Keilmesser der Neandertaler.
Foto: D. Delpiano, UNIFE

Über einen gewaltigen Zeitraum lebten sie in weiten Teilen Europas, im Nahen Osten und drangen bis an die Grenzen Sibiriens und sogar bis in das Altai-Gebiet vor. Die Neandertaler hinterließen von etwa 400.000 bis 40.000 Jahren vor heute Spuren in ihren Siedlungsgebieten. Und auch schon diese frühen Vertreter der Gattung Homo mussten sich – wie neue Forschungen nahelegen – mit Fragen des Klimawandels auseinandersetzen.

Als kräftig gebaute Jäger und Sammler fertigten sie ihre Werkzeuge und Waffen aus Holz und Gesteinen an. Dabei waren sie bereits teilweise in der Lage, diese Materialien zu kombinieren. Vor etwa 100.000 Jahren war ihr Universalwerkzeug zum Schneiden und Schaben ein Messer aus Stein, bei dem die Kante gegenüber der Schneide bereits beim Rohling stumpf, sozusagen bereits als ein integrierter Griff vorhanden war. Dann bearbeitete der Jäger und Sammler diesen Rohling mit einem weichen Schlaginstrument aus Geweih oder Holz, nahm kleine Abschläge vor und schälte so ganz gezielt ein von Fachleuten als „Zweiseiter“ oder auch „Keilmesser“ bezeichnetes Werkzeug aus dem Rohmaterial. War der Neandertaler geübt, dürfte es ihn nach Expertenmeinung kaum länger als zehn Minuten gekostet haben, ein solches Keilmesser herzustellen.

Diese speziellen Werkzeuge haben Archäologen jetzt genauer untersucht und ihre Forschungsergebnisse in der Fachzeitschrift „PLOS ONE“ veröffentlicht.

Verändertes Klima, neue Werkzeuge

Als die Neandertaler begannen, Keilmesser herzustellen und zu verwenden, befand sich das Klima in einem Übergang von einer Warm- zu einer Kaltzeit. Die sogenannte Weichsel-Eiszeit, die vor etwa 115.000 Jahren einsetzte, brachte einen Klimawandel mit sich, dem sich die späten Neandertaler in Europa stellen mussten. Bei ihnen wurde eine komplexe Verhaltensänderung ausgelöst: Sie entwickelten ihre Werkzeuge weiter.

Thorsten Uthmeier vom Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen/Nürnberg sagt: „Keilmesser sind eine Reaktion auf die hoch mobile Lebensweise während der ersten Hälfte der letzten Eiszeit. Sie ermöglichten durch Nachschärfen eine lange Nutzung und waren gleichzeitig ein Universalwerkzeug – fast wie ein Schweizer Survivalmesser.“

Verschiedene Keilmesser sowie ein einfaches Messer mit Rücken (oben rechts) aus der Zeit der Neandertaler vor 60.000 bis 44.000 Jahren aus der Sesselfelsgrotte bei Kelheim (G-Schichten, Grabungen Prof. Freund, FAU).
Foto: D. Delpiano, UNIFE

Für den Forscher ist die lange Lebensdauer dieser neuen Keilmesser der große Vorteil gegenüber einfacheren Messerwerkzeugen der Jäger und Sammler, welche sonst einfach durch das Zerschlagen einer Feuersteinknolle hergestellt wurden.

Große Exemplare der Keilmesser haben Abmessungen von 20 bis 25 Zentimetern. Sie sind voluminös, und da sie bereits bei der Fertigung rundherum behauen wurden, ließen sie sich einfacher immer wieder nachbearbeiten. Thorsten Uthmeier ist sich sicher: „Diese Keilmesser hatten ein großes Nachschärfungspotential.“ Ein weiterer Vorteil: Die kleinen Abschläge eines Keilmessers, die beim Nachschärfen entstanden, konnte der urzeitliche Jäger ebenfalls noch verwenden. Experimente zeigten, dass man damit bei der Jagd anfallende Feinarbeiten, vor allem das Bearbeiten der Beute, gut erledigen konnte.

Mit ihren Keilmessern verfügten die Neandertaler somit über eine Art Kombiwerkzeug und eine Quelle von kleinen Werkzeugen. Und sie waren durch die lange Verwendbarkeit weitgehend unabhängig, mussten sich während ihrer Jagdzüge nicht mit der Rohmaterialsuche und Werkzeugherstellung beschäftigen. Was Thorsten Uthmeier insofern für bedeutsam hält, da qualitativ hochwertiges Rohmaterial für Steinwerkzeuge nicht überall und ständig zu finden war. Der Forscher spricht von „nachhaltigem Hightech“, welches bei der Jagd unter kaltzeitlichen Mangelbedingungen überlebenswichtig sein konnte.

