Berlin - 24. August 2017: Die Ständige Impfkommission (Stiko) gibt ein Bulletin heraus. Es geht um Impfungen, Empfehlungen für Babys, Kinder, Jugendliche. Es geht um Diphtherie, Pneumokokken, das Übliche. Verantwortlich ist Thomas Mertens, nach 13 Jahren bei der Stiko nun zu ihrem Chef ernannt. Ein Professor der Universität Ulm, Fachmann für Virologie. Einer, der für die Akzeptanz von Impfungen kämpft.

Thomas Mertens und die Stiko prüfen gewissenhaft

Vier Jahre später wird Mertens, 71, als Verhinderer abgestempelt, der Kinder nicht gegen Corona impfen lassen will. Früher wertete der gebürtige Freiburger mit seinen Kollegen sorgfältig Daten aus, entwarf Szenarien, doch damit ist es in der Pandemie vorbei. In ihre Arbeit mischen sich immer wieder Laien, Politiker, Medienleute, denen es nicht schnell genug gehen kann. Zuletzt bei einer generellen Impfempfehlung für Heranwachsende ab zwölf Jahren. „Es gehört zur ständigen Aufgabe der Stiko, Empfehlungen zu überprüfen, nicht nur bei Corona, es bedarf dazu keiner Aufforderung von Politikern“, hat Mertens unlängst leicht genervt gesagt. An diesem Montag nun gab die Stiko ihre Zurückhaltung auf. Ein Bulletin zur wissenschaftlichen Basis dafür folgt.

Als Mertens sich für Virologie habilitierte, 1984, wurde gerade das Kabelfernsehen eingeführt. Es gab kein Internet, kein Social Media, wo Debatten rasch eine Dynamik entwickeln, die Menschen mit Ambitionen für sich zu nutzen wissen, vor Wahlen zumal. Virologen werden zu Stars ernannt oder zu Buhmännern degradiert. Manchmal passiert einer medizinischen Kapazität beides nacheinander. Wie es eben passt.

„Ob der Druck, den Medien und Politiker teilweise aufgebaut haben, immer sachlich gerechtfertigt war“, sagt Mertens, „daran habe ich meine Zweifel.“ Er müsste sich das nicht antun, nicht von frühmorgens bis spätabends arbeiten. Er ist Pensionär, könnte wieder mehr Klarinette spielen, sein Hobby, könnte wortwörtlich drauf pfeifen. Sinnbildlich aber würde er dann auch auf all die Kinder und Jugendlichen pfeifen. Gerade um deren Wohl aber geht es Thomas Mertens.