Antje Boetius im Tieranatomischen Theater der Humboldt-Universität, in dem sie ihr "Theater des Anthropozän" inszenierte.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinAntje Boetius betritt den Hörsaal des Tieranatomischen Theaters  und ist gleich wieder begeistert: die Eleganz des Raums, die theatrale Atmosphäre, die Wandgemälde! So hat man im 18. Jahrhundert Wissenschaft in Szene gesetzt. Der Bau ist das älteste erhaltene akademische Lehrgebäude in Berlin, entstanden als Teil der neuen Tierarzneischule. In dem kreisrunden Hörsaal wurden Tierkadaver seziert. Vor einem halben Jahr wurde der Raum für einen Abend zur Bühne: Hier zeigte das von der Humboldt-Universität präsentierte und von Antje Boetius mit erdachte "Theater des Anthropozän" seine erste Vorstellung. Wegen der Corona-Pandemie wird das Projekt derzeit auf anderen Wegen fortgesetzt, auch digital. Wer glaubt, die Meeresbiologin habe als Leiterin des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts, Universitätsprofessorin, gefragte Klimaexpertin und Mitglied renommierter Institutionen wie der Leopoldina  doch unmöglich Energie für andere Projekte übrig, der kennt sie schlecht. 

Frau Boetius, im März standen Sie in diesem Saal, barfuß und im grünen Kleid, und erzählten einem Publikum von der Entstehung der Bäume und Wälder. Sie waren in dem Moment fast mehr Schauspielerin als Wissenschaftlerin. Warum der Rollenwechsel?

Mir ist es wichtig, in der Wissenschaftskommunikation immer mal was Neues auszuprobieren – wie zum Beispiel Fakten der Naturgeschichte mit Poesie auf einer Bühne zu verknüpfen. Die Idee für das „Requiem für einen Wald“ im Rahmen des Theater des Anthropozän hatte ich zusammen mit dem Dramaturgen Frank Raddatz. Wir hatten uns bei einer Veranstaltung kennengelernt und gemerkt, dass wir uns viel zu sagen haben als Naturwissenschaftlerin und Theatermensch. Und wir fanden, dass eine Verschränkung von Wissenschaft und Kunst ganz neue Möglichkeiten bietet, das Anthropozän zu verhandeln, also die aktuelle Erdepoche, in der der Mensch den Planeten maßgeblich verändert, und zwar nicht zum Guten.

Alfred-Wegener-Institut
Antje Boetius

Seit 2017 ist Antje Boetius Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts Helmholtz-Zentrum für Meeres- und Polarforschung, unter dessen Leitung gerade die größte Arktisexpedition aller Zeiten stattfindet: Auf dem Eisbrecher Polarstern erforschen Wissenschaftler aus 20 Nationen die Arktis im Jahresverlauf. In ihrer Forschung hat sich die 1967 geborene Meeresbiologin auf Tiefseeökosysteme spezialisiert. Sie untersucht Mikroorganismen, die Teile des Meeresbodens besiedeln und langfristig Einfluss auf das weltweite Klimageschehen haben. Über 50 Expeditionen, unter anderem in Arktis und Tiefsee, wurden von ihr geleitet. Für ihre Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Ihr Vater ist der Schriftsteller Henning Boetius, ihr Großvater Eduard Boetius war eines der überlebenden Besatzungsmitglieder des Zeppelins "Hindenburg", der 1937 abstürzte.

Ich bin überzeugt, dass es einen Unterschied macht, wenn man den Zuschauern die Möglichkeit gibt, Fakten wie die Veränderung der CO2-Konzentration in Zahlen einzuordnen, wenn man tiefer eindringt: Was liegt dem eigentlich zugrunde, was ist die Beziehung von Mensch und Natur? Ist das neu, dass da etwas schiefgeht? Wir haben beim Requiem dazu Texte als Collage zusammengestellt, an diesem ersten Abend ging es um den Wald. Was ich absolut interessant finde, ist, dass die ersten Texte, die je vom Menschen geschrieben wurden, direkt mit dem Konflikt Wald und Mensch, Mensch und Tier zu tun haben.

So wie das Gilgamesch-Epos, aus dem gelesen wurde.

