BerlinFür die Eindämmung der Corona-Pandemie ist die Frage entscheidend, wie lange infizierte Menschen ansteckend sind. „Der genaue Zeitraum, in dem Ansteckungsfähigkeit besteht, ist noch nicht klar definiert“, heißt es auf den Infoseiten des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin hierzu. Als sicher gelte, dass die Ansteckungsfähigkeit in der Zeit um den Symptombeginn am größten sei und dass ein erheblicher Teil der Infektionen bereits vor dem Auftreten erster klinischer Symptome erfolgt. Fest steht außerdem, dass bei normal funktionierendem Immunsystem die Ansteckungskraft, auch Kontagiosität genannt, im Laufe der Erkrankung abnimmt. Als erwiesen gilt darüber hinaus, dass schwer erkrankte Patienten mitunter länger infektiöses Virus ausscheiden als Patienten mit leichter bis moderater Erkrankung. Bei Letzteren geht die Ansteckungsfähigkeit zehn Tage nach Symptombeginn deutlich zurück, bei schweren Erkrankungen können Patienten auch noch deutlich länger ansteckend sein.

Herausfinden kann man dies unter anderem durch Analysen, mit denen überprüft wird, ob das Virus in Zellkulturen anzüchtbar ist. Bei Menschen, die sich angesteckt, aber noch keine Symptome hatten, war das bis zu sechs, mitunter sogar zehn Tage vor Symptombeginn möglich, berichtete das RKI kürzlich in einer Veröffentlichung. Dies weise auf die Möglichkeit auch frühzeitiger Übertragungen vor Eintritt von Symptomen hin, schreiben die Forscher. „Innerhalb der ersten Woche nach Symptombeginn sinkt die Anzuchtwahrscheinlichkeit deutlich ab“, heißt es weiter.

Nachweisbar - aber auch infektiös?

Dennoch gab es bislang viel Unsicherheit. „Wir wussten nicht, bis wann Patienten isoliert sein sollten, wann sie sicher entlassen werden können, und wann sie nicht mehr ansteckend sind“, sagte die Virologin Müge Çevik von der schottischen University of St Andrews dem US-amerikanischen Magazin The Scientist. Daher hat sie mit Kollegen alle Studien gesichtet, die es zu diesem Thema gibt – für Sars-CoV-2 waren es 79.

Das Ergebnis dieser Meta-Analyse, die im Fachmagazin Lancet Microbe veröffentlicht wurde: In den oberen Atemwegen wird das Virus im Mittel 17 Tage lang ausgeschieden. Bei einem Menschen waren es sogar mehr als 83 Tage. In den unteren Atemwegen beträgt die Zeitdauer, in der das Virus abgegeben wird, knapp 15 Tage, im Stuhl wiederum rund 17 Tage.

Foto: Getty Images/koto_feja
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Jedoch wurde in keiner der in die Untersuchung einbezogenen Studien vermehrungsfähiges Virus später als neun Tage nach Symptombeginn detektiert, schreiben die Forscher. Das sei auch dann der Fall gewesen, wenn noch hohe Virusmengen ausgeschieden wurden. Die Viruslast war innerhalb der ersten Woche nach Symptombeginn am höchsten, viele Ansteckungen erfolgen aber offenbar auch in den rund zwei Tagen vor Eintreten der Symptome. Laut der Übersichtsarbeit sind infizierte Menschen, die keine Symptome entwickeln, wahrscheinlich nicht so lange ansteckend. Bei anderen Coronaviren wie dem 2003 und 2004 aufgetretenen Sars-1 und dem von Kamelen übertragenen Mers herrschte die höchste Viruslast deutlich später – zu Zeitpunkten, zu denen die Menschen schon ersichtlich erkrankt waren. Dass hohe Viruslasten bei Covid-19 auch schon vorher möglich sind, sehen die Forscherinnen als einen wahrscheinlichen Grund dafür, dass sich diese Krankheit erheblich schneller verbreitet.

