Berlin/StuttgartJe länger die Krise im Zuge der Covid-19-Pandemie andauert, umso mehr rücken ihre psychischen Folgen in den Fokus. Soziale Isolation, eine unsichere Zukunft, ökonomische Sorgen sowie Angst um die eigene Gesundheit und die von Familie und Freunden können die psychische Gesundheit von Menschen weltweit beeinträchtigen. Die mentalen und körperlichen Langzeitfolgen sind noch unklar, doch schon jetzt legen erste Studien nahe, dass die Verbreitung von Depressionen, Angsterkrankungen, Belastungsstörungen und Suchtverhalten zunimmt.

Hinzu kommt, dass es nicht nur die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen sind, über die Covid-19 Einfluss auf die psychische Gesundheit nehmen könnte: Im Zuge einer Infektion kann das Virus selbst das Gehirn befallen und dort neuropsychologische Symptome verursachen. Zu diesen Symptomen gehören laut einer britischen Studie im Fachblatt „The Lancet“ Angst, depressive Verstimmungen, Vergesslichkeit und Verwirrtheit sowie Schlaflosigkeit. Vereinzelt wurde in der Studie auch über Psychosen, Delirien, Demenz-ähnliche und andere Störungen berichtet.

Mehr als 1000 Veröffentlichungen zum Thema

Die Zahl der Untersuchungen über die psychischen Folgen der Covid-19-Pandemie wächst rasch. „Mittlerweile gibt es weit über 1000 Veröffentlichungen zu diesem Thema“, berichtet Andreas Meyer-Lindenberg, Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim, zur Eröffnung der „Woche der Seelischen Gesundheit“. Derzeit werde sehr dynamisch und viel mit sogenannten Preprints, also vorläufigen Ergebnissen ohne wissenschaftliche Begutachtung, gearbeitet. Zu diesen Preprints gehört auch eine jüngst publizierte Arbeit der Universität von Oxford, der zufolge eine große Zahl der aus Kliniken entlassenen Covid-19-Patienten zwei bis drei Monate nach der Ansteckung mit dem Virus immer noch Symptome wie Angstzustände und Depressionen aufwies.

Insbesondere bei Erkrankten, die in Kliniken behandelt werden mussten, sei das Risiko für psychische Folgen hoch: „Wenn sie infiziert sind, befinden sie sich in einer potenziell lebensbedrohlichen Situation. Sie kommen auf die Intensivstation, müssen invasiv behandelt, beatmet werden – das hat Auswirkungen auf die Psyche“, beschreibt es Meyer-Lindenberg, der auch Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) ist.

Mehrere Studien aus China hätten bereits gezeigt, dass praktisch alle Patienten mit dieser Behandlungs-Historie Symptome einer Stressstörung aufwiesen. Darüber hinaus könne auch die psychische Gesundheit von Nicht-Infizierten unter den Folgen von mit der Pandemie verbundenen Ängsten und Kontaktbeschränkungen leiden. Zahlreiche Studien aus den USA wie aus Europa würden dies nahelegen.

Mehr Ängste, Alpträume und Suchtverhalten

  • So ergab eine Untersuchung der Boston University School of Public Health, dass 27,8 Prozent der erwachsenen US-Amerikaner Mitte April depressive Symptome zeigten, im Vergleich zu 8,5 Prozent vor der Pandemie. Ähnliche Anstiege hätten sich nach den Terrorattacken vom 11. September, dem Ausbruch der Ebola-Epidemie und den Massenprotesten in Hongkong in den jeweiligen Bevölkerungen gezeigt, so die Autoren der Studie.
  • Bei einer Umfrage im Juni dieses Jahres berichteten gut 40 Prozent von fast 5500 erwachsenen US-Amerikanern, unter mindestens einem Symptom einer psychischen Störung zu leiden. Darunter waren Depressionen, Angstzustände, posttraumatischer Stress und Drogenmissbrauch. Diese Raten waren drei- bis viermal so hoch wie ein Jahr zuvor.
  • Eine finnische Studie ergab, dass 25 Prozent von insgesamt 4000 Befragten seit Beginn der Krise mehr Alpträume haben. Immerhin 15 Prozent von 3000 befragten US-Amerikanern berichteten einer anderen Studie zufolge von schlechteren Träumen.

Der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), Dietrich Munz, hebt eine Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim hervor, der zufolge der Corona-Lockdown für Jugendliche und junge Erwachsene besonders belastend war. „Das ist plausibel, weil Jüngere noch mehr soziale Kontakte mit ihren Peer-Gruppen brauchen“, erklärt er.

Auf weitere besonders anfällige Gruppen verweist Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité Berlin: Dazu gehörten Menschen, die bereits unter einer psychischen Erkrankung leiden, aber auch Ältere, Alleinstehende und Menschen, die kaum soziale Netzwerke haben. In diesem Zusammenhang seien speziell Obdachlose betroffen, die ohnehin ein stärkeres Vereinsamungsrisiko aufwiesen. Hinzu kämen Menschen, deren ökonomische Lage fragil geworden sei.