Ja, das ist über 4000 Jahre alt und schon eine Auseinandersetzung mit der Zerstörung des Zedernwalds im Libanon damals. Als Naturwissenschaftlerin erweitern solche Texte meinen Horizont. Wir versuchen ja auch, Zeitreisen zu machen mit unseren Erdsystem-Daten, aber diese Ebene der vertikalen Einordnung fehlt uns: Was haben die Menschen gesehen, gedacht? Bringt man das zusammen, stellt man fest: Dieser Konflikt gehört zu uns Menschen. Wir haben aber auch immer Wege gefunden, ihn temporär zu lösen, sonst wäre es ja nicht weitergegangen. Immer wieder drohte aber auch der Untergang.

Aber unser Tun hatte noch nie so drastische Konsequenzen wie jetzt.

Das stimmt, denn nun wirken wir global. Doch wenn man sich überlegt, wie es sich für die Menschen damals vor Jahrtausenden in ihrer viel kleineren Welt angefühlt hat: Der Wald wurde abgeholzt, um die ersten Städte zu bauen, und dann wurde das Grundwasser nicht mehr gehalten, es gab Wassermangel und Krankheiten. Die Menschen mussten längere Reisen unternehmen, um Holz zu besorgen. Die Katastrophe, die sie ausgelöst haben, hat ihre kleine Welt zerstört, von daher waren die Ängste vielleicht ähnlich. Die globale Veränderung ist aber nun besonders, weil es um den einen Planeten geht, einen zweiten haben wir nicht. Die Skala, auf der wir agieren, hat sich verschoben.

Ist es nicht umso deprimierender, dass die Menschheit schon oft erfahren hat, dass sie mit der Natur falsch umgeht, und es immer wieder tut?

Es scheint ein wiederkehrendes Menschenschicksal. Gerade beschäftige ich mich mit der Sintflut. Ein anderes Ur-Motiv: Die Menschen machen Mist, die Götter bestrafen sie mit Überschwemmungen, sie bekommen aber noch eine Chance. Und dann müssen sie sich ihre Umwelt neu bauen, indem sie sich für bestimmte Tiere und Pflanzen entscheiden. Das gibt es nicht nur in der Bibel, die Sintflut und die Rettung weniger Menschen samt einiger anderer Arten ist in vielen Kulturen als Mythos angelegt. Und es ist auch das, was wir heute tun. Wir Wissenschaftler müssen gerade lange Listen schreiben von gefährdeten Arten, deren Überleben wir sichern wollen. Das ist auch ein Arche-Noah-Prozess, den wir gerne auf die Bühne bringen wollen.

Eine Bühne für die Wissenschaft: das Tieranatomische Theater auf dem Campus der Humboldt-Universität.
Berliner Zeitung/Markus Wächter

Über die Gefährdung der Natur, der Lebensräume in der Arktis, die Tiefsee halten Sie viele Vorträge. Sie sind ausgezeichnet worden für Ihre Fähigkeit, diese Zusammenhänge anschaulich darzustellen. Aber diese Art der Vermittlung genügt Ihnen nicht. Warum der Ausflug ins Theater?

Das Theater ist anders berührend und partizipativ, man steigt dort als Zuhörer aus seinem normalen Alltag und der Sprache aus, Botschaften werden verändert dadurch, dass Schauspieler etwas vortragen. Die Kunst hat andere Möglichkeiten, beim Betrachter oder Zuhörer einen Perspektivwechsel auszulösen. Man kann mit den Mitteln der Raum- und Zeitreise eine Utopie schaffen oder eine Dystopie. Das erlaubt, Zustände und Zukünfte neu zu denken. Wenn ich wissenschaftliche Fakten verknüpfe, um Zukunftsbilder zu generieren und diese dann sprachlich ausmale, komme ich auch in der Risiko-Kommunikation viel weiter. Dann kann ich besser erklären: Was passiert denn, wie fühlt sich das an, wenn wir eine Erderwärmung um zwei Grad haben? Sich Extreme zu denken, ist wichtig und doch: Das ist nicht das Ende der Welt. Dann verdampft nicht der Ozean, und die Erde stürzt nicht in die Sonne, aber wir laufen aus unseren Mensch-Natur-Zusammenhängen raus, die wir gewohnt sind, für die wir Technik und Infrastruktur geschaffen haben. Es geht also darum, die sehr technischen Fakten in ein Zukunftsbild zu verwandeln, bei dem jeder sich vorstellen kann: Ach, so sieht es dann aus! – Da lassen sich Praktiken der Wissenschaft und Kunst gut vereinen.

