Blick in einen Sektionssaal. Pathologen in ganz Deutschland sollen die Auswirkungen von Corona erforschen.
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BerlinNur durch die Obduktion Verstorbener habe man am Ende einen direkten Zugriff auf die Todesursachen, sagte einst Rudolf Virchow, der an der Berliner Charité das erste Pathologische Institut Deutschlands gründete. Virchows Prinzip gilt auch für die Erkrankung Covid-19, ausgelöst vom neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2. Wie die Pathologie hier zu entscheidenden Erkenntnissen beitragen kann, erklärt Professor David Horst, seit 2018 Direktor des Instituts für Pathologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Er ist somit ein direkter Nachfolger Virchows.

Der Bundesverband Deutscher Pathologen (BDP) hat dazu aufgerufen, möglichst viele Obduktionen an im Zusammenhang mit Covid-19 Verstorbenen vorzunehmen, nachdem das Robert-Koch-Institut (RKI) anfangs aus Gründen des Infektionsschutzes davon abgeraten hatte. Finden jetzt auch an der Charité Obduktionen statt?

Ja, wir führen inzwischen auch Obduktionen an Verstorbenen mit Covid-19 durch. Die erste Empfehlung des RKI, Obduktionen zu vermeiden, war sicherlich sehr vorsichtig formuliert und hatte zum Ziel, eine rasche Verbreitung der Erkrankung soweit wie möglich zu verhindern. Inzwischen ist diese Empfehlung aber zurückgenommen worden. Um uns vor Infektionen zu schützen, verwenden wir während der Obduktion eine ähnliche Schutzausrüstung, wie sie bei der Behandlung von Patienten mit Corona eingesetzt wird, also Atemschutzmaske, Schutzbrille und Schutzbekleidung.

Warum ist es überhaupt wichtig, solche Obduktionen durchzuführen?

Bei der Obduktion gelingt es uns, den Krankheitsverlauf zu rekonstruieren, die Todesursache festzustellen und Begleiterkrankungen detailliert zu erfassen. In dieser Tiefe ist das in der Klinik, in der man nur mit bildgebenden Verfahren oder durch eine Operation in den Körper hineinsehen kann, nicht möglich. Wenn wir die Schäden, die im Körper durch die Sars-CoV-2-Infektion angerichtet werden, genau verstehen und wissen, welche davon den Todeszeitpunkt bestimmt haben, können wir Patienten in Zukunft besser behandeln und versuchen, tödliche Verläufe zu verhindern.

Am Institut für Pathologie der Universitätsklinik in Aachen soll ein zentrales deutsches Register aufgebaut werden, um die Erkenntnisse aus den Obduktionen zu sammeln. Beteiligen Sie sich daran?

Ja, wir beteiligen uns an dem Register. Es werden hier anonym Angaben zusammengetragen, was bei den Verstorbenen mit Corona die Todesursache war, welche weiteren Erkrankungen wir gefunden haben und welches Gewebe mikroskopisch untersucht wurde. Dieses Register ist wichtig, damit wir einen möglichst vollständigen Überblick bekommen und Berichte von wenigen obduzierten Fällen das Bild der Erkrankung nicht verzerren.

Wie viele Verstorbene wurden an der Charité bereits obduziert?

Bislang haben wir in der Pathologie elf Obduktionen von Patienten mit Covid-19 durchgeführt.

Beobachten Sie an der Charité einen überdurchschnittlichen Zuwachs an Verstorbenen – durch Corona?

Die Zahlen geben das bislang nicht her, und die sogenannte Durchseuchung mit Sars-CoV-2 ist ja auch noch sehr gering. Daher sehen wir bisher noch keinen überdurchschnittlichen Zuwachs an Verstorbenen insgesamt. Das kann sich aber ändern, wenn die Zahl der Infektionen sprunghaft steigen sollte.

Welche Altersgruppen werden vor allem von einem letalen Ausgang betroffen?

Bei den Verstorbenen, die wir untersucht haben, sind dies überwiegend ältere Menschen, mit einem Altersdurchschnitt von etwa 69 Jahren. Es sind allerdings auch Fälle von Jüngeren dabei, zum Beispiel von einer Frau, die mit nur 45 Jahren an Covid-19 gestorben ist.

Foto: Christoph Weber/Charité
Zur Person

David Horst, 1978 in Ulm geboren, ist Facharzt und Professor für Pathologie. Er forschte unter anderem an der Universität München und an der Harvard University. Ab 2016 war er stellvertretender Direktor des Pathologischen Instituts der Universität München. Seit 2018 ist er Direktor des Instituts für Pathologie der Charité.

Haben auch bei Ihnen die meisten Verstorbenen bestimmte Vorerkrankungen? Die Rede war ja unter anderem von Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes oder vorgeschädigten Herzkranzgefäßen.

Ja, das können wir bestätigen. Tatsächlich hatten alle bei uns untersuchten Verstorbenen Vorerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems oder der Lunge. Einige waren auch übergewichtig. Allerdings sind diese Erkrankungen bei Menschen über 65 Jahren in Deutschland extrem häufig. Jeder Dritte ist davon betroffen. Wir sehen daran, dass die Risikogruppe, bei der Corona-Infektionen häufiger einen tödlichen Verlauf nehmen, enorm groß ist. Auch sind die Vorerkrankungen in den bei uns untersuchten Fällen nicht akut lebensbedrohlich gewesen.

Sind Sie auch auf Besonderheiten bei inneren Prozessen gestoßen, von denen einige Ihrer Kollegen bereits berichteten? Wenn ja, auf welche?