Çevik betont daher, wie wichtig es sei, dass möglicherweise infizierte Menschen sich bei Symptombeginn sofort selbst isolieren. Dazu müsse man auch milde Symptome berücksichtigen – nicht nur Husten und Fieber. „Im Moment lassen sich Menschen zwei oder drei Tage nach Symptombeginn testen – und wenn sie ihre Ergebnisse bekommen, haben sie die ansteckende Phase bereits hinter sich“, erklärte sie. Entscheidend sei es, infizierte Menschen schnell zu identifizieren und zu isolieren, sowie die Bevölkerung über das Krankheitsspektrum und die kontagiöse Zeitdauer zu informieren. Das Team um Çevik sieht eine Isolationsdauer von rund zehn Tagen als sinnvoll an: Nur schwer betroffene Menschen seien länger als zehn Tage nach Symptombeginn ansteckend.

Allerdings hat die Übersichtsstudie überwiegend Daten von Corona-Patienten berücksichtigt, die im Krankenhaus behandelt wurden. Sie ließe sich daher nicht direkt übertragen auf Menschen, die wegen eines möglichen Kontakts in Quarantäne sind, schreiben die Forscher.

Der richtige Umgang mit einem Corona-Verdacht

Bleibt die Frage, wie man mit Situationen umgeht, in denen Corona-Verdacht besteht – wenn man also mit einem nachweislich Infizierten in Kontakt war. Dabei gilt: Die Dauer, die Kontaktpersonen mit bloßem Corona-Verdacht in Quarantäne verbringen sollen, richtet sich – anders als bei der Isolation von Menschen mit bestätigter Infektion – nicht nach dem kontagiösen Zeitraum, sondern nach der Inkubationszeit, also der Phase von der Ansteckung bis zum Symptombeginn. Die mittlere Inkubationszeit beträgt laut RKI fünf bis sechs Tage, sie kann in einigen Fällen aber auch zwei Wochen betragen. Der Charité-Virologe Christian Drosten hatte vorgeschlagen, die Quarantänezeit von normalerweise 14 auf 5 Tage zu verringern, um die Auswirkungen für die Betroffenen zu minimieren. Mit dem Vorschlag gehe er „bis an die Schmerzgrenze der Epidemiologie“, sagte Drosten im NDR-Podcast Coronavirus Update.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat mit den Landeschefs Ende November vereinbart, die Quarantänezeit grundsätzlich einheitlich auf im Regelfall zehn Tage festzulegen, wie es in dem Beschluss heißt. „Mit den nunmehr in größerer Zahl zur Verfügung stehenden Antigen-Schnelltests ist eine testgestützte Verkürzung der Quarantänezeit möglich“, schreiben sie.

Das RKI hatte vorher eher gewarnt: „Eine zeitliche Verkürzung der Quarantänedauer geht grundsätzlich mit einem größeren Risiko der Ansteckung weiterer Personen einher“, heißt es in einem Bericht im Epidemiologischen Bulletin des Instituts. Bei einer zehntägigen Quarantäne ohne abschließende „Freitestung“ mittels einer PCR-Untersuchung sei das Risiko des Auftretens von Fällen nach Quarantäneabschluss rund dreimal höher als bei 14-tägiger Quarantäne ohne Untersuchung, berechnete das RKI. Bei einer Verkürzung auf fünf Tage mit abschließender PCR-Testung sei das Risiko im Mittel mindestens dreimal höher als bei 14-tägiger Quarantäne ohne Test. „Die positiven Effekte einer Verkürzung der Quarantäne- oder Isolierungsdauer von derzeit 14 beziehungsweise 10 Tagen gehen mit einem erhöhten Risiko auf individueller und Bevölkerungsebene einher“, schlussfolgern die Autoren. Dennoch gilt jetzt die neue Regel.

Für Fälle eines sehr vagen Corona-Verdachts – etwa bei beginnendem Halskratzen und Husten - gibt die Nationalakademie Leopoldina in ihrer Stellungnahme vom 8. Dezember einen wichtigen Hinweis: „Auch bei nur leichten Symptomen, also auch bei Erkältungssymptomen, sollte zum Schutz der anderen für mindestens 5 Tage auf jeden Kontakt verzichtet werden.“ 

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Die Aktion Corona-Check erfolgt in Kooperation mit dem unabhängigen Online-Magazin Medwatch und wird unterstützt von der Robert-Bosch-Stiftung.