bienen und all die anderen Kerbtiere zu zählen. Von der Mitmachaktion „Insektensommer“ erhofft sich der Nabu genauere Angaben über den Insektenschwund in Deutschland. Jeder gesichtete Sechsbeiner kann gezählt und gemeldet werden. Wer sich bei der Art nicht sicher ist, möge einfach die Gruppe von Insekten angeben, zum Beispiel Schmetterling oder Käfer.

Ohne Insekten würden die Menschen verhungern

Im Fokus des „Insektensommers“ steht dieses Jahr der Marienkäfer, von dem es etwa 70 Arten in Deutschland gibt. Wie stark sich der Asiatische Marienkäfer (Harmonia axyridis) im Vergleich etwa zum Siebenpunkt-Marienkäfer (Coccinella septempunctata) verbreitet hat, will der Nabu herausfinden. Der asiatische, aus Japan und China stammende und auch Harlekin-Marienkäfer genannte Krabbler wurde wegen seines enormen Appetits auf Blattläuse in den 80er-Jahren zur Schädlingsbekämpfung eingeführt. Die Frage ist, ob er wie in anderen Ländern, etwa den USA, die einheimischen Marienkäferarten verdrängt.

dpq/Soeren Stache
Ein Asiatischer Marienkäfer (Harmonia axyridis) auf den Stängeln des Wald-Engelwurz.

Insekten gehören nicht gerade zu den großen Sympathieträgern in der Tierwelt – von Bienen, Schmetterlingen und eben Marienkäfern mal abgesehen. Dabei kommt ihnen eine große Bedeutung zu. Rund 90 Prozent aller Pflanzen sind für ihre Fortpflanzung zumindest teilweise auf Insekten angewiesen. Dazu zählen viele wichtige Nutzpflanzen: Die menschliche Ernährung ist abhängig von dieser Bestäubungsleistung. Doch Insekten sichern nicht nur unsere Ernährung. Sie bilden die Nahrungsgrundlage unzähliger anderer Tiere. 60 Prozent der heimischen Vogelarten fressen hauptsächlich Insekten.

Deutschland ist ein insektenfeindlicher Ort

Die ökonomische wie ökologische Bedeutung der Insekten ist unstrittig. Umso Besorgnis erregender ist ihr weltweiter Rückgang. Die Gründe sind vielfältig: intensive Agrar- und Forstwirtschaft, Düngemittel, Umweltgift, versiegelte Böden, Lichtverschmutzung, Klimawandel … Eine Studie sorgte 2017 für Aufsehen, darin legten Wissenschaftler von der Entomologische Gesellschaft Krefeld dar, dass in Deutschland die Insektenbiomasse in den vergangenen 27 Jahren um 76 Prozent zurückgegangen ist; damit einher geht ein Verlust der Ökosystemleistungen. Kurzum, Deutschland ist ein zunehmend insektenfeindlicher Ort.

Zu den Befund passen auch die Ergebnisse der jüngsten Vogelzählung des Nabu. Hier hatte sich ein langjähriger Trend bestätigt: Es werden immer weniger insektenfressende Vogelarten gemeldet – eben weil ihnen die Nahrungsgrundlage abhanden kommt. Auffällig waren in jedem Fall die rückläufigen Bestände bei Mauerseglern, Mehlschwalben, Trauerschnäppern, Hausrotschwänzen, Mönchsgrasmücken und anderen Fluginsektenjägern.

dpa/Daniel Bockwoldt
Papierkram: So sieht die Zählhilfe für Insekten aus.

Wie nun aber die Insekten, die kleinen und kleinsten Tiere zählen? Der Nabu rät, an einem sonnigen, warmen, trockenen und windstillen Tag in der Natur zu zählen. Das Beobachtungsgebiet darf nicht größer sein als etwa zehn Meter in jede Richtung vom eigenen Standpunkt aus. Etwas Geduld sollte man schon mitbringen. Die Ergebnisse sodann online per Meldeformular oder Insekten-App einreichen.

Und: Es gibt nicht nur Fluginsekten. Auf den Boden schauen, Buddeln und Steine umdrehen lohnt sich, auch weil es hier nicht nur Insekten zu entdecken gibt. Regenwürmer, Milben, Doppel- wie Hundertfüßer, Asseln, Springschwänze …