Die Kunst berührt mehr, durch die Geschichten, die sie erzählt?

Ja, sie kann das, wenn sie will, und das beginnt schon mit der Sprache. Wenn ich als Wissenschaftlerin in der Politikberatung sage: „Bis zum Ende des Jahrhunderts dürfen wir nur 475 ppm CO2 in der Atmosphäre haben, sonst wird die Durchschnittstemperatur der Erde um mehr als zwei Grad erhöht und das lässt den Meeresspiegel um mehr als einen Meter steigen“, ist das etwas völlig anderes, als wenn sich junge Menschen auf der Straße versammeln und rufen: „Ihr zerstört unsere Zukunft!“ Beides ist faktisch richtig und auf der jeweiligen Bühne angebracht. Mir kommt es bei diesem drängenden Thema zunehmend wichtig vor, den empathischen Zukunftsblick zu wagen und die Bühnen zu wechseln. Das Wissen soll überschwappen.

Unsere Collagen im Theater des Anthropozän sind ein Versuch, mit dem Publikum die Grenzen zu überschreiten zwischen einer kühlen Naturwissenschaft und dem dramatischen Theater. Das kann durchaus mal durchmischt werden, so dass man als Zuschauer beginnt, die Fakten, die Einordnung und die Empathie zusammenzubringen.

Empathie spürt man bei Ihnen immer, auch wenn Sie als Wissenschaftlerin einen Vortrag halten.

Sie meinen die Liebe zum Meer, ja, diese Bindung strahlt wohl in meine Kommunikation als Meeresforscherin mit rein. Ich kann über das Meer nicht reden wie über ein physikalisches Gewässer, auch weil ich mich vor allem mit dem Leben darin beschäftige. Es bedeutet mir so viel, die Meere erforschen zu können und sie zu bereisen, dass die Liebe zum Ozean und seinen Geschöpfen wohl mitschwingt, auch wenn ich ganz simple Fakten vorstelle.

Diese Fakten sind oft erschreckend, wenn Sie zum Beispiel berichten, mit welchem Tempo das Meereis in der Arktis schmilzt. Alarmismus hört man bei Ihnen aber nie durch, sondern vielmehr einen erstaunlich positiven, entschlossenen Grundton.

Es nützt ja nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. Ich glaube, dass haben mir meine Eltern und Großeltern vermittelt: Man muss Haltung zeigen und dann zumindest mit dem Gefühl untergehen, dass man es versucht hat. Vor allem mit meiner Großmutter mütterlicherseits hatte ich als Kind sehr viel zu tun. Sie musste früh von der Schule gehen, hat dafür gekämpft, dass sie wenigstens eine Ausbildung zur Physiotherapeutin machen durfte, im Krieg hat sie damit vier Mädchen allein großgezogen. Sie glaubte immer daran, dass man aus der eigenen Stärke die Zukunft gewinnt. Mir hat sie vermittelt: Du musst arbeiten, lernen, deine Zukunft selber bauen, bloß nie abhängig sein.

Sie haben auf sie gehört und eine eindrucksvolle Karriere gemacht: Meeresbiologin, Tiefseeforscherin, Arktis-Expeditionsleiterin, Universitätsprofessorin, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts. War das ein stringenter Weg?

Doch, schon, aber eher aus romantischen Gründen als aus Karriereplanung. Ich wusste schon als Kind, ich will Ozeanentdeckerin werden, ohne genau zu wissen, wie das dann geht. Ich war eine Leseratte und habe mich immer in Fantasiewelten begeben, mit den Büchern von Jules Verne zum Beispiel. Wie kommt man an diese unbekannten Orte, was wartet da auf einen, was ist denn eigentlich die Erde? Diese Fragen haben mich stark beschäftigt. Ich habe mir vorgestellt, dass ich auf dem Schiff bin, ins U-Boot steige und tagelang durch die Gewässer reise und die Welt von unten kennenlerne. Das ist nicht so gekommen, weil es gar keine U-Boote gibt, die tagelang für die Forschung unterwegs sind. Aber der Rest ist wahr geworden.

Kommen Sie noch dazu, Tauchgänge zu machen?

