Eine Frau läuft durch die Innenstadt von Barcelona.  
Foto: dpa/Zuma Wire/Jordi Boixareu

BerlinÄltere Menschen sind weniger besorgt als jüngere.  US-Amerikaner wollen vorrangigen Zugang zu einem Corona-Impfstoff. Familiärer Stress wirkt sich vor allem auf Frauen aus. Das sind nur drei Ergebnisse der jetzt veröffentlichten Umfrage „Leben mit Corona“. Sie zeigt, wie Menschen auf der ganzen Welt mit der Ausnahmesituation umgehen, die Covid-19 mit sich brachte. 

Rund 12.000 Teilnehmer aus mehr als 130 Ländern haben an der Online-Befragung teilgenommen, die ab März 2020 für ein halbes Jahr zur Verfügung stand und von einem multidisziplinären Team ausgewertet wurde. An dem Projekt ist auch das International Security and Development Center (ISDC) in Berlin beteiligt. Hier die ersten Erkenntnisse:


Junge Erwachsene treffen aktiv viele Maßnahmen, um der Pandemie entgegenzuwirken.

Das internationale Forscherteam wollte wissen, welche Maßnahmen die Teilnehmer aktiv treffen, um der Coronakrise entgegenzuwirken. Waschen sie sich ihre Hände? Tragen sie eine Maske oder Einweghandschuhe. Nutzen sie Desinfektionsmittel? Zudem wurden sie gefragt, ob sie im Alltag auch Dinge vermeiden, wie Hände zu schütteln, das eigene Gesicht oder Oberflächen zu berühren sowie öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen.

Das Ergebnis: Junge Erwachsene ergreifen im Vergleich zu Älteren etwas weniger aktive Maßnahmen. Allerdings seien die Unterschiede zwischen den Altersgruppen – 18 bis 25, 26 bis 35, 36 bis 45 sowie 45 und älter – im Allgemeinen sehr gering. Die Behauptung, junge Leute seien unachtsame Überträger des Virus und gewissermaßen auch „furchtlos“, könne so nicht gehalten werden, lautet die Schlussfolgerung der Forschenden. Sie seien sich ihrer Verantwortung in der Krise durchaus bewusst.

„Leben mit Corona“

Rund 12.000 Befragte aus mehr als 130 Ländern haben an der Online-Befragung „Leben mit Corona“ teilgenommen, die für ein halbes Jahr zur Verfügung stand. Die Ergebnisse wurden jetzt veröffentlicht.

Das Projekt wird von einem internationalen Forschungskonsortium geleitet, zu dem neben dem International Security and Development Center (ISDC) in Berlin, das United Nations University World Institute for Development Economics Research (UNU-WIDER) in Helsinki, das Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau (IGZ) in Großbeeren, die Universität Konstanz und das britische Institute for Development Studies (IDS) der University of Sussex in Falmer zählt.

Ziel der Umfrage sei es nach Aussage der Forscher, umfassende Kenntnisse zu gewinnen, wie Menschen auf der ganzen Welt die Pandemie erleben und auf sie reagieren. „Wir haben dabei drei übergeordnete Themenbereiche: Wirtschaft, Gesundheit sowie Gesellschaft und Staat“, erklärt Wolfgang Stojetz vom ISDC. Aus Forschungsperspektive sei es wichtig, diese Bereiche nicht getrennt voneinander, sondern gemeinsam zu untersuchen.

Am 1. Oktober hat die zweite Umfragerunde begonnen. Das Ausfüllen unter www.lifewithcorona.org dauert etwa 15 Minuten.

Familiärer Stress während der Pandemie wirkt sich stärker auf Frauen aus.

Weltweit wurden Menschen im Corona-Lockdown dazu angehalten, zu Hause zu bleiben und ihre Wohnung nur zu verlassen, wenn es notwendig war – in manchen Ländern für einige Tage, in anderen für mehrere Wochen. Auch heute arbeiten Menschen im Homeoffice und verbringen viel Zeit in den eigenen vier Wänden – und mit ihren Familien. Die Wissenschaftler wollten deshalb wissen: Wie sieht die Situation zu Hause aus?

Laut den Umfrageergebnissen geht es in großen Haushalten mit mehr als zwei Personen wesentlich angespannter zu als in Haushalten mit nur zwei Personen. Ein Familienmitglied mehr würde jedoch nicht zu größerer Anspannung führen.

Dass es in Zwei-Personen-Haushalten harmonisch zugeht – dafür hat die Forschungsgruppe eine logische Erklärung: Kinder. Viele Familien mussten sich wegen Schul- und Kitaschließungen um ihre Kinder kümmern und sie auch zu Hause unterrichten. Das sei für viele sehr belastend gewesen.

Ein weiteres Ergebnis: Egal um welche Haushaltsgröße es sich handelt – Frauen erleben wohl als Partnerin und Betreuerin den familiären Stress und die Anspannung viel stärker als Männer. Das deute darauf hin, dass die Pandemie Geschlechterungleichheiten schaffe und auch verfestigen könne.