Die Wissenschaftler untersuchten Funde aus einer der wichtigsten Neandertaler-Fundstellen in Mitteleuropa, der Sesselfelsgrotte in Niederbayern. In der Grotte wurden bei Ausgrabungen mehr als 100.000 Artefakte und unzählige Jagdbeutereste des Neandertalers gefunden.

Die wichtigsten messerartigen Werkzeuge analysierten sie mit 3-D-Scans. Solche ermöglichen eine millimetergenaue Aufzeichnung der Werkzeugform und -eigenschaften, da der Computer an durch ein Gitternetz exakt vorgegebenen Punkten alle Winkel und Längen misst. So wird eine Objektivierung erreicht, die man als Forscher bei der Betrachtung jedes einzelnen Objekts nicht erzielen kann. Und indem dann die Messergebnisse der 3-D-Aufnahmen einer statistischen Analyse zugeführt werden, lassen sich Ähnlichkeiten und Unterschiede der Artefakte noch objektiver bestimmen, von geometrischer Morphometrie sprechen die Fachleute.

Digitale Analyse des Querschnitts und des Kantenwinkels an einem dreidimensionalen Modell eines Messers mit Rücken aus der Sesselfelsgrotte.
Foto: D. Delpiano, UNIFE

Diese Untersuchungen der verschiedenen Formen zeigten, dass die Neandertaler offenkundig über eine ganze Reihe von Fertigkeiten bei der Bearbeitung ihrer Werkzeuge verfügten: „Das technische Repertoire bei der Herstellung der Keilmesser ist nicht nur ein direkter Beweis für die hohen planerischen Fähigkeiten unserer ausgestorbenen Verwandten, sondern zugleich eine strategische Reaktion auf die Einschränkungen, die ihnen durch die Widrigkeiten der Natur auferlegt wurden“, sagt Uthmeier. Damit meint der Experte die Verknappung der natürlichen Ressourcen. Um zu überleben, mussten die Neandertaler mobiler sein als zuvor – und ihre Werkzeuge anpassen. Und der Archäologe ergänzt: „Eine Mobilität ist bei Jägern und Sammlern zwar auch in Warmzeiten gegeben – aber das Gesamtausmaß der Mobilität ist geringer, da die Ressourcen gleichmäßiger verteilt sind. Das ist in Kaltzeiten grundsätzlich anders. Daher ist bei mangelnden Ressourcen die Mobilität erzwungenermaßen höher.“

Aus der Koinzidenz der Klimaveränderung mit eingeschränkten Ressourcen beim gleichzeitigen Aufkommen der Keilmesser schließt Uthmeier: „Das ist ein Zusammenhang, wo wir so eine Hypothese tatsächlich formulieren können.“ Wenn man unmittelbar von den Ressourcen lebe, die einem die Natur zur Verfügung stelle, gebe es natürlich ein gewisses Abhängigkeitsmaß. Und bei einer Verschlechterung des Nahrungsangebotes müsse man damit rechnen, dass sich Innovationen durchsetzten.

„Insofern würde ich nicht sagen, dass Innovation und Klima unmittelbar miteinander gekoppelt sind, aber dass mit der Verschlechterung der klimatischen Verhältnisse die Wahrscheinlichkeit, dass sich Innovationen durchsetzen und wir sie dann archäologisch auch sehen, natürlich steigt.“ Aus der Ethnografie von heute zum Beispiel kenne man bei Jägern und Sammlern den Zusammenhang: Je kälter die Umgebung ist, desto komplexer wird die Ausrüstung.

Die Messerarten der Neandertaler – die älteren einfachen und die neu hinzukommenden, deutlich komplexeren Keilmesser – haben die gleiche Funktionalität. Die Keilmesser repräsentieren aber ein Hightech-Konzept für ein langlebiges, multifunktionales Werkzeug, das ohne weitere Zusatzausstattung wie etwa einem Griff aus Holz benutzt werden konnte.

„Studien anderer Forschungsgruppen scheinen unsere Interpretation zu unterstützen“, sagt Uthmeier. „An einem Mangel an Innovationsfähigkeit oder planerischem Denken, wie manchmal behauptet, kann das Verschwinden der Neandertaler jedenfalls nicht gelegen haben.“