Gerade eben, auf den Azoren, war ich 1000 Meter tief in der Lula 1000, einem U-Boot. Ich forsche gerade an einem vulkanischen Gebiet in der Arktis. Die Azoren sind ja auch Vulkaninseln mit ganz bestimmten Formen von Lebensgemeinschaften, und es ist sehr interessant, diese Gebiete zu vergleichen. Aber solche Tauchgänge sind selten geworden, auch weil es leider nur noch sehr wenige bemannte U-Boote gibt. Es ist sehr teuer, und inzwischen kann man mit Robotern fast alles machen.

Auch wenn man Dutzende Male da unten war wie Sie: Bleibt das Gefühl, dass das ein Ort ist, an dem man einfach fremd ist als Mensch?

Ja, weil man da nicht überleben könnte ohne den Schutz des U-Bootes - und doch fühlt es sich für mich immer wie nach Hause kommen an. Als wir abtauchten, war ein Schwarm Fische da, sie tummelten sich vor der Glaskuppel der Lula und schienen hineinzuschauen, als wären wir die Goldfische in ihrem Aquarium. Das war seltsam schön.

Die Vermittlung, die Einordnung, auch für ein breites Publikum: War Ihnen das schon immer ein Anliegen?

Zuerst habe ich strikt über mein Forschungsgebiet gesprochen, die Tiefsee. Ich habe aber gemerkt, die Leute wollen nicht nur wissen, was lebt in der Tiefsee, die wollten wissen, wie geht es der Tiefsee, ändert sie sich, was haben sie damit zu tun, wie kann sie geschützt werden, nutzt sie was. Das waren andere Fragen, als ich sie bis dahin erforscht hatte. Aber dann kam ich näher an Fragen, wie der Klimawandel die Tiefsee verändert, und wie Tiefsee-Mikroben das Klima und die Lebensvielfalt beeinflussen. Dann wollten die Zuhörer auch nicht nur die Daten, sie wollten eine Einordnung: Wie geht es denn weiter mit Ozean und Erde, was kann die Politik tun, was die Wirtschaft, die Wissenschaft, und jeder Einzelne? Und darauf muss man Antworten haben, finde ich.

So sind die Fragen, über die ich spreche, immer größer geworden. Mich beschäftigt nun, wie man Lösungen weiterdenken kann. Natürlich müssen wir Wissenschaftler auch über die Zerstörung reden, die die Klima- und Biodiversitätskrisen bringen, wir dürfen nichts verschweigen, aber man kommt in viel bessere Dialoge, wenn man den Zuhörern, den Dialogpartnern, auch Lösungen vorstellt. Das hat meine Kommunikation nochmal verändert. Die Lösung steckt nur im Menschen selbst, wie die Zerstörung auch. Dann ist man sofort bei Politik und Gesellschaft, bei Technik, bei Innovationsprozessen, bei Ethik, und da kann an sich jeder mitreden, seine Hoffnung formulieren.

 
Jetzt aber

Wie ein Miteinander von Mensch und Planet doch noch gelingen kann. Ein Wissenschafts-Dossier. 

Teil 1: Wir müssen nur wollen
Teil 2: Essend dem Planeten helfen
Teil 3: Der Wald von morgen
Teil 4: Wie werden wir morgen wohnen?
Teil 5: So werden wir künftig mobil sein
Teil 6: „Wir sollten das ohne Sintflut schaffen"
Teil 7: Plastik - und wie wir das Problem lösen können
Teil 8: Der Wiedergutmacher

Das berührt ja auch das Selbstverständnis der Wissenschaft. Sie sind Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, vor einem Jahr hat Ihre dortige Arbeitsgruppe der deutschen Klimapolitik ein schlechtes Zeugnis ausgestellt, was große Beachtung fand. War es umstritten, sich so klar zu positionieren?

Ja, das kam nicht bei allen gut an. Einige Kollegen sind der Meinung, es muss in der Wissenschaft Ruheräume geben, Denkräume, sie darf nicht zu politisch werden. Ich finde, es braucht beides – aber nun ist eine Zeit gekommen, in der es wichtig ist, dass die Klimafolgen-Wissenschaft Pfade in die Zukunft aufzeigt, denn die Klimakrise wartet nicht, bis wir mit anderen Problemen fertig sind.

Genau das wird von der Wissenschaft gerade in nicht gekanntem Ausmaß erwartet: dass sie in Bezug auf das Coronavirus nicht nur sagt, was Sache ist, sondern auch Handlungsanweisungen gibt. Was schwierig ist in einem Feld, in dem der Wissensstand sich ständig ändert.