Ältere Menschen sind - obwohl sie einem größeren Gesundheitsrisiko ausgesetzt sind - weniger besorgt.

Ältere Menschen machen sich laut der Umfrage im Vergleich zu anderen Altersgruppen zwar mehr Sorgen um ihre Gesundheit. Allerdings sind sie viel weniger gestresst – allgemein, aber auch in Bezug auf die aktuellen Umstände. Stress und Nervosität („Ich werde nervös, wenn ich an die aktuellen Umstände denke“) empfinden dahingegen vor allem Menschen zwischen 36 und 45 Jahren.

Die Forschenden vermuten deshalb, dass nicht die Sorge um die eigene Gesundheit entscheidend ist. Vielmehr würde wirtschaftlicher, sozialer und emotionaler Druck das persönliche Stressniveau beeinflussen.

Das Ergebnis deute außerdem darauf hin, dass ältere Menschen besser in der Lage sind, mit Stress umzugehen und ihn auch zu senken. Kulturelle, emotionale und sozioökonomische Aspekte müssten deshalb genauso viel Beachtung finden wie Gesundheitsaspekte, lautet das Fazit des Wissenschaftsteams.

Die Zustimmung für Corona-Maßnahmen sinkt nach dem ersten Höhepunkt der Todesfälle im eigenen Land.

Um herauszufinden, wie groß die Zustimmung der Bevölkerung für Corona-Schutzmaßnahmen ist, hat das Wissenschaftsteam die Ergebnisse der Länder in zwei Gruppen unterteilt. Die erste Gruppe umfasst alle Antworten, die vor dem Tag erhoben wurden, an dem die Zahl der Todesfälle durch Covid-19 in einem bestimmten Land am höchsten war (Peak der Epidemie). Die zweite Gruppe enthält alle Ergebnisse, die in der Zeit nach dem Höhepunkt der coronabedingten Todesfälle im Land erfasst wurden.

Generell sei die Akzeptanz von staatlichen Gegenmaßnahmen sehr stark, sagen die Forscher. Vergleiche man allerdings beide Gruppen, sinke der Grad der Zustimmung deutlich ab.

Während diese in der ersten Gruppe bei 4.25 Punkten liegt, fällt sie bei der zweiten auf 4.01 Punkte (1 = ich stimme den Maßnahmen überhaupt nicht zu, 5 = ich unterstütze die Maßnahmen voll und ganz). Dies deute darauf hin, dass  Menschen restriktive Maßnahmen weniger unterstützen, sobald sie denken, dass eine Corona-Welle vorbei ist.

Die Mehrheit der Befragten findet, dass ein Impfstoff weltweit zur Verfügung gestellt werden soll. Nur die US-Amerikaner wollen Vorrang haben.

„Stellen Sie sich vor, eine Firma in Ihrem Land entwickelt erfolgreich einen Impfstoff zur Behandlung von Covid-19“ –wem sollte er vorrangig zugute kommen? Die meisten Befragten sind sich einig, dass ein Corona-Impfstoff weltweit, gleichermaßen und zum selben Zeitpunkt zur Verfügung gestellt werden sollte. Während in Deutschland 69 Prozent der Teilnehmer diese Option wählen, sind es in Indien 55, in Argentinien 56 oder in Spanien 57 Prozent.

Eine Mehrheit der US-Amerikaner wünscht sich dagegen, dass das Mittel zuerst ihrem, dann anderen Ländern zugänglich gemacht wird. Es sind 46 Prozent gegenüber 41 Prozent, die sich eine „globale Verfügbarkeit“ wünschen. Laut den Forschenden sind die USA weltweit das einzige Land, indem es eine Mehrheit für die Bevorzugung gibt. Auch Menschen aus Brasilien und Finnland (jeweils 41 Prozent) oder Portugal (42 Prozent) sind der Option „Mein Land sollte Vorrang haben“ zugeneigt. In Deutschland sind es lediglich 25 Prozent.

Gleichzeitig wählt nur ein kleiner Bruchteil der Menschen die dritte Option aus: „Der Corona-Impfstoff sollte zuerst Ländern mit den höchsten Infektionszahlen, dann anderen zur Verfügung gestellt werden“. In Deutschland und Portugal sind es jeweils 6 Prozent, in Australien 9, in Indien dagegen schon 19 Prozent.

Jüngere Menschen wären eher bereit als ältere, einen größeren Anteil ihres Einkommens zu opfern, wenn damit die Ausbreitung des Virus gestoppt werden könnte.

Im ersten Moment scheint es nicht eingängig: Menschen zwischen 18 und 25 Jahren würden im Vergleich zu Älteren auf einen viel größeren Anteil ihres Einkommens verzichten, wenn damit die Ausbreitung des Virus  eingedämmt werden könnte. Mehr noch: Die Bereitschaft, zu „zahlen“ nimmt laut der Umfrage linear mit dem Alter ab. Verwirrend, denn in der Regel zählen nicht jüngere, sondern ältere Menschen zur Risikogruppen für schwere Krankheitsverläufe nach einer Infektion mit Covid-19.