Drei Folgen der Erkrankung sehen wir häufiger. Akute Lungenschäden, die dazu führen, dass die Lunge sich mit Flüssigkeit füllt und kein Gasaustausch mehr möglich ist. Zudem breiten sich in diesen geschädigten Lungen dann oft Bakterien aus, die zu einer schweren Lungenentzündung und zur Sepsis führen. Unabhängig von der Lunge sehen wir auch häufig, dass es zu Störungen der Blutgerinnung kommt. In den Blutgefäßen bilden sich Thromben, also Gerinnsel, die dann zum Beispiel in die großen Lungengefäße verschleppt werden und zu einem akuten Herz-Kreislaufversagen führen können. Auch in den kleinen Gefäßen der Organe finden wir Mikrothromben, die dort die Durchblutung stören, zu Nekrosen, also zum Absterben des Gewebes führen, und dadurch die Organe schädigen.

Das Wissenschaftsjournal Science und einige Pathologen sprechen von einem sehr vielfältigen Bild an Schäden. Zu lesen war da von schweren Entzündungen verschiedener Organe, Herzschäden und neurologischen Schäden bis hin zur Enzephalitis. Worin liegen die Ursachen für solch eine Vielfalt an Schäden?

Das vielfältige Erscheinungsbild ist zum Teil dadurch zu erklären, dass der Körper mit einer überschießenden Antwort auf die Infektion reagiert. In der Lunge werden zu viele Zytokine freigesetzt, also Botenstoffe, die Entzündungsprozesse in Gang setzen. In den Blutgefäßen wird die Gerinnung zu stark aktiviert, wodurch es zu Gefäßverschlüssen kommt, die dann das entsprechende Organ schädigen. Ob bei der Infektion das Virus selbst die Organe schädigt, wissen wir noch nicht. Wir sehen aber, dass das Virus auch in anderen Organen, wie zum Beispiel in den Nieren, in einigen Fällen nachweisbar ist.

Gibt es bereits Ansätze zu Erklärungen, warum es auch jüngere Patienten treffen kann, die keine bisher sichtbaren Vorerkrankungen haben?

Ob es neben den Vorerkrankungen weitere Prädispositionen gibt, die zu einem schweren Verlauf der Erkrankung führen, wissen wir noch nicht. Dabei gibt es aber auch viele Variablen. Zum Beispiel könnte sich auch ein jüngerer Coronapatient mit Lungensymptomatik versehentlich zusätzlich mit einem Bakterium infizieren, das zu Lungenentzündungen führt, was dann gefährlich wird. Auch können andere Faktoren, wie zum Beispiel bestimmte Hormone oder der individuelle genetische Hintergrund, mitbestimmen, ob ein Mensch leichter Gerinnungsstörungen bei der Infektion bekommen kann. Solche Zusammenhänge müssen jetzt untersucht werden.

Könnten die Erfahrungen, die man bei Obduktionen macht, helfen, die Behandlung zu verbessern? Zum Beispiel möglichst früh bestimmte Maßnahmen einzuleiten oder auch Behandlungen zu unterlassen?

Ich denke schon. Wir können die Vermutungen aus den klinischen Verläufen durch die Obduktion sichern. Wir haben zum Beispiel gesehen, dass die gestörte Blutgerinnung tatsächlich eine häufige Todesursache ist. Wenn man das in den Griff bekommt, was allerdings nicht einfach ist, können Patienten in Zukunft möglicherweise davor bewahrt werden.

Lässt sich jetzt schon sagen, wie groß die Folgeschäden bei Menschen sein können, die die Erkrankung überstanden haben?

Bisher noch nicht, weil wir die Erkrankung ja auch erst seit ein paar Monaten kennen. Es ist aber denkbar, dass bei Patienten, die einen schweren Verlauf überleben, die Schäden an der Lunge zu einer langfristigen Beeinträchtigung und verminderter Belastbarkeit führen. Oder auch, dass Gefäßverschlüsse zu langfristigen Schäden an Nieren, Gehirn oder anderen Organen führen. Wie häufig das vorkommen wird, kann man bislang noch nicht sagen.

Viele Menschen aus allen Altersstufen haben jetzt Angst, an Covid-19 zu sterben. Könnten Sie aus Ihrer bisherigen Erfahrung einen Rat geben?

Tatsächlich halte ich die Infektion für ältere Menschen für gefährlich. Insofern denke ich, dass Maßnahmen zur Infektionsvermeidung, wie Abstand halten, Besuche minimieren und auch Atemschutzmasken, gerade für ältere Menschen wichtig sind, ohne dabei irrational zu sein. Man muss bedenken, dass wir noch am Anfang der Infektionswelle stehen und die Durchseuchung noch gering ist. Zur Normalität können wir aber vermutlich erst dann zurückkehren, wenn wir eine Therapie oder eine wirksame Impfung haben.

Was halten Sie von einer Diskussion über das Sterben „an“ oder „mit“ Corona? Spielt das am Ende eine Rolle?

Ich finde diese Diskussion unglücklich. In den bei uns obduzierten Fällen sind die Menschen „an“ Corona gestorben. Zwar hatten alle Verstorbenen Vorerkrankungen, aber nicht in einem Ausmaß, dass diese jetzt akut lebensbedrohlich gewesen wären. Insofern halte ich es für ganz wichtig, dass nicht der Eindruck entsteht, Corona wäre nicht gefährlich, weil die Menschen sowieso gestorben wären. Sie wären ohne Corona nicht jetzt gestorben.

Das Gespräch führte Torsten Harmsen.