Corona ist ein Lehrstück darin, wie man wissenschaftliches Wissen in Handlung übersetzt. Es geht ja um ein unbekanntes Virus, um eine neue Epidemie, für die wir gar nicht immunisiert sind. Die Frage der Masken ist ein gutes Beispiel für das Thema Innovation durch soziale Praktiken. Am Anfang wurde gesagt, sie schützen nicht. Das stimmt ja an sich, denn der Virus passt durch die Maschen des Stoffes. Dann sind sie dennoch zentrale Maßnahme. Denn wenn sie alle tragen, schützt jeder jeden. Zudem ist die Maske eine Mahnung: Aufpassen, Abstand. Es stimmt also beides: Die Maske schützt und sie schützt nicht. Für den einzelnen fühlt sich das wie ein Widerspruch an oder wie Unentschiedenheit oder Holprigkeit. Auch so etwas Einfaches muss gut erklärt sein, sonst verlieren die Menschen Vertrauen. Ich glaube, da haben alle viel gelernt: Die wissenschaftliche Methode bedeutet, dass Fakten auf vielen Ebenen zusammengetragen und eingeordnet werden, aber auch, dass Umsteuern erlaubt ist, weil wir erstmalige Forschungsergebnisse über das Unbekannte direkt in die Gesellschaft tragen durch Handlungsanweisungen.

Kann eine positive Konsequenz aus dieser Krise sein, dass die Wissenschaft auch in der anderen, der planetaren Krise mehr gehört wird?

Sie wurde auch vorher schon gehört, seid über zwanzig Jahren gibt es enge Beratung und Austausch mit der Politik zu Klima-, Umwelt- und Naturschutz. Es wurden aber keine drastischen Maßnahmen ergriffen, weil die Veränderungen nicht als Krise empfunden wurden, außer vielleicht beim Ozonloch. Das ändert sich gerade, ich bin zuversichtlich, dass der Blick in die Zukunft nun besser gelingt. Ich würde sagen, sogar mehr als den Kontakt zur Natur haben wir in der Vergangenheit den Kontakt zur Zukunft verloren. Wir konnten uns nicht wirklich eine Zukunft vorstellen, sondern nur eine verbreiterte Gegenwart.

Antje Boetius auf einem Expeditionsschiff.

Foto: Alfred-Wegener-Institut

Konnten die Menschen das jemals besser? Ist das nicht Teil des Problems, dass es uns nicht eigen ist, weit voraus zu schauen?

Das kommt darauf an. Sich die Zukunft zu erkämpfen, ist bei den meisten Menschen auf der Welt ein Thema, das heißt, am Ende des Monats noch was zu essen zu haben, nicht zu frieren und nicht zu verdursten. So lange diese Basisbedürfnisse nicht befriedigt sind, ist man immer dabei, seine Zukunft zu sichern. Es geht ja ums Überleben. Bei uns ist Zukunftssicherung nun aber auf einem ganz anderen Horizont, denn der Wohlstand ist so hoch.

Da musste erst die junge Generation kommen.

Ja, und die sagt nun: Ihr, die Alten, habt uns eben mal die Atmosphäre kaputtgemacht.

2019 wurde das Jahr der Fridays for Future-Demonstrationen, der Klimawandel wurde ein gesellschaftliches Thema. Werden wir trotz Pandemie daran anschließen können?

Ich denke, ja. Ich glaube sogar, das Gefühl der Dringlichkeit ist fundamental verstärkt worden. Unsere Hybris ist uns vor Augen geführt worden: Wir fühlten uns unbesiegbar und dann kommt so eine fremde DNA, ein Virus - und plötzlich ist wieder ein neuer Überlebenskampf da. Es geht ja für immer mehr Menschen um Leben und Tod.

Aber da hat man einen Gegner. Beim Klimawandel sind wir das Problem.

Das stimmt auf den ersten Blick. Auf den zweiten gilt: Beim Coronavirus sind wir auch der Gegner, es gibt ja Evidenz, dass diese Pandemie auch von einem falschen Umgang mit der Natur kommt. Da ist noch keine direkte Kausalkette herzustellen, aber die Verringerung des Lebensraums von Tieren, die eine Vielzahl von Viren in sich tragen, die sich leicht verschiedene Wirte suchen, das ist natürlich gefährlich. Und wenn die dann noch lebendig oder frisch geschlachtet auf Tiermärkten sind, verbreiten sich Viren wie Corona leicht.

Um zu spüren, was daran falsch ist, müssen wir einen neuen Bezug zur Natur finden.

Unser Bezug zur Natur ist noch da. Zurzeit denke ich viel über das Reisen nach, gerade weil es derzeit nicht geht, und ein Teil dieser unglaublichen Sehnsucht danach hat ja mit der Suche nach einem Ideal von Landschaft zu tun, das uns im Alltag nicht gegeben ist. Durch Corona haben wir gemerkt, wie beruhigend die Farbe Grün auf uns wirkt, und viele Menschen haben entdeckt, wie wichtig es ist, ein kleines Beet zu haben, etwas wachsen zu sehen. Es braucht ganz wenig, um die Nähe zur Natur wieder zu schaffen. Doch ihr ist ja egal, ob wir romantische Gefühle für sie haben. Sie ist sowieso da, und sie ist viel resilienter als der Mensch. Wenn wir sagen, wir machen die Natur kaputt, heißt das eigentlich, wir machen uns kaputt. Denn wir brauchen die Natur, um zu überleben. Und für mehr als Essen, Trinken und Atmen. Auch für eine Ästhetik, um uns wohlzufühlen, für unsere Gesundheit. Wir zerstören also gerade unsere Lebensbedingungen, nicht den Ozean oder die Erde selbst. Die wird bleiben, bis sie in einigen Milliarden Jahren verbrennt.

Und dass der Mensch eine verändernde Kraft auf dem Planeten ist, wird wahrscheinlich auch so bleiben. Wie kann man ein Gefühl verankern für diese Verantwortung?

Das ist nicht so schwer, glaube ich. Wenn man den Klimawandel nimmt: Das sind ja doch recht einfache Zusammenhänge, und wir sind in den letzten 50 Jahren aus vergleichbaren Problemen rausgekommen. Als alle Waschmittel noch Phosphat beinhalteten und die Küstenmeere nacheinander umkippten, war es möglich, sie zu verbieten, und seitdem können wir wieder in den Flüssen schwimmen, durch Umweltregeln sind die Meere sauberer geworden. Wir haben auch die FCKWs, die die Ozonschicht zerstörten, in den Griff bekommen. Es geht also an sich, durch Regeln und klare Kommunikation sowie Innovationen Lösungen zu schaffen.

Aber eine Schicht, die plötzlich ein Loch bekommt, ist als Problem konkreter als eine Reihe heißer Sommertage.

Mit dem CO2 ist es auch ganz konkret: Wir wissen genau, wie viel unsere Atmosphäre tragen kann, um unter 2 Grad durchschnittlicher Erwärmung zu bleiben. Und wir kennen die CO2-Konzentrationen und Temperaturen des Holozän, also des Erdzeitalters der letzten 12.000 Jahre, in dem sich die Menschheit maßgeblich entwickelt hat. Unter diesen Umständen kommen wir Menschen als Art gut voran. Und jetzt laufen wir jenseits dieser Bereiche, es ist also ganz einfach, dann festzustellen: In der Welt, wie sie dann ist, werden wir Menschen es sehr schwer haben.

Also muss es doch erst noch schlimmer werden, bevor wir umsteuern.

Es schockiert mich immer, wenn Historiker sagen: In der Menschheitsgeschichte waren es immer nur Katastrophen, die den Weg verändert haben. Es gebe keine Evidenz, dass wir Menschen ohne Katastrophe, ohne Krieg, ohne Zusammenbruch so richtig was Gutes machen. Aber wenn man die CO2-Kurve aufmalt und man fügt alle Krisen ein, sieht man: Immer, wenn eine Krise kam, ist der CO2-Ausstoß runtergegangen. 2001 war das so, bei der Finanzkrise 2008, jetzt bei der Corona-Pandemie. Das wird die Krise sein, die am meisten CO2 reduziert hat - es sind allerdings immer noch nur zehn Prozent, und wir müssen bis 2050 klimaneutral werden. Trotzdem möchte ich der Katastrophen-Theorie nicht glauben. Sie widerspricht mir im Innersten. Und sie passt auch nicht zu dem, was meine Oma mir beigebracht hat. Im Ernst: Wenn wir uns Wissens- und High-Tech-Gesellschaft nennen, dann sollten wir damit Lösungen schaffen können, die keine Sintflut voraussetzen.