Die Forscher erklären die Ergebnisse damit, dass das soziale Leben junger Menschen viel stärker von Corona beeinflusst wird. Sie seien finanziell nicht abgesichert, hätten Angst um ihren Arbeitsplatz und würden generell in Bereichen arbeiten, die vom Lockdown stark betroffen waren und noch immer sind.

Außerdem hätten Jüngere kein soziales Netzwerk, das sie auffängt und unterstützt. Mit anderen Worten: Die sozialen, ökonomischen sowie emotionalen Aspekte der Pandemie berührten jüngere Menschen viel mehr als ältere.


Die Ergebnisse der Studie kann jeder einsehen, und genau darum geht es den Forschenden: „Viele Menschen sind sehr gut über den Gesundheitsaspekt informiert. Sie wissen zum Beispiel, dass sie sich ihre Hände waschen oder große Menschenmengen meiden müssen, um sich nicht anzustecken“, erklärt die Ökonomin und Politologin Anke Hoeffler von der Universität Konstanz, die zum internationalen Forschungskonsortium gehört. 

Die Umfrage gebe aber einen Einblick in die Psyche. „Wie eben die Tatsache, dass Stress wohl nicht so sehr von der Sorge über die eigene Gesundheit abhängt, sondern eher emotional und sozioökonomisch bedingt ist.“

Anke Hoeffler von der Universität Konstanz
Foto: Uni Konstanz

Die sozialen Herausforderungen der Corona-Krise seien wichtig, hätten allerdings in der Politik nicht genug Beachtung gefunden, so Hoeffler weiter. „Die meisten Menschen, die eine Machtposition innehaben, müssen sich den Herausforderungen im Alltag gar nicht stellen. Sie müssen sich beispielsweise keine Sorgen um Homeschooling machen.“

Empfehlungen für Entscheidungsträger

Als Wissenschaftlerin erhoffe sie sich, dass die Umfrageergebnisse Menschen zum Nach- und Umdenken anregen.

„Basierend auf den Umfrage-Einsichten entwickeln wir dann auch Empfehlungen für Entscheidungsträger. Dadurch können Kommunen und Regierungen besser informiert werden, mit welchen Maßnahmen sie auf regionale, nationale, aber auch globale Herausforderungen situativ angepasst reagieren können“, ergänzt Wolfgang Stojetz vom International Security and Development Center (ISDC) in Berlin und Leiter von Data & Analysis im „Leben mit Corona“-Team.

Wolfgang Stojetz vom International Security and Development Center (ISDC) in Berlin
Foto: ISDC

„Wir befinden uns in einer Situation, die uns alle vor eine ganze Reihe schwieriger Herausforderungen stellt“, so Stojetz weiter. „Wir wissen aus der Forschung, dass das gemeinsame Erleben solch schwieriger Situationen aus sozialer Sicht sowohl das Beste und das Schlimmste aus uns herausholen kann. Manchmal spalten sie, manchmal einen sie Gruppen und Gesellschaften.“

Wenn beispielsweise jemand pandemiebedingt seinen Arbeitsplatz verliert oder Einkommensverluste erleidet, so Stojetz, könnten durch den ökonomischen „Schock“ unmittelbar Risiken in den anderen Bereichen steigen. „Mögliche Folgen sind etwa eine Verschlechterung der mentalen Gesundheit und ein Anstieg der Wut dem Staat oder den Mitmenschen gegenüber.“

Soziale Effekte früh erkennen

Wo und wann während der Pandemie positive oder negative soziale Effekte dominieren, sei zunächst schwierig vorherzusehen. Es sei jedoch gleichermaßen wichtig, sie frühzeitig zu erkennen, erklärt Stojetz, da auch negative soziale Effekte enorme Risiken in Form von zwischenmenschlicher Gewalt oder gewaltsamen Protesten mit sich bringen können. „Unsere Daten können dabei helfen, soziale Herausforderungen und negative Implikationen auf das soziale Verhalten zu vermessen; und das quasi in Echtzeit.“

Was Hoeffler besonders interessant findet: Dass die Menschen rund um den Globus gar nicht so unterschiedlich auf die Pandemie reagieren zu scheinen.  „Vielmehr gibt es Unterschiede zwischen einzelnen Gruppen, wie etwa Jung und Alt.“

Zweite Umfrage dreht sich um das Sicherheitsgefühl

Am 1. Oktober hat auch die zweite Runde der Umfrage „Leben mit Corona“ begonnen und wird vermutlich sechs Monate laufen, so Anke Hoeffler. „Das Problem der Befragung ist im Allgemeinen, dass sie nicht repräsentativ ist. Deshalb ist es wichtig, dass so viele Menschen wie möglich die Fragen beantworten, damit wir die gesamte Bandbreite abdecken können.“

Diesmal wird es neben der Frage, ob man genug Lebensmittel zur Verfügung hatte oder auf vieles verzichten musste, auch darum gehen, wie sicher man sich zu Hause oder in der eigenen Nachbarschaft fühlt. Die Umfrage dauert etwa 15 Minuten und steht momentan in 18 Sprachen zur Verfügung. Weitere Sprachen sollen folgen.