Berlin - Ein- oder zweimal im Jahr habe ich ein Blutdruckproblem. Ich erkenne es daran, dass die Arzthelferin mich streng ansieht. Sie hat meinen Blutdruck gemessen, weil das zur Kontrolluntersuchung in der Frauenarztpraxis dazugehört, ich weiß eigentlich nicht, warum. Ich traue mich nie, die Arzthelferin zu fragen. Es könnte wirken, als wollte ich von meinem Problem ablenken. Das ist ein bisschen zu hoch, sagt sie jedes Mal, wenn sie die Werte abliest. „Für eine Frau in Ihrem Alter.“ Einmal fragte sie sogar, ob mein Hausarzt über die Sache informiert sei.

Ich dachte lange, dass mein Blutdruck eher niedrig ist, weil ich oft müde bin und mir manchmal schwindelig wird. Das sage ich der Arzthelferin nicht, wenn sie mir die erste Zahl nennt, 135, manchmal 140. Und die zweite, die zwischen 80 und 90 liegt. Systolischer und diastolischer Blutdruck.

Der erste wird gemessen, wenn das Herz anspannt, der zweite, wenn es entspannt. Stark vereinfacht gesagt. Wenn der erste Wert über 140 liegt, habe man wahrscheinlich gefährlichen Altersbluthochdruck, schreibt die Deutsche Herzstiftung auf ihrer Webseite. Ich bin Mitte 40. Als ideal in jedem Alter gelten systolische Werte zwischen 120 und 130. Neuere Studien sagen sogar: Werte um 120.

Der stille Killer und ich

Wenn ich das Wort Bluthochdruck höre, ergänzt mein Gehirn es mit „stiller Killer“. So wie es den Anblick von Zecken mit „chronischer Borreliose“ und den von verbranntem Toast mit „Krebsgefahr“ ergänzt. Zecken und dunkle Brotränder kann man wenigstens sehen. Der „stille Killer“ ist das Schlimmste, sagt auch ein Kollege, der den Begriff schon oft gehört hat. Wenn ihm in einer Arztpraxis der Blutdruck gemessen werden soll, spüre er, wie das Ding in die Höhe schieße, sagt er. Er kommt auf Werte, die sich der 200 nähern. Das Praxispersonal sei mehrfach kurz davor gewesen, den Notarzt zu rufen.

Inzwischen passiere es ihm sogar zu Hause. Das ständige Messen, mit dem er seinen wahren Werten auf die Spur kommen wollte, lässt er deshalb. Vor zwei Jahren war er beim Messen noch entspannt, damals waren seine Werte okay. Außerdem lebe er gesund, mache Sport, sagt er und empfiehlt mir Internetforen zum Praxisbluthochdruck, der viele Menschen zu befallen scheint. Auch die Herzstiftung schreibt, dass man wegen der Aufregung in der Praxis etwas höhere Werte haben darf.

Ein erzgebirgischer Heilpraktiker aus dem Westen

Auch meine Mutter kennt das Problem. Es gibt kaum ein Gesundheitsproblem, das sie nicht kennt, darin sind wir uns ähnlich. Sie betrachtet nur jedes davon komplett anders als ich. Sie hat seit Jahren hohen Blutdruck, in Arztpraxen, aber nicht nur da. Sie erzählt mir von einem Heilpraktiker im Erzgebirge, den sie jahrelang aufgesucht habe, wenn sie bei ihrer Familie war.

Der Heilpraktiker war nach der Wende aus dem Westen gekommen, so wie die ganze Alternativmedizin, an die meine Mutter glaubt. Der Mann war wie sie der Ansicht, dass inzwischen niedrige Blutdruckwerte nur deshalb als ideal gelten, damit mehr Blutdrucksenker verschrieben werden können. Früher sei 100 plus Lebensalter ein guter Wert gewesen. 

Ich musste an die beiden denken, als ich eine Studie las, die Ende April in The Lancet erschienen war, einem der wichtigsten Medizinjournale der Welt. Medizinjournale sind für mich, was Heilpraktiker für meine Mutter sind. Forscher aus Großbritannien sind zu der Erkenntnis gelangt, dass es immer lohnt, hohen Blutdruck zu senken.

Das kam heraus, als sie 48 klinische Studien mit insgesamt 345.000 Teilnehmern noch einmal auswerteten. Selbst bei Menschen, die gar keinen Bluthochdruck haben, aber deren Risiko für Herzkrankheiten erhöht ist, weil es in der Familie Herzinfarkte und Schlaganfälle gegeben hat, könnte sich das Blutdrucksenken lohnen, schreiben sie. Und in welcher Familie gab es die nicht? Meine Mutter hat ein Messgerät, bei dem meine Werte bei 120 zu 80 liegen. Aber wer weiß.