„Bislang gut durch die Zeit gekommen“

Tatsächlich ergab auch die bereits genannte Studie der Boston University School of Public Health, dass Menschen mit geringeren finanziellen Ressourcen in den USA ein höheres Depressionsrisiko während der Pandemie zeigten. „In Deutschland ist die ökonomische Situation vieler Menschen allerdings eine andere“, betont Heinz, der Präsident der DGPPN ist. Überhaupt sei hierzulande gerade zu Beginn der Pandemie eine Welle der Solidarität zu beobachten gewesen: „Das hat dazu beigetragen, dass wir bislang relativ gut durch die Zeit gekommen sind.“

Dazu passt das Ergebnis eines Berichts des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) vom Juni, demzufolge die Menschen hierzulande zumindest den ersten Monat des Lockdowns besser verkraftet hätten als erwartet. Je länger die Situation allerdings andauere, umso schwerwiegender seien mögliche psychische Erkrankungen, so Heinz.

Andreas Meyer-Lindenberg bemerkte dazu, dass frühere Studien zu Quarantäne- und Isolationssituationen im Rahmen von Infektionskrankheiten wie Mers oder der Schweinegrippe einen Anstieg von posttraumatische Belastungsstörungen, Depressivität und Suchterkrankungen gezeigt hätten, ebenso wie auch eine gewisse Stigmatisierung von Erkrankten. Ob auch Covid-19-Infizierte derart stigmatisiert würden, bleibe abzuwarten.

Psychische Widerstandskraft stärken

Schon jetzt ließen sich aber Faktoren nennen, welche die psychische Widerstandskraft (Resilienz) von Menschen im Umgang mit der Pandemie, aber auch mit Quarantäne- und Lockdown-Situationen stärkten. So sei das Informationsmanagement wichtig: „Wir empfehlen, sich eine offizielle, glaubwürdige Quelle auszusuchen, Informationen von dieser Quelle zu beziehen und dafür nur einen eingeschränkten Anteil von Zeit pro Tag aufzuwenden.“

Zentral sei auch, die eigene Isolation zu brechen, indem man mit Freunden und Familie kommuniziere. Hinzu komme allgemeines Stressmanagement mit freiwillig etablierten Routinen, regelmäßigem Schlaf und das Bewusstmachen jener alltäglichen Dinge, über die man Kontrolle hat, etwa „was man kocht, was man anzieht“, sagt Meyer-Lindenberg.

Psychotherapeut Munz rät zusätzlich gerade Menschen, die im Homeoffice arbeiteten, sich in der aktuellen Situation eine feste Tagesstruktur zu schaffen. Zudem sollte man körperlich aktiv bleiben und sich nicht zu sehr zurückziehen. Wer dazu neige, sich übermäßig stark mit seinen Ängsten zu beschäftigen, sollte Ablenkung suchen.

Weitere Präventionsempfehlungen hat die BPtK kürzlich in dem Papier „Corona-Pandemie und psychische Erkrankungen“ zur Verfügung gestellt. Darin heißt es etwa: „Lenken Sie sich ab. Alles, was Sie die Corona-Pandemie und Ihre Sorgen vergessen lässt, ist eine wichtige Pause für die Psyche.“ Und: „Trinken Sie viel, aber nicht unbedingt Alkohol.“

„Vor allem aber sollte man sich auch zugestehen, dass man belastet ist – und sich gegebenenfalls Hilfe suchen“, so Munz. Er geht davon aus, dass die psychischen Folgen der Pandemie differenziert sein werden: „Einige werden mit einer Resilienz aus der psychischen Belastung rauskommen, bei manchen wird diese Belastung bleiben und bei wieder anderen wird es zu Folgeschäden kommen.“ Der Psychotherapeut nennt in diesem Kontext vor allem Kinder und Erwachsene, die von häuslicher Gewalt betroffen waren. Sie sollten bei der Planung künftiger Maßnahmen im Zuge der Pandemie besonders berücksichtigt werden, wie überhaupt Menschen, die mehr als andere durch die psychischen und sozialen Folgen der Schutzbestimmungen belastet seien.

Wann eine derartige Belastung professionelle Hilfe erfordere, beschreibt Mediziner Heinz: So sei es zunächst eine ganz übliche Reaktion, angesichts der Pandemie und der damit einhergehenden Kontakteinschränkungen traurig oder bedrückt zu sein. Ärztlichen Rat sollte sich indes einholen, wer dauerhaft wenig bis keine Möglichkeit mehr sehe, sich zu freuen oder sobald Antriebsmangel und Kraftlosigkeit überhandnähmen. „Wenn man aus den Gedankenkreisen nicht mehr herauskommt, beispielsweise nur noch über eine mögliche Ansteckung mit dem Virus nachdenkt, und dadurch immer mehr eingeschränkt ist, sollte man sich helfen lassen“, sagt auch Munz. Die Grenze zwischen allgemeinen Sorgen und einer tatsächlichen Erkrankung sei allerdings nicht immer klar zu